Ermlandbriefe (2/2013)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 2013


Impulse zur Glaubensvertiefung (3)

„Liebe sein – zu allen“

Von Pastor Lic. iur. can. Clemens Bombeck, Prodekan des Ermländischen Konsistoriums

Liebe Leserinnen und Leser der Ermlandbriefe!

Das „Jahr des Glaubens“, zu dem Papst Benedikt XVI. am 11. Oktober 2012 eingeladen hat, ist eine Möglichkeit, sich persönlich wie auch in Gemeinschaft mit anderen mit Fragen des Glaubens zu beschäftigen, seinen Glauben zu hinterfragen. Es reicht aber nicht aus, über den Glauben nur nachzudenken; ihn zu leben, d.h. sein Leben im Alltag aus dem Glauben heraus zu gestalten, sich neu auf den Weg der Christusnachfolge zu begeben, das erst macht den Glauben aus.

In der letzten Ausgabe der ERMLANDBRIEFE zur Fasten- und Osterzeit habe ich Ihnen mit dem Impuls „Mein JA zum Willen Gottes“ einen gerade auch für Jesus wichtigen Aspekt des Glaubens vorgestellt. Nicht dem eigenen Willen, sondern dem Willen Gottes folgen, ist ein besonderes Kriterium des Glaubens und damit des Christseins. Sich aber von Gott her sehen, sich Ihm ganz anheim geben, nur das sein und tun, was Ihm gemäß ist, ist nur möglich, wenn man sich Ihm ganz übergibt – aus Liebe. Diese Liebe zu Ihm findet ihren gleichsam „äußeren“ Ausdruck in der Liebe zum Nächsten. So möchte ich Sie einladen, einen weiteren Schritt zu tun und Sie ermutigen: „Liebe sein – zu allen“.

Es geht also um die Liebe. Liebe ist nicht verliebt in sich selbst. Sie will sich verschenken. Nun meinen viele, je mehr ich liebe, umso mehr entspreche ich dem Willen Gottes. Dann aber könnte es ja geschehen, dass ich liebe, liebe, liebe … jeden Augenblick neu, und am Ende bin ich ausgelaugt vor lauter Liebe-geben. Dann stehe ich gleichsam unter dem Diktat „Liebe geben müssen“. Da kann ich also mich vor lauter lieben total verausgaben, und dennoch ist alles wertlos. Denn es kommt ja nicht darauf an, Liebe zu geben, sondern Liebe zu sein. Nicht auf das Was kommt es an, sondern auf das Wie, nicht Liebe tun, sondern Liebe sein. Liebe sein – dies schließt ein: Liebe sein zu allen. Keinen kann und will und darf ich hierbei ausschließen. Tue ich es dennoch, dann ist meine Liebe, dann bin ich nicht mehr Liebe. Das Maß dieser „Liebe zu allen ohne irgendeine Ausnahme“ ist Jesus.

In meinem Leben bin ich Chiara Lubich öfters begegnet. Einmal erklärte sie, wie das geht „Liebe sein – zu allen“:

„Da ist einer, der handelt aus Liebe. Da ist ein anderer, der handelt und sucht dabei „Liebe zu sein“. Wer alles aus Liebe tut, kann es gut machen, aber während er glaubt, einem Bruder, vielleicht einem kranken, einen großen Dienst zu erweisen, kann er ihn langweilen mit seinem Gerede, mit seinen Ratschlägen, mit seiner Hilfe; mit einer misslungenen und lästigen Liebe. Ärmster: er hat einen Verdienst, aber der andere hat eine Last. Unsere Bestimmung ist, wie die der Sterne: wenn sie kreisen, sind sie, wenn sie nicht kreisen, sind sie nicht. Wir sind - in dem Sinne, dass nicht unser Leben, sondern das Leben Gottes in uns lebt -, wenn wir keinen Augenblick aufhören zu lieben. Lieben stellt uns in Gott, und Gott ist die Liebe. Aber die Liebe, die Gott ist, ist Licht, und mit dem Licht sieht man, ob unsere Weise, dem Bruder und der Schwester zu begegnen und zu helfen, dem Herzen Gottes gemäß ist, wie der Bruder es sich wünschen würde, wie er es sich erträumen würde, wenn er nicht uns an seiner Seite hätte, sondern Jesus.“

Dem Bruder und der Schwester Liebe sein und nicht nur Liebe schenken, ist unsere wahre christliche Berufung. Dieses Geschenk der Liebe erweise ich aber nicht allein denen, die ich mag, die mich lieben, für die ich da sein darf. Diese Liebe schenke ich einem jeden Menschen, jedem – ohne Ausnahme. Diese Liebe beginnt bereits in dem Augenblick, da ich an ihn denke, da ich ihm begebe. Diese Liebe gilt jedem, ob ich ihn kenne oder nicht. Diese Liebe erweise ich auch und gerade denen, denen Weg sich eher zufällig mit dem Meinigen kreuzen – z.B. im Supermarkt, auf der Straße, im Zug. In jedem Menschen, dem ich also Liebe bin und so Liebe schenke, begegne ich Gott.

Jesus sagte einmal: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werden. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ (Lk 12,49). Er meint das Feuer der Liebe, das zu bringen seine Berufung ist. Die Liebe ist dieses Feuer. Stellen wir uns vor: Sie - jede Christin und jeder Christ in der Welt würde mit aller Entschlossenheit Liebe sein und so Liebe schenken. Diese Liebe würde - so Jesus - überall brennen; die Welt wäre ein Lichtermeer der Liebe“. Ich bin überzeugt: Die Welt sähe anders aus!

Die nächsten „Impulse zur Glaubensvertiefung“:

4: Das Neue Gebot Jesu
5: Alle sollen eins sein
6: Jesus in unserer Mitte
7: Jesus in seiner Verlassenheit am Kreuz




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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