Ermlandbriefe (3/2012)
Katechismus-Ecke - Sommer 2012


Im Kreuz ist Heil - im Kreuz ist Leben - im Kreuz ist Hoffnung

Zum Fest „Kreuzerhöhung“

Von Pastor Lic. iur. can. Clemens Bombeck, Prodekan des Ermländischen Konsistoriums

Heiligkreuz-Reliquie in der Herz-Jesu-Kirche in Gladbeck. Foto: Pastor Clemens Bombeck

Liebe Leserinnen und Leser der Ermlandbriefe!

Eines der für mich faszinierendsten Bilder des Mittelalters möchte ich Ihnen heute vorstellen. Es ist dem „Perikopenbuch Kaiser Heinrichs II.“ entnommen und dürfte um das Jahr 1007 im Kloster auf der Insel Reichenau entstanden sein. Wahrscheinlich ließ der heilige Kaiser Heinrich II. es zusammen mit seiner Frau Kunigunde zur Weihe des Bamberger Domes anfertigen. Seit der Säkularisation 1803 befindet sich dieser kostbare Kodex, ein Meisterwerk der ottonischen Buchmalerei, in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Zusammen mit neun weiteren Werken der sog. „Reichenauer Schule“ wurde das Perikopenbuch 2003 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Soweit die kulturgeschichtlichen Fakten!

Warum möchte ich Ihnen aus dem weltberühmten Perikopenbuch des heiligen Kaiserpaares Heinrich und Kunigunde gerade dieses Bild vorstellen?

Wir sehen auf der rechten Seite Jesus - stehend und doch in Bewegung. Zwischen ihm und der Gruppe ist eine Distanz; sie wird überbrückt von Jesus selbst durch sein wehendes Übergewand auf die Apostel hin. Ferner ist da die rechte Hand Jesu, lang ausgestreckt und mit zwei gespreizten Fingern; übrigens ein recht charakteristisches Zeichen, das der unbekannte Maler auch in anderen Bildern dieses Kodex verwendet. In der linken Hand trägt Jesus, für alle klar zu erkennen, das Buch – nicht irgendein Buch, sondern sein Buch mit seinem Wort.

Jesus ist der Aktive, von ihm geht die Begegnung auf die Aposteln hin. Und die Apostel? Auch sie scheinen nicht nur einfach dazustehen. Sie sind ganz auf Jesus ausgerichtet; alle schauen wie gebannt zu ihm hin. Vier von den Aposteln ausgestreckte Hände sind auf Jesus ausgerichtet. Obgleich sie stehen, kommt es dem Betrachter doch so vor, als seien auch sie in Bewegung und gingen auf Jesus zu. Dies sagen ihre Augen. Die Augen aller schauen auf Jesus: interessiert, konzentriert, voll Erwartung auf das, was Er ihnen sagen will.

Was Jesus ihnen zu sagen hat, das ist ganz irdisch, denn er steht mit beiden Füßen fest auf der Erde. Aber auch wenn sein Wort irdisch ist, so ist es doch auch „grenzwertig“. Wie über einem schmalen Steg geht Jesus auf die Jünger zu. Neben ihm, zur Linken, ist es grün, ihm zur Rechten, ist es gold; das will sagen: Jesus bewegt sich zwischen Irdischem und Himmlischem. Vielleicht möchte er sie an sein Wort erinnern: „Ihr seid in der Welt, aber nicht von der Welt“ (vgl. Joh 17, 16). In seinem Wort, das ganz menschlich ist, ist Gott gegenwärtig: Gottes Wort im Menschenwort, weil ER – Jesus – ganz Gott und ganz Mensch ist.

Aber auch die Jünger sind „grenzwertig“ unterwegs. Wie Jesus, so gehen auch sie den schmalen Weg zwischen Irdischem und Himmlischem, zwischen dem, was jetzt ist, und dem, was verheißen ist. Sie sind auf Jesus, das ewige Wort, ausgerichtet. Er ruft sie, und sie lassen sich senden. Er ist das ewige Wort Gottes, und sie sind gerufen, Ihn - das Wort - in die Welt zu den Menschen zu bringen.

Wer sich das Bild nochmals genauer anschaut, wird feststellen, dass die Zwölf gar nicht zwölf sind, sondern nur elf. Ein Fehler des unbekannten Malers? Ich glaube nicht; ich sehe dies als vom Maler gewollt an. Das Bild weist auf den österlichen Herrn hin, auch wenn an seinen Händen und Füßen die Wundmale der Passion nicht zu sehen sind. Es sind elf Apostel, die der auferstandene Herr anspricht. Der Zwölfte - Judas Iskariot - hatte sich nach dem Abendmahl ja umgebracht, und Matthias, der für Judas durch das Los in das Kollegium gewählt wird (vgl. Apg 1, 15 ff.), gehört noch nicht zur Apostelgruppe.

Ich finde es schön, dass der Zwölfte in diesem Bild fehlt, denn damit liegt eine gewisse Spannung über diesem Bild. Es zeigt mir, dass Leben in dieser Begegnung Jesu mit seinen Aposteln liegt. Für mich bedeutet das Fehlen des zwölften Apostels: Der da fehlt, das bin ich, der Betrachter des Bildes! Jeder und jede von uns ist der fehlende Apostel. Ich bin durch Taufe und Firmung hineingenommen in die Gruppe der Elf, diese Elf sind die Urzelle der Kirche. Mit ihnen bin ich Kirche; mit ihnen gehe ich auf den Herrn zu; mit ihnen will ich mich auf den Weg machen und Christus, dem auferstandenen Herrn, nachfolgen. Von Ihm lasse ich mich senden, wie Er die Elf sendet.

Es tut gut zu wissen: Auf diesem Weg des Gesandtseins bin ich nicht allein. Ich lebe nicht allein das Wort, das Christus seinen Aposteln und Jüngern anvertraut hat. Mein Weg in dieser Nachfolge ereignet sich im ganz konkreten Leben - „grenzwertig“ zwischen dem, was mein irdisches Sein betrifft, und dem, was mich schon jetzt in das Göttliche hineinnimmt, denn als Christ bin ich in der Welt und doch nicht von dieser Welt. Das Bild will mir sagen: „Ich bin gerufen und gesendet“, in Gemeinschaft mit den Aposteln Kirche zu sein, und mit allen, auch mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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