Ermlandbriefe (4/2013)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2013


Impulse zur Glaubensvertiefung (5)

„Alle sollen eins sein“

Von Pastor Lic. iur. can. Clemens Bombeck, Prodekan des Ermländischen Konsistoriums

Liebe Leserinnen und Leser der Ermlandbriefe!

Das „Jahr des Glaubens“, zu dem Papst Benedikt XVI. am 11. Oktober 2012 eingeladen hatte, ist durch seinen Nachfolger Papst Franziskus am Christkönigssonntag in Rom feierlich beendet worden. Durch beide Päpste sind wir motiviert, über unseren Glauben nachzudenken und ihm neue Impulse zu geben. Wie schon angekündigt, möchte ich meine kleinen Impulse zur Glaubensvertiefung auch über das Jahr des Glaubens weiter vorstellen und Sie ermutigen, die kleinen Schritte des Glaubens im Alltag zu wagen.

Der Impuls, der uns in den kommenden Wochen begleiten kann, ist ein Wort aus dem sog. Abschiedsgebet Jesu. Nach dem Evangelisten Johannes betet Jesus am Abend vor seinem Leiden und Sterben zu Gott, seinem Vater im Himmel. In diesem Gebet lässt Jesus uns gleichsam in seine Seele schauen. Was bewegt ihn? Er bittet für seine Apostel und für alle, die durch sie zum Glauben gelangen werden, den Vater nicht um Erfolg, Gesundheit, Glück, Frieden, Wohlbefinden oder ein anderes menschlich erstrebenswertes Gut. Nicht um dies, was wir einander wünschen, bittet er, sondern: „Alle sollen eins sein: wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17, 21f.).

In dieser Bitte Jesu blicken wir in das, was ihn mit dem Vater verbindet: die Einheit. Einheit – damit ist nicht Einerlei gemeint. Einheit ist für Jesus sein Leben, das ganz und gar nur eines kennt: allein ausgerichtet sein auf den Vater, auf ihn hören und seinen Willen tun. Und das, was sein Leben ausmacht – bis hinein in die Stunde seines Leidens und Sterbens, das sollen von nun an auch seine Jünger wollen. Die Einheit, die Jesus mit dem Vater verbindet, hat ihre Quelle in der gegenseitigen Liebe, die er zum Vater und der Vater zu ihm hat. Liebe, das haben wir bereits in den vergangenen Impulsen gesehen, ist nicht Liebelei, sondern Ganzhingabe an den anderen.

Jesu Bitte „alle sollen eins sein“ ist kein Befehl. Er sagt nicht: „Ihr müsst eins sein“ oder „Ich befehle euch, eins zu sein“. Vielmehr ruft er sie auf, nach der Einheit zu streben. Einheit – das ist für Jesus das Ideal des Lebens, das im göttlichen Leben seinen Ursprung hat: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir – so auch sie“. Christsein ist also dann echt und glaubwürdig, wenn es sich nach dem Lebensmodell des dreifaltigen Gottes ausrichtet. Im sog. Zweiten eucharistischen Hochgebet heißt es darum: „Wir bitten dich: Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut und lass uns eins werden durch den Heiligen Geist.“

Mit Chiara Lubich dürfen wir darum sagen: „Das Ideal von Christus und damit der Christen ist die Einheit: Die Einheit mit Gott, aber auch unter den Menschen. Welche unvorstellbaren Früchte würden entstehen, wenn diese Einheit in der Welt auf allen Ebenen verwirklicht wäre. Die Einheit ist Frucht der Liebe, und mit der Liebe gäbe es keinen Krieg, keinen Streit, man würde den Brüdern und Schwestern keinen Schaden zufügen, keinen Diebstahl also, keine Entführungen, all das nicht, was wir in den täglichen Berichten sehen oder hören.

Mit der Liebe verhinderte man nicht nur das Schlechte, man würde das Gute aufbauen, das Wohl der Familien, der Dörfer, der Städte, der Völker. Ist das eine Utopie? Gewiss, wenn man nichts tut. Aber wenn wir beginnen, in diesem Sinne zu handeln und dabei solidarisch sind mit denen, die sich schon in der gleichen Richtung bemühen, werden aus den Wenigen Viele und schließlich sehr Viele. Und nichts ist unmöglich, wenn Gott mit uns ist.“

Einheit - die Mitte des göttlichen Lebens - und darum auch die Mitte des Lebens aller Christen, ist darum auch das Schlüsselwort des Lebens der Christen in den verschiedenen Konfessionen. „Alle sollen eins sein“ ist darum auch der Aufruf des österlichen Herrn an alle, die seinen Namen tragen - in Ehe und Familie, in Kirche und Gesellschaft, im Miteinander der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften.

Die nächsten „Impulse zur Glaubensvertiefung“:

6: Jesus in unserer Mitte
7: Jesus in seiner Verlassenheit am Kreuz
8: Das Wort nicht nur hören, sondern tun
9: Jesus – das Brot des Lebens




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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