Ermlandbriefe (4/2007)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2007


Warten auf das Kommen Gottes

Beten heute

Von Pfr. Adalbert Keilus

Nach einem Vortrag bei der Priestertagung „Andreas Bruderschaft“ in Berlin

Es wächst die Zahl derer, die nie beten gelernt haben!

Schon lange stellen Katecheten und Katechetinnen fest, dass Kinder im Grundschulalter kein Gebet kennen und nie den Gottesdienst besuchen, obwohl ihre Eltern katholisch oder evangelisch sind. Die Themen Gott und Beten sind tabuisiert, weil die Erwachsenen das Beten verlernt haben oder für überflüssig halten. Das tun sie nicht aus Bosheit. Oft sind sie von einem falschen Gottesbild geprägt und haben das Gefühl, ohne Gott und Gebet die wahre Freiheit gefunden zu haben.

Um diesen Sachverhalt zu illustrieren, möchte ich zwei Beispiele geben: Eines Tage kommt ein Ministrant, der bis in die Jugendzeit regelmäßig seinen Dienst am Altar getan hat, zu mir und sagt: er möchte seinen Dienst aufgeben. Nach den schweren Erdbebenkatastrophen, wo viele Menschen den Tod fanden, könne er nicht mehr an den „lieben Gott“ glauben. Wenn es ihn gibt, dann hat er kein Interesse an uns Menschen. Darum hat es keinen Zweck zu beten. Wenn es ihn nicht gibt, ist Beten sowieso sinnlos.

Erst neulich rief mich ein Mann an, der mir dasselbe sagte wie der Ministrant von einst, jetzt aber mit 55 Jahren an Krebs leidet und gern wieder beten möchte, sich aber geniert, sich an einen Gott zu wenden, den er jahrzehntelang kaum eines Gebetes für würdig fand.

Beide waren an ihrem kindlichen Gottesbild gescheitert und waren nicht imstande, ihre Gottes-Vorstellungen zu korrigieren. Nun gibt es aber heute eine noch viel größere Zahl von Menschen, deren Eltern niemals das Wort Gott ins Gespräch gebracht haben, nie einen Gottesdienst mit ihren Kindern besucht haben, geschweige denn ein Gebet gesprochen haben. Sie sind ohne ihre Schuld religiöse Analphabeten.

Unser Leben heute ist so hektisch und mit vielen Eindrücken überfrachtet, dass man in der Tat gut leben kann, ohne an Gott zu denken oder zu ihm zu beten. Was bringt mir das, fragen sie sich. Und doch taucht bei fast allen die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Man kann sie beiseite schieben, aber viele suchen nach Sinnangeboten und finden viele Möglichkeiten.

Einem jungen evangelischen Christen gab der christliche Glauben keine Antwort auf die bedrängenden Fragen der Jugendzeit. Er findet im Buddhismus einen Weg zur Mitte seiner selbst und aus der Meditation die Kraft, sich zu bejahen auch in schwierigen Situationen. Ein anderer findet in Jogaübungen einen für ihn befreienden Weg, ist sich aber bewusst, dass er sich zwischen dem christlichen Glauben und dem Buddhismus entscheiden muss.

Was ist aber das Besondere des Christlichen? Die Bibel in ihren beiden Testamenten spricht Gott mit Du an. Sie zeichnet uns Gott als Gesprächspartner des Menschen, der ihn zuerst anredet und alle Stimmungen des Menschen im antwortenden Gebet zulässt: Dankbarkeit, Vertrauen, Zweifel, Ängste, Zorn, Enttäuschung, Schuldbekenntnis, also alle Gefühle, die unser Herz bewegen. Ein wunderbares Beispiel solchen Betens sind die Psalmen. Nicht unsere Worte sind das Entscheidende im Gebet. Hören auf die Stimme Gottes, ihm unsere augenblickliche Situation ohne Worte ausbreiten und warten, bis er uns Mut, Geduld zuspricht und vor allem seine liebende Barmherzigkeit im Schweigen der Meditation schenkt. Auf keinen Fall ist Gott einem Automaten gleich, von dem ich abrufen kann, was mir gefallt oder der Antworten auf alle Fragen auswirft, die mir das Leben oder die Politik stellen. Ich muss oft mit Fragen leben lernen, die erst nach und nach eine Antwort finden oder erst in der Ewigkeit. „Du führst uns hinaus ins Weite, du machst unsere Finsternis hell“, so betet der Psalmist.

Der Gott der Bibel ist zugleich der Vater Jesu Christi, der uns in seinem Gebet, dem Vaterunser, die Hauptakzente für unser Beten geschenkt hat. Wir dürfen ihn Vater nennen, weil sein letztes Geheimnis Liebe zu uns ist, auch wenn wir in Golgathastunden unseres Lebens Zweifel in unserem Herzen tragen. Liebe und Leiden sind für uns oft unüberbrückbare Gegensätze. Wir verstehen nicht die Zulassungen Gottes, aber er geht mit uns den Weg, und Wege sind manchmal ermüdend und kräftezehrend. Ich muss die Geduld aufbringen, meinem Gott abzunehmen, dass er mich und alle Welt zu dem Ziel führen will, das uns bestimmt ist. Jesus Christus hat sich aus dem ständigen Gespräch mit seinem Vater im Himmel die Kraft geholt, bis zum Berge Golgatha zu gehen. Das war für ihn nicht leicht. Wer auf die Stimme Gottes hört, muss auch durch Todesschatten gehen, aber mit der Hoffnung, dass die Vaterliebe Gottes ihn begleitet, auch wenn er nicht jeden Schritt versteht.

Im Glauben entscheiden wir uns für dieses Angebot. Wir können es aber auch ablehnen und andere Wege suchen. Vielleicht kommen wir erst auf Umwegen zu dem Gott, dessen Name heilig ist gemäß dem Gebet Jesu. Heilig meint, dass Gott in unzugänglichem Lichte wohnt und letztlich für uns unbegreiflich bleibt. Aber er ist nicht Finsternis, sondern unendliche Liebe. Wer im Sinne Jesu betet und meditiert, erhält nicht Antwort auf alle Fragen, aber die Gewissheit, sich diesem Geheimnis der Liebe anvertrauen zu dürfen.

Wer tief geborgen ist im Geheimnis des uns liebenden Gottes, der darf auch beten, „dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden“; denn wir ergeben uns nicht einem willkürlichen Tyrannen, der mit uns macht, was er will, sondern dem Gott, der unser und aller Welt Heil will, selbst wenn uns das im Augenblick nicht einleuchtet. Der Glaubende ist also auch immer der Wartende, offen für das Kommen des Reiches Gottes, das schon in mir da ist und doch mir jeden Tag neu entgegenkommt und erst an dem Tage vollendet sein wird, wenn Gott alles in allem sein wird und in seinem Licht alle Rätsel klären wird, die uns heute manchmal das Glauben schwer machen. Jesaja, der große Prophet, malt diesen letzten Tag Gottes so aus: dann wird Gott ein Festmahl für alle bereiten, wird selbst die Gäste bewirten und alle Tränen abwischen.

Das entscheidend Christliche ist demnach das beschriebene Gottesbild, das dem Glaubenden hilft, in Hoffnung zu leben und in der Gewissheit, dass die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die uns erwartet, wenn Gott alles vollendet.

Das 2. Vatikanische Konzil hat uns belehrt, dass Gott auch alle tastenden Versuche der Sinndeutung in den Religionen der Menschheit ernst nimmt. Er führt auch die zum Ziel, die ehrlich und oft mit großer Leidenschaft zum Heil der Menschen beitragen, ohne die Bibel und ihre Botschaft zu kennen oder nach ihrem augenblicklichen Erkenntnisstand akzeptieren können. Auf die Frage, wer gerettet wird, gibt Jesus die Antwort: es werden viele von Norden und Süden, von Ost und West kommen und Platz finden im Reiche Gottes. Uns allen gibt er die Mahnung mit: durch die enge Pforte - will sagen: durch die vielen Mühen und Nöte des Lebens - zu gehen und dafür uns im Gebet die Kraft Gottes zu erbitten.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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