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Ermländische Wallfahrtsorte | ||
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Wichtige Vorbemerkung Diese Beschreibung der ermländischen Wallfarhtsorte erschien 1938 in Braunsberg im Nova Zeitungsverlag G. m. b. H., Abtlg. Ermländische Zeitungs- und Verlagsdruckerei. - Der Verfasser zog es damals vor, ungenannt zu bleiben.
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Vorwort
Das Ermland hat keine Wallfahrtsorte vom Range Altöttings und Kevelaers, Vierzehnheiligens und Mariazells, Telgtes und Albendorfs und wie die berühmten Gnadenstätten im weiten deutschen Vaterland alle heißen. Wir sind nun einmal - die Verhältnisse bedingen es - einfacher (...) Doch hat auch unsere Heimat eine Reihe von Gnadenorten aufzuweisen, die durch schlichte Innigkeit das ersetzten, was ihnen an rauschender Pracht und Umfang des Verkehrs abgeht. Ihnen sei dieses anspruchslose Büchlein gewidmet. Der aufmerksame Leser wird bald die Gemeinsamkeiten herausfinden, die in den Entstehungsgeschichten der meisten von ihnen sich finden und die in der einheitlichen Wurzel begründet sind: bestimmte Lieblingsandachten und Lieblingslegenden des christlichen Volkes. Meist war es ein geschichtlicher Anlaß, der einen bestimmten Ort zum Wallfahrtsort erhob, auf den dann Legenden, die man von anderswo gehört hatte, übertragen wurden. Ihre Blüte erreichten die Wallfahrten im Zeitalter des Barock, als das kirchliche Leben einen ungemein reichen Auftrieb bekam. Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass die meisten Wallfahrtskirchen den barocken Stil zeigen und dass gerade auch in unserer Heimat die schönsten Barockkirchen zugleich Wallfahrtskirchen sind.
Der folgenden Darstellung liegt weitgehend die Übersicht von L. Stange zugrunde (in: Ch. Schreiber, Wallfahrten durch deutsche Land, Sankt-Augustinus-Verlag Berlin). Selbstverständlich sind auch die bekannten Einzeldarstellungen der ermländischen Wallfahrtsorte nach Möglichkeit herangezogen worden.
Bischofstein
Die Wallfahrt zum hl. Blut nach Bischofstein gehört (...) nicht mehr zu den bevorzugten unseres Bistums, jedenfalls kommt ihr nicht mehr die Bedeutung zu, die sie besonders im 18. Jahrhundert hatte, wo die Bischofsteiner Kirche eine vielbesuchte Gnadenstätte war. Die Anfänge der Wallfahrt liegen im geschichtlichen Dunkel verborgen. Zum erstenmal wird von dem Blutwunder, an das die Wallfahrt angeknüpft haben soll, im Jahre 1530 erzählt in einer Chronik, die ein Heilsberger Bürgermeister verfaßte, der gewiß selbst an Wallfahrten nach Bischofstein teilgenommen hatte. Als der ermländische Bischof Heinrich III. Sorbom (+ 1401), so heißt es in diesem Bericht, zur Einweihung der Kirche in Bischofstein der hl. Messe am Kreuzaltar beiwohnte, zeigten sich bei der hl. Wandlung an der Hostie einige Tropfen Blutes, weshalb der Altar, an dem sich dies ereignete, fortan Altar des hl. Blutes genannt wurde. Offensichtlich wird hier das Blutwunder in der Messe des hl. Papstes Gregor wiederholt, das durch Bilder in jener Zeit allgemein bekannt geworden war.
Später rankten sich weitere fromme Legenden um die Bischofsteiner Kirche, wie die von dem Priester, dem nach der Wandlung Bedenken kamen, ob in den heiligen Gestalten Christi Fleisch und Blut wirklich gegenwärtig wären. Durch Gottes Fügung wurde der Kelch umgestoßen, das rote Blut floß auf den Altar und besiegte die Zweifel des zelebrierenden Priesters. Schließlich wurde noch eine andere Erzählung mit diesem Gnadenort verbunden: man soll das mit dem hl. Blut getränkte Tüchlein, das sog. Korporale, nach Rom geschickt haben, von wo man es aber nicht mehr zurückbekam.
Die Wallfahrten nach Bischofstein sind, wie schon gesagt, an Umfang zurückgegangen. Ehedem sind am ersten Pfingstfeiertag, dem Hauptwallfahrtstag, gegen 1.000 Wallfahrer nach Bischofstein gekommen. Die Kirche ist gerade deswegen im 18. Jahrhundert zweimal bedeutend erweitert und so zu einer der größten Kirchen des Ermlands geworden. Ein Blutaltar, von neuerer Malkunst in einen rötlichen Schimmer getaucht, hält die Erinnerung an jenen Wunderaltar aufrecht.
Braunsberg - Kreuzkirche
Wenn man auf dem Schiff von Braunsberg passargeabwärts dem Haff zufährt, erblickt man bald hinter der Stadt einen ziegelroten Kirchenbau, der hart am Ufersrand aufragt und der durch seine in unseren Gegenden seltenere Kuppelform auffällt. Es ist die Kreuzkirche, seit Jahrhunderten ein Ziel frommer Wallfahrer, die freilich meist nur aus der näheren Umgebung Braunsbergs hierher kommen. Die Kirche verdankt ihre Erbauung der folgenden Begebenheit:
Vor über drei Jahrhunderten war an dem Weg von Braunsberg nach dem Fischerdorf Passarge an einem Eichenstamm ein einfaches aus Holz gemaltes Bild der hlst. Dreifaltigkeit angebracht. Nachdem im Jahre 1626 Braunsberg von dem Schwedenkönig Gustav Adolf erobert worden war, richtete sich der Übermut einiger schwedischer Musketiere gegen dieses Bild. Sie durchbohrten es, wie der Chronist der Kreuzkirche G. Lühr nach einer Darstellung aus dem 17. Jahrhundert erzählt, unter Gotteslästerungen mit drei Kugeln, und alsbald sei es von einem aus den Öffnungen hervorquellenden Blutstrom übergossen worden. "Die Kunde von dem wunderbaren Ereignis verbreitete sich sofort in der Stadt; alles strömte hinaus, um sich persönlich von dem Gehörten zu überzeugen, darunter auch mehrere schwedische Hauptleute. Sie bestiegen einen zufällig des Weges kommenden Heuwagen, den sie an den Eichenstamm heranfahren ließen, um aus nächster Nähe die auffallende Erscheinung zu untersuchen. Sie fingen die noch immer herabträufelnde Flüssigkeit mit Tüchern auf, prüften sie und konnten schließlich nichts anderes sagen, als daß sie dem Blute ganz ähnlich sei."
Infolge der allgemeinen Erregung ob dieses Vorfalls hielt es der schwedische Befehlshaber für angebracht, die schwedischen Musketiere streng zu bestrafen. Das durchschossene Bild holten auf Veranlassung des polnischen Prinzen Wladislaus (des späteren Königs Wladislaus IV.), der mit seinem Heer in der Nähe lag, heimlich Reiter herunter, die in einer stürmischen Nacht die Passarge durchschwammen. Man brachte es später nach Warschau, von wo es erst 1672 nach Braunsberg zurückkam. Inzwischen war an der Stelle, wo das Bild angebracht gewesen war, eine Nachbildung aufgehängt worden. Die Jesuiten bauten dort eine erste kleine Kapelle aus Eichenbohlen, die bald von einem Holzkirchlein abgelöst wurde. Als nach der Heimführung des Bildes die Zahl der Pilger immer mehr anwuchs, entschloß man sich zu einem dritten Bau, der 1731 konsekriert wurde. Es ist jener die Gegend an der Unterpassarge bestimmende Kuppelbau, der durch seine gefälligen Proportionen und die schöne barocke Innenausstattung noch heute Gläubige und Kunstfreunde erfreut. Die Wallfahrten haben einen Auftrieb bekommen, seitdem die Patres von der Kongregation des Allerheiligsten Erlösers (Redemptoristen) die Kirche in ihre Obhut nahmen und sich in einem stilvollen Anbau bei ihr niederließen.
Dietrichswalde
Dietrichswalde ist der jüngste, aber keineswegs geringste unter den ermländischen Wallfahrtsorten. An Ansehen bei dem gläubigen ermländischen Volk kommt heute kaum eine der anderen Gnadenstätte unserer Diözese ihr gleich. Das mag daher rühren, daß die Entstehung dieser Wallfahrt nicht im grauen Nebel der frühen Geschichte verschwimmt, sondern daß die Erscheinungen in Dietrichswalde, die den Anstoß zu den Wallfahrten gaben, sich erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit ereignet haben sollen - vor etwa 60 Jahren. Eine wirklich zuverlässige Darstellung der Vorgänge, die damals sehr großes Aufsehen verursachten und die sogar Bismarck und den Reichstag beschäftigten, besitzen wir nicht. Zwar erschien bereits im Erscheinungsjahr 1877 ein Büchlein, das die Erscheinungen in Dietrichswalde beschrieb, aber es macht doch, wie schon von anderer Seite festgestellt wurde, keinen besonders zuverlässigen Eindruck. Der damalige Diözesanbischof Philipp Krementz erklärte dem entsprechend auch in einer kleinen Vorrede dazu, daß die Schrift zwar nichts enthalte, was gegen katholische Glaubens- und Sittenlehre verstoße, daß jedoch das Imprimatur mit dem Bemerken erteilt werde, daß diese Druckerlaubnis weder eine kirchliche Entscheidung über den Ursprung und Charakter der fraglichen Erscheinungen in sich schließe noch der unbefangenen gründlichen und gewissenhaften Erwägung der Leser in irgendeiner Weise vorgreifen solle.
Da wir aber keine anderen Quellen zur Verfügung haben, sind wir auf die Mitteilungen des Büchleins angewiesen. Zum ersten Mal soll danach die Muttergottes einem dreizehnjährigen Mädchen am 27. Juni des Jahres 1877 erschienen sein, und zwar im Geäst des in der Ecke des Pfarrgartens stehenden mächtigen Ahornbaumes (an dieser Stelle wurde später eine kleine Kapelle errichtet). Die Erscheinungen sollen sich wiederholt haben und noch einem anderen Mädchen und zwei älteren Personen zuteilgeworden sein. Dazwischen sollen sich aber auch teuflische Einwirkungen bemerkbar gemacht haben. Im ganzen dauerten nach dem Bericht die Erscheinungen 80 Tage. Sie hatten zur Folge, daß eine immer wachsende Zahl von Pilgern von nah und fern nach Dietrichswalde strömte. In den letzten Jahren vor dem Krieg sind es jährlich bis 40.000 gewesen, die zu den Hauptwallfahrtstagen (Peter und Paul, Portiunkula, Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt) hier zusammenkamen. Heute ist es um die einst sehr lebhafte Erörterung über die Erscheinungen stiller geworden. Was die ermländischen Wallfahrer in unverändert starkem Maße nach Dietrichswalde zieht, ist die Tatsache, daß sie dort eine Gnadenstätte wissen an der sie der Muttergottes ihre Nöte und Sorgen anempfehlen können. Die schlichte Kirche aus dem Mittelalter ist inzwischen erweitert worden. Ihr Stolz ist ein reich geschmücktes Gnadenbild der allerheiligsten Jungfrau, das heute etwas versteckt auf der südlichen Empore angebracht ist. Gern gehen die Wallfahrer auch noch ein Stückchen den Weg nach dem Rentiener See hinunter zur Gnadenquelle, die ein eisernes Gitter einfaßt.
Glottau
Was Glottau vor den anderen ermländischen Wallfahrtsorten auszeichnet, ist die großzügige Anlage eines stimmungsvollen Kalvarienberges in unmittelbarer Nähe von Kirche und Dorf. Einer Anregung des Pfarrers Engelbrecht folgend, der selbst am 29. Juni 1878 den ersten Spatenstich tat, kamen vom frommen Glaubenseifer getrieben in den folgenden zwei Jahrzehnten an die 100.000 Menschen nach Glottau, um mit eigenen Händen an dem edlen Werk mitzuwirken, das hier im Talgrund des Quellbaches geschaffen wurde. So wurden die Talwände abgestuft, Gänge angelegt, Bäume und Sträucher gepflanzt und vor allem 14 Kapellen mit den 14 Leidensstationen errichtet. Am Herz-Jesu-Tag 1880 konnte bereits von Bischof Krementz die erste Station eingeweiht werden, am 4. Juli 1897 konsekrierte Bischof Andreas Thiel den Altar der XII. Station (Kreuzkapelle). Man hat mit Recht gesagt, daß in dem Kalvarienberg von Glottau das ermländische Volk seiner Glaubenstreue und Opferwilligkeit ein bleibendes Denkmal gesetzt hat.
Der Besuch des Kalvarienberges steht heute im Mittelpunkt einer Wallfahrt nach Glottau. Doch schon lange, lange vorher zogen die Pilger dorthin, ist Glottau doch der älteste ermländische Wallfahrtsort überhaupt. Nach dem heutigen Stand der Forschung waren die Hügel um Glottau einst Kultstätten der Preußen, die hier zur Vornahme religiöser und auch politischer Handlungen zusammenkamen. Als das Land dem Christentum gewonnen wurde, stellte man den alten heidnischen Kultübungen den neuen Glauben mit seiner Verehrung des in der Brotsgestalt sichtbaren Gottes entgegen. Die Legende von Ochsenwunder, in der selbst die unvernünftige Kreatur der hl. Hostie ihre Ehrerbietung bezeugt, ist der sinnfällige Ausdruck für die Innigkeit und Tiefe, mit der die neue christliche Lehre die einfachen unverbildeten Menschen jener Tage ergriff. Dies bezeugen die zahlreichen Hostienlegenden, in deren Kreis auch das Ochsenwunder gehört und die zu uns wohl durch die von Predigern verbreiteten Wunder des hl. Antonius von Padua gekommen sind.
Wie verhält es sich nun aber mit dem eigentlichen Glottauer Ochsenwunder? Auf einer Anhöhe, an der Stelle der jetzigen Kirche, so berichtet der Stiftspropst Andreas Marquard (+ 1698), habe einst eine hl. Hostie vergraben gelegen. Als zufällig ein Ochse, der zur Weide getrieben wurde, sich dieser Stelle näherte, begann er plötzlich zu brüllen, zu scharren und sich vor der aufgedeckten Hostie in die Knie zu werfen. Volk und Klerus strömten zusammen, und die hl. Hostie wurde feierlich in die Glottauer Kirche, und da sie hier nicht blieb, in die Guttstädter Kirche gebracht. Aber auch hier blieb sie nicht. Zum dritten Mal zeigte das Vieh durch seine Verehrung an, daß die hl. Hostie zur vorigen Stelle geheimnisvoll zurückgewandert war. Nun war es klar, daß dieser Berg von Gott auserwählt sei zur Verehrung des hl. Fronleichnams. Ein neues Gotteshaus wurde errichtet zum Andenken an diese denkwürdige Begebenheit.
Soweit die Sage, die die Entstehung der Glottauer Wallfahrt zu erklären sucht. Einen geschichtlichen Anhaltspunkt geben möglicherweise die Einfälle der Litauer, die zu Beginn des 14. Jahrhunderts das Glottauer Gebiet grausam verwüsteten. Damals soll nach einem älteren Bericht das hl. Sakrament geraubt und die hl. Hostie weggeworfen worden sein. Jedenfalls wird schon 1347 die Glottauer Kirche gerühmt "wegen der Verehrung des gebenedeiten Sakramentes des hl. Fronleichnams des Erlösers, durch welches dort Wunder geschehen und wohin das fromme Volk zusammenzuströmen pflegt". Ohne Zweifel hat die Errichtung des Kollegiatstiftes, das 1345 von Pettelkau dorthin verlegt wurde, zur frühzeitigen Kenntnis der Glottauer Wallfahrt beigetragen.
Einen großen Aufschwung nahmen die Wallfahrten nach Erbauung der gegenwärtig noch stehenden Pfarrkirche (1722 - 1726). Bischof Szembek hat sie eingeweiht, er schenkte ihr ein kostbares Marienbild und krönte es im Auftrag des Heiligen Vaters. Der Barock der Glottauer Kirche ist, vor allem was die Fassade betrifft, nicht so prunckhaft wie der der Kirchen in Heiligelinde und Krossen. Doch macht das Gotteshaus im Innern mit seinen Marmorwänden, den hohen Seitenemporen und den Doppelreihen der Fenster einen würdigen und feierlichen Eindruck. Kunstkenner schätzen an der Glottauer Kirche die Originalgemälde des großen Malers Gerhard von Kügelgen, von dem auch die Kopie der Sixtinischen Madonna im Frauenburger Dom stammt, und zwei Bilder von Malern der Düsseldorfer Schule.
Die Hauptwallfahrtstage in Glottau sind die Tage der Fronleichnamsoktav und das Herz-Jesu-Fest, die Feste des hl. Florian und des hl. Franziskus, ferner Kreuzerhöhung und das Fest der Stigmatisation des hl. Franziskus. Vor allem die Herz-Jesu-Verehrung hat in Glottau sich seit jeher besonderer Beliebtheit erfreut. Hier wurde mit der Gründung der Herz-Jesu-Bruderschaft im Jahre 1736 überhaupt der Anfang zur Herz-Jesu-Verehrung im Ermland gemacht.
Heiligelinde
Auch der Ursprung dieser Gnadenstätte und der Wallfahrt zu ihr ist im Dunkeln verborgen, und es ist einigermaßen schwierig, aus dem üppigen Geranke der Sagen und Legenden, mit denen die Volksphantasie sie zu erklären suchte, einen geschichtlich faßbaren Kern herauszuschälen. Die Linde war bei den Reußen ein heiliger Baum, und daher dürfen wir annehmen, dass wir es auch hier mit einem altpreußischen Kultort zu tun haben. An dieser Stelle soll von alters her ein vielästiger Lindenbaum gestanden haben, auf dem seit der Einführung des Christentums in Preußen ein wundertätiges Bild der hl. Jungfrau mit dem Jesuskind auf den Armen zu sehen war. Anfangs erwiesen ihm nur die benachbarten Bewohner Verehrung. Aber sein Ruf verbreitete sich bald weithin und erfüllte das ganze Ordensland mit Staunen. Nun wurde das Bild von der Linde weggenommen und in der Rastenburger Kirche aufgehängt. Aber es kam in die Äste der Kirche zurück, und zwar wiederholte sich dieser Vorgang, sooft man auch versuchte, das Bild nach Rastenburg zu bringen. Schließlich ließ man es an seinem alten Platz, und da zahlreiche neue Wunder geschahen, wurde der Lindenbaum mit einer Kapelle umgeben.
Tatsache ist jedenfalls, dass hier schon sehr früh eine Kapelle errichtet worden ist, zu der die Gläubigen im 15. und 16. Jahrhundert gern pilgerten. Urkundlich erwähnt wird sie zum ersten Male im Jahre 1482 und seitdem öfters. Für das Ansehen Heiligelindes in jenen Ragen spricht, dass auch Albrecht von Brandenburg, als er noch Hochmeister des Ritterordens war, barfuß zu dem Heiligtum wallfahrtete. Mit der Einführung der Reformation im Preußenlande folgten schwere Zeiten für den Gnadenort, der nicht mehr im eigentlichen Ermland liegt, sondern schon jenseits seiner Grenzen im heutigen Kreis Rastenburg. Die Kapelle wurde zerstört, der Lindenbaum umgehauen, das Bild vernichtet, die Geistlichen ausgewiesen. Unter schweren Strafen wurde das Wallfahrten nach der alten Gnadenstätte überhaupt untersagt.
Eine neue Blütezeit brach für Heiligelinde heran, als der Gutsbesitzer Sadorski 1617 das Kirchengut erwarb. Sofort ging er daran, auf den Fundamenten der alten Kapelle ein neues Gotteshaus zu errichten. Als Seelsorger holte er Jesuiten heran, die bereits im Ermland Studienanstalten in Braunsberg und Rößel besaßen. Rasch blühte die alte Wallfahrt wieder auf. Zahlreiche Städte und Dörfer machten feierliche Gelübde, um von der Fürbitte Mariens Abwendung von Pest, Feuersgefahr und Geldschäden zu erflehen. Am Feste Mariä Heimsuchung, dem Hauptfest in Heiligelinde, kamen dort Tausende zusammen. Selbst die evangelischen Bewohner Altpreußens nahmen die Gewohnheit ihrer Vorfahren wieder auf. 1640 wurde das große Bild der hl. Jungfrau, das sich noch heute im Hochaltar befindet, von einem belgischen Maler angefertigt.
Schließlich wurde der Zustrom der Gläubigen so stark, dass man an den Bau einer neuen größeren Kirche denken mußte. Dieser wurde 1687 begonnen, und bereits am Tage der Unbefleckten Empfängnis im Jahre 1690 wurde darin das erste hl. Meßopfer begangen. Feierlich wurde das Bild der hl. Jungfrau in die neue Kirche überführt. 1730 war das Gotteshaus außen und innen vollständig ausgebaut. Es ist die prächtigste Barockkirche in unseren Landen, die sich in ihrer Art gleichwertig neben die berühmten backsteingotischen Dome stellen kann, die das mittelalterliche Glaubensbewußtsein im Ordensland errichtete. Der überaus prunkvollen Fassade entspricht der Glanz des 19 Meter hohen Inneren. Matthias Meyer aus Heilsberg, in italienischer Kunstfertigkeit wohl geübt, und Peter Kolberg aus Guttstadt haben es ausgemalt. Das Deckengemälde zeigt die Verherrlichung der Himmelskönigin, an den Seitenwänden werden die Leiden des Herrn und der hl. Martyrer dargestellt. Ein Kranz von Kolonnaden mit vier Kapellen umgibt die Kirche und schafft eine vorbildliche Platzanlage, die auch die größten Pilgerscharen aufnehmen kann.
Die Zeit von 1680 - 1780 war die Glanzzeit Heiligelindes. Nicht nur aus dem ganzen Ermland und dem übrigen Preußen, auch aus Polen und Litauen strömten ihm die Massen der Wallfahrer zu. Ja, einzelne kamen sogar bis aus Österreich und Italien. Um 1720 sollen jährlich insgesamt über 30.000 Pilger nach Heiligelinde gezogen sein. Als der Jesuitenorden 1773 aufgehoben wurde, legten auch die Patres in Heiligelinde ihr Ordenskleid ab, behielten aber die Verwaltung des Wallfahrtsortes, bis später Weltpriester an ihre Stelle traten (heute wird der Gottesdienst in Heiligelinde wieder von Jesuiten versehen). Der größte Teil des Landbesitzes wurde damals säkularisiert, der Rest mit der Kirche wurde 1810 dank des tatkräftigen Einsatzes des Bischofs Joseph von Hohenzollern davor bewahrt. Die Kriegsjahre 1806 - 1810 schlugen Heiligelinde schwe4r4e Wunden. Die Wallfahrten hörten fast ganz auf und kamen auch später nur langsam wieder in Schwung. Heute jedoch gehört Heiligelinde zu den beliebtesten Wallfahrtsorten der ermländischen Diözese. Die Hauptwallfahrtstage sind Pfingsten, der Fronleichnamssonntag, Peter und Paul, Mariä Heimsuchung und St. Michael. Wenigstens erwähnt sei hier noch die Werkstätte der Heiligelinder Kirchenkunst in der ehemaligen Burse, die früher eine im Ermland sehr angesehene Musikschule war.
Krossen
Wer mit dem "Rasenden Ermländer" von Wormditt nach Mehlsack fährt, kann wenn er gut aufpaßt, bald nach dem Verlassen des Wormditter Bahnhofs rechts ein paar Augenblicke die breite Fassade der Krossener Wallfahrtskirche auftauchen sehen. Und es wird ihn nicht gereuen, wenn er dabei den Entschluß faßt, das nächste Mal in Wormditt auszusteigen und der Kirche einen Besuch zu machen. Ein angenehmer Spaziergang durch die Wormditter Hospitalsheide wird ihn zu einer der schönsten Kirchen unserer Heimat führen, die, reizvoll im Tal des Drewenzflusses liegend, seit Jahrhunderten ein bevorzugter Wallfahrtsort der Ermländer ist.
Die Berichte vom Anfang der Wallfahrt nach Krossen knüpfen an das Alabasterbild der Gottesmutter an, das in der Mitte des Hochaltares von goldenen Strahlen umgeben prangt. Die eine Legende - in Wirklichkeit dürfte es sich auch hier um einen altpreußischen Opferplatz handeln - verlegt die Auffindung des Bildes in die Schwedenkriege, jene Zeit der ermländischen Geschichte, die sich wegen des vielen Leids und Unheils, das sie mit sich brachte, unserem Volke nachdrücklich eingeprägt hat. Damals entdeckten, so wird erzählt, schwedische Söldner auf einem Stein in der reißenden Drewenz bei Krossen eine angeschwemmte Marienfigur aus Alabaster und fischten sie heraus, um Spielwürfel aus ihre zu schnitzen. Als sie dann beim Spielen in Streit gerieten, warf der eine voller Wut die Steine in die Drewenz. Aber, welch ein Wunder, die einzelnen Stücke fügten sich wieder zur Marienstatue zusammen! Die Nachricht von diesem Ereignis verbreitete sich wie der Wind. Die Wormditter brachten in feierlicher Prozession mit ihrem Erzpriester an der Spitze die Figur in ihre Pfarrkirche ein, wo sie auf dem Altar aufgestellt wurde. Doch am nächsten Tag war sie bereits verschwunden und wurde just auf dem Stein in der Drewenz entdeckt, von dem man sie weggeholt hatte. Dies wiederholte sich dreimal, bis man in den wunderbaren Vorgängen ein Zeichen der himmlischen Königin zu erkennen glaubte und an jenem Ort nach Ableitung des Flusses - das alte Bett der Drewenz ist tatsächlich heute noch genau wahrzunehmen - ein kleines Heiligtum der Muttergottes errichtete, zu dem bald Pilger in großer Zahl herbeieilten. Zum Dank für Gebetserhörungen wurden der hl. Jungfrau Kerzen und Votivgeschenke dargebracht. Diese reizten die Habsucht des Besitzers von Krossen, der sie an sich nahm, und bei Spiel und Trunk verjubelte. Da erschien ihm, so berichtet die fromme Sage weiter, St. Joseph in der Gestalt eines ehrwürdigen Greises und drohte ihm eine schwere Strafe Gottes an. Doch er achtete nicht der Warnung. Nun überfiel ihn schweres Siechtum, und eilig verkaufte er sein Gut an den Braunsberger Bürgermeister Jakob Bartsch.
Nach einer anderen Legende haben spielende Kinder das von einem Frevler in die Drewenz geworfene Muttergottesbild gefunden und ihrer Mutter gebracht, die es im Kasten verschloß. Aber von dort kehrte es immer wieder an seinen alten Platz zurück, ebenso, als man es in die Wormditter Kirche trug, bis man sich eben entschloß, an der Fundstelle eine Kirche zu bauen.
Das Verdienst, die heutige Wallfahrtskirche errichtet zu haben, gebührt dem Wormditter Erzpriester Simonis. 1720 wurde sie von Bischof Theodor Potocki auf den Titel der "Heimsuchung der allerseligsten Jungfrau Maria und des hl. Joseph" geweiht. Mit Bewunderung schauen wir hinauf zu der feingegliederten stuckverzierten Fassade. Auffallend ist an ihr die fast bis zur Höhe der beiden Seitentürme aufragende Mittelwand, von der inmitten einer Glorie ein vergoldetes Bild der Muttergottes mit dem Jesuskind herabgrüßt. Hochaltar, Kanzel und Orgel der Kirche sind von der Hand Christoph Peuckers (+ 1732 in Rößel). Die Malereien sind neueren Datums. Sie stammen von Busch-Berlin, der Stuckmarmor an den Wänden und Pfeilern ist das Werk Zanettis, eines in Königsberg ansässigen Italieners. Die ganze Kirchenanlage ist ein Beweis dafür, wie hervorragend die Baumeister jener Tage räumlich zudenken verstanden, denn auch die Krossener Kirche ist der Mittelpunkt eines schönen geschlossenen Platzvierecks, das nach innen geöffnete Kolonnaden mit vier Kapellen umgeben.
Im Jahr 1810 drohte der Wallfahrtskirche die Gefahr der Säkularisation, doch gelang es Bischof Joseph von Hohenzollern ebenso wie bei Heiligelinde sie abzuwehren und das Stift als Heim für altersschwache Priester zu erhalten. Sehr schlimm erging es der Kirche im Weltkrieg. Eine russische Reiterschar von der Vorhut Rennenkampfs steckte am 31. August 1914 die Gutsgebäude und das Priesterhaus in Brand. Das Dach und die Türme der Kirche wurden vom Feuer ergriffen, diese selbst blieb glücklicherweise ziemlich unversehrt. In den Nachkriegsjahren wurden die Schäden wieder ausgebessert, so dass das Gotteshaus wieder in alter Herrlichkeit dasteht. Die Hauptwallfahrtstage von Krossen sind der Fronleichnamssonntag, das Skapulierfest, Mariä Heimsuchung mit Oktav, Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt.
Lokau
Die Wallfahrtskirche in Lokau bei Seeburg ist St. Rochus geweiht, dem Pestheiligen, den man seit der Zeit, wo noch die grausame Seuche öfters in unseren Landen wütete, gern um seine Fürbitte anfleht. Bereits 1669 wurde in Lokau ein erstes Wallfahrtskirchlein erbaut auf Grund eines Vorganges, der sich nach einer Darstellung des Seeburger Erzpriesters Senkler vom Jahre 1704 folgendermaßen abgespielt haben soll: im Jahre 1652, am Fest des hl. Johannes des Täufers, hörten einige Knaben, die bei Lokau das Vieh hüteten, das Glockengeläute einer benachbarten Kirche bei der hl. Wandlung und knieten nach altem Brauch zum Gebet nieder. Da schimmerte ihnen aus dem Dunkel des Waldes etwas Glänzendes entgegen. Sie fanden eine kupferne und vergoldete, aber in viele Stücke zerbrochene Monstranz und ein ähnliches Gefäß, in dem die hl. Wegzehrung zum kranken getragen wird. Die Knaben verteilten die Stücke untereinander, nur dem jüngsten gaben sie nichts davon. Dieser suchte weiter und fand eine silberne Pyxis. Weil diese aber nicht vergoldet, sondern weiß waren, glaubte er, etwas Minderwertiges gefunden zu haben und reif fluchend den Namen des Teufels aus. Auf diese Worte hin war die Pyxis auf einmal unter seinen Händen verschwunden. Der Vorfall sprach sich, so schließt der Bericht, bald herum. Die Bewohner Lokaus errichteten an der Stelle, wo sich dieses zugetragen hatte, ein Kreuz, und später, als eine immer größere Zahl von Pilgern zu der Stätte kam, die schon erwähnte Kapelle zu Ehren des hl. Sakramentes auf den Titel des hl. Rochus und des hl. Johannes des Täufers. 1750 wurde eine geräumigere Kapelle errichtet. Die Hauptfeste für Lokau sind der St. Rochustag, an dem auch heute noch sehr viele Wallfahrer dorthin kommen, dann der St. Adalbertstag, der Fronleichnamsdonnerstag und das Kirchweihfest.
Schönwiese
Am Weihnachtstage des Jahres 1713 wurde das Dorf Schönwiese bei Guttstadt Schauplatz einer ruchlosen Tat. Einige Burschen hatten die Feiertage durchgezecht und wollten am Abend des dritten ihr wüstes Gelage mit einem Tanz beschließen. Sie gingen einen Spielmann holen und fanden auf dem Weg zu ihm ein Kreuz an einen Baum gelehnt stehen. Der eine der Burschen nahm es auf und meinte, es wäre eben gut genug zum Warmbiermachen. Im Krug tanzten sie dann damit herum, reichten es den Mädchen zum Küssen und schlugen es mit den Händen und mit Tannenreisern, wobei sie sich in gotteslästerlichen Redensarten ergingen. So trieben sie es die ganze Nacht. Dieser schändliche Vorfall sprach sich herum und kam auch zu Ohren des Landesherrn, des Fürstbischofs Potocki. Dieser machte den drei Hauptbeteiligten den Prozeß. Sie wurden wegen "grausiger, unerhörter und vielmals wiederholter Blasphemien und Gotteslästerungen" nach den damaligen strengen Rechtsgebräuchen zum Tode durch das Schwert verurteilt. Von den entseelten Körpern sollte die rechte Hand abgehauen und am Ort des Verbrechens an einen Pfahl angenagelt werden. Ferner sollte an der Stelle der Untat auf des Gastwirts und des Schulzen Kosten eine Kapelle gestiftet werden, "in welcher das verunehrte Kruzifix zu ewigem Andenken aufzubewahren sei". Die bald darauf erbaute Kapelle zog von nah und fern die Gläubigen an. Als sie dem Bedürfnis nicht mehr genügte, wurde sie 1727 durch eine größere Kapelle und schließlich 1752 - 1756 durch ein noch größeres Gotteshaus ersetzt. So entstand jene freundliche Barockkirche, die wir heute noch sehen und in der den Ehrenplatz über dem Hochaltar das damals verunehrte Kruzifix einnimmt. Die Hauptwallfahrtstage in Schönwiese sind Kreuzauffindung, das Fest der sieben Schmerzen Mariä, Pfingsten, Johannisgeburt, Kreuzerhöhung und St. Michael. Eines guten Besuches erfreuen sich auch die Fastenandachten an den sieben Freitagen der Fastenzeit.
Springborn
Wie die Linde war auch die Eiche den alten Preußen ein heiliger Baum. Da die Springborner Legende von einer hohlen Eiche spricht, in der sich die verschwundene Marienfigur wiederfand, können wir wohl annehmen, daß die Springborner Gnadenstätte wie Heiligelinde an eine vorchristliche Kultstätte anschließt. In welcher Weise sich dieser Übergang vollzogen hat, liegt wie auch in anderen Fällen in unbekannter geschichtlicher Ferne. Wir können nur vermuten, daß es auch hier kluge Überlegung den Missionaren ratsam erscheinen ließ, den Preußen den Schritt zum Christentum dadurch leichter zu machen, dass man ihre alten Gebräuche achtete und nach Möglichkeit schonte. Eine solch vernunftgemäße Erklärung genügte aber der Einbildungskraft des gläubigen Volkes später nicht mehr. Sie schmückte, irgendwo gehörte Begebenheiten mehr oder weniger legendären Charakters zusammentragend, gern die Entstehung des geliebten Ortes mit frommen Sagen aus. Eine solche zeichnete ein Franziskanerpater 1671 auf: Zwei Mädchen aus Springborn fanden - es soll in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts geschehen sein - beim Heuzusammenharken ein anscheinend aus Elfenbein geschnitztes Marienbild. Sie nahmen es mit ins Dorf, wo es sicher aufbewahrt wurde. Gleichwohl war es am nächsten Morgen verschwunden und an seinen Fundort zurückgekehrt. Der Pfarrer von Kiwitten holte nun das Bild mit allen Ehren in seine Kirche ein. Aber seihe da, es kehrte auch diesmal wieder zurück, und zwar fand man es jetzt beim Fundort in einer hohlen Eiche. Deshalb baute dort der Pfarrer der Himmelskönigin eine eigene Kapelle. Fromme Beter erfuhren bald mancherlei ungewöhnliche Gnadenerweisungen. Allein drei ruchlose Männer erbrachen, zertrümmerten das Marienbild und machten Würfel daraus. Die Strafe hierfür war schwer: zwei wurden hingerichtet, der dritte auf dem Wege erschlagen. Die Anhänglichkeit des Volkes aber wurde durch diese Untat nur noch vermehrt.
Urkundliche Belege für die Wallfahrt zum "Friedenstempel der allerseligsten Jungfrau von den Quellen" in Springborn haben wir erst aus dem 17. Jahrhundert vorliegen. Wir wissen, dass Bischof Szyszkowski in der schweren Notzeit des auch das Ermland arg in Mitleidenschaft ziehenden Dreißigjährigen Krieges vorschlug, zur Erlangung des Friedens eine Kirche zu Ehren der Mutter des Friedens zu bauen, und zwar in Springborn, das vom Himmel bereits ausgezeichnet sei. Bereits 1639 wurde mit dem Bau der Kirche begonnen und die Sorge für Gotteshaus und Wallfahrt den Fanziskanern übertragen. Es entstand in idyllischer Abgeschiedenheit die traute Barockkirche, die das Gemüt des frommen Gläubigen auch heute noch so sehr anspricht. Kirche und Kloster wurden im Laufe der Zeit mehrfach erneuert und erweitert, vor allem durch den Anbau von Kapellen. Für das zerstörte Gnadenbild ließ Bischof Szyszkowski eine überlebensgroße Kopie des wunderträchtigen Marienbildes aus Santa Maria Maggiore zu Rom anfertigen, das die Legende dem hl. Lukas zuschreibt. Die schöne Kirche und der Seeleneifer der Patres wirkten befruchtend auf das religiöse Leben der ganzen näheren und weiteren Umgebung. Kriegsschrecken, Pest und andere Krankheiten veranlaßten die Menschen, in Opfer- und Bittgängen Befreiung von der großen Not zu erflehen. In jenen Tagen wurden viele Opfergänge gelobt, die auch heute zum großen Teil noch gehalten werden. 1825 wurden 62 Opfergänge gezählt; 23 Kirchspiele waren daran beteiligt.
Nach der Einverleibung des Ermlandes in den preußischen Staat und den Franzosenkrieg traten in Springborn mannigfache Änderungen ein. Die Wallfahrten gingen zurück, und als nach dem Tode des letzen Franziskaners im Jahre 1826 Oberpräsident von Schön das Kloster zum Staatsgut erklärte, wurde das kirchliche Leben in Springborn auf 15 Jahre völlig stillgelegt. Erst 1841 erfolgte die Rückgabe des Klosters. Als am 30. März des Jahres in der Kirche wieder der Gottesdienst abgehalten werden konnte, erschienen dazu Tausende. 1870 zogen Lazaristenpatres aus dem Rheinland in Springborn ein, mußten es aber schon nach drei Jahren wegen des Kulturkampfes wieder verlassen. Weltgeistliche übernahmen die Kirche und trugen viel zur Hebung der Wallfahrt bei. An 25.000 Pilger kamen jährlich nach Springborn, am Fest der hl. Anna allein gegen 6.000. Am 15. September 1915 waren es 20.000 Ermländer, die in der schweren Notzeit des Weltkrieges zu dem Heiligtum pilgerten. Nach dem Kriege wurde das Kloster wieder der Fürsorge der Franziskaner anvertraut.
Die Wallfahrer, die bei der Ankunft in Springborn singend und betend durch die Säulengänge ziehen, die hier nach dem Vorbild von Heiligelinde und Krossen in einem großen Viereck um die Kirche führen, sind überrascht von der einzigartigen Anlage dieses Heiligtums. Keine langen Gänge sind´s mit abschließenden Altären im Hintergrund, sondern hier ist eine Kuppel von italienischer Anmut mitten in den Platz gestellt mit einem gewölbten Zugang. Tiroler Bildhauerkunst in den Gängen und im Gotteshaus selbst, zierliches Eisenwerk, silberne Kleider an den Gemälden - alle diese und noch manche andere Schönheit fallen dem Besucher aus dem reichen Prunk der Springborner Wallfahrtskirche ins Auge.
Stegmannsdorf
Am 25. Oktober 1715 stellte eine bischöfliche Kommission in Stegmannsdorf eine umfangreiche Zeugenvernehmung an. Grund hierfür war das Wallfahrten vieler Leute zu einem Kreuzbilde in einer kleinen Kapelle dieses Dorfes. Zwei bejahrte Männer bezeugten, das Kreuz sei nach dem Berichte alter Leute von mehr als hundert Jahren an einem Baumstamm nahe beim Applausee gefunden worden. Dreimal habe man das Kreuz in die Wusener Pfarrkirche gebracht; aber jedesmal sei es verschwunden und an seinem alten Platz wieder aufgefunden worden. Deshalb habe man das Kreuz in Stegmannsdorf gelassen und hier ein Kapellchen erbaut (etwa 1530), das hundert Jahre später durch eine größere Kapelle ersetzt wurde. Immer zahlreicher seien die Menschen zu dem Kreuze des Herrn gepilgert. Die Zeugen wußten auch aus eigenem Erleben mehrere Fälle von außergewöhnlichen Heilungen zu berichten. Ums Jahr 1700 herum wütete auch im Ermland die Pest und forderte zahlreiche Opfer. Das Domkapitel hatte darum das Gelübde gemacht, für den Bau einer größeren Wallfahrtskirche in Stegmannsdorf Sorge zu tragen. Auf den Berichte der erwähnten Kommission hin wurde dann beschlossen, die Ausführung des Gelübdes in Angriff zu nehmen. Aber wegen der schrecklichen Kriegswirren konnte der Bau erst 1728 vollendet werden. Am Feste des hl. Antonius von Padua wurde das neue Gotteshaus von Bischof Szembek zu Ehren des hl. Kreuzes und des hl. Christophorus eingeweiht. Der Bischof selbst trug das soviel verehrte Kreuz aus der alten Kapelle in die neue Kirche, wo es sich noch heute über dem Hochaltar befindet. Alte Deckengemälde zeigen uns Bilder aus der Geschichte des Kreuzes des Herrn. Der Hauptwallfahrtstag ist das Fest des hl. Antonius von Padua, das unter großer Beteiligung des Volkes von nah und fern gefeiert wird. Auch an Kreuzauffindung und Kreuzerhöhung und dem darauffolgenden Sonntag wird feierlicher Gottesdienst gehalten. Nach alter Gewohnheit werden alle Feste, die auf einen Freitag fallen, feierlich begangen. Jahr für Jahr pilgern jetzt noch mehrere tausend Menschen zu dem alten, freundlichen Stegmannsdorfer Kirchlein, das vor einiger Zeit einen eigenen Seelsorger erhalten hat.
Quellenangaben
Die ermländischen Wallfahrtsorte, [Verfasser unbekannt] , Braunsberg 1938,
Druck und Verlag: Nova Zeitungsverlag G.m.b.H., Abtlg. Ermländische Zeitungs- und Verlagsdruckerei.