Ermlandbriefe (2/2010)
Leitartikel - Pfingsten 2010


Seht das Lamm Gottes

Mit Zuversicht und Gottvertrauen nach vorn blicken

Pfingsten. Speyerer Evangelistar, um 1200, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, ars liturgica Kunstverlag Maria Laach, Nr. 5851, Internet: www.ars-liturgica.de Liebe Ermländerinnen, liebe Ermländer,

in den Morgenandachten des Westdeutschen Rundfunks erzählte Schwester A. Röttger aus Münster folgende Geschichte eines Brasilienmissionars:

„Ein Großgrundbesitzer hatte eine Kirche der Armen in seiner Gegend bis auf den Grund zerstören lassen. Als die Menschen zusammenkamen und um ihren Versammlungsort trauerten, rief der Priester sie auf, selber Kirche zu sein. Und zwar ganz praktisch: Die großen Männer ließ er an den Ecken stehen, während die übrigen Männer und Frauen die Wände bildeten. Die Kinder stellten sich dahin, wo die Fenster gewesen waren – Fenster der Hoffnung auf Zukunft. Und die Tür ließen sie offen. Jeder konnte hinein, jeder konnte hereinkommen. In diesem lebendigen Raum feierten sie dann ihren Gottesdienst. Und sie erfuhren Gott so nah wie selten zuvor. Sie selbst waren die lebendigen Steine, aus denen ihre Kirche sich aufbaute.“

So sahen irgendwo in Brasilien neue Schritte ins Leben, Schritte in eine neue Sicht des Glaubens, Schritte in eine neue Kirche aus.

Liebe Ermländer, als ähnlich mächtige Ecken und Pfeiler der Kirche in Deutschland dürfen sich auch die Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und Aussiedler und deren Nachkommen verstehen. Wie dem Brasilienmissionar geht es auch ihnen. Sie besitzen keine Kirchengebäude, aber sie selbst sind der lebendige Raum, bereit, Gottesdienste zu feiern, um Gott ganz nah zu erfahren, aufgrund ihrer Geschichte vielleicht so nah wie nie zuvor. Und die Kirche, sie muss sich freuen, dass diese Christen ihr Glaubensgut und ihr kulturelles Erbe in das vielfältige Leben der Kirche einbringen.

Besonders wichtig erscheint mir als Ihrem von der Bischofskonferenz beauftragten Visitator, dass die Türen und Fenster, wie in der Eingangserzählung beschrieben, geöffnet bleiben, damit jeder hineinkommen kann und dass sie zu Fenstern und Türen der Versöhnung und des Miteinanders der Menschen werden. Fenster der Hoffnung und Zukunft. Sie eröffnen neue Schritte ins Leben.

Liebe Ermländer, dann springen am Pfingstfest nicht nur die Türen und Fenster, wie am ersten Pfingsttag, dem Beginn der Kirche, auf, sondern auch die Herzen der Menschen öffnen sich.

Es werden neue Schritte in eine gute Zukunft sichtbar. Deshalb beten wir für unsere Zeit am Pfingstfest 2010:

„Allmächtiger Gott, Du hast Deinen Aposteln den Heiligen Geist gesandt, damit sie und ihre Nachfolger ihn den Gläubigen weitergeben. Gib, dass der Heilige Geist, auch in unserer Zeit durch die Liebe derer, die glauben, die Welt erfülle.“

Liebe Ermländer, das Pfingstfest ermutigt und befähigt uns zu neuen Schritten in Kirche und Leben.

Jede Arbeit und alles seelsorgliche Bemühen gelingt unter der Führung des Heiligen Geistes. „Komm, Heiliger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft.“

Ein frohes Pfingstfest und herzliche Grüße

Ihr

Domkapitular Msgr. Dr. Lothar Schlegel
Visitator Ermland · Schneidemühl



 

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