Ermlandbriefe (4/2006)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2006


Sich in die Hand Gottes fallen lassen

Kinder, liebt einander!

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Vom Apostel Johannes, dessen Fest wir am 27. Dezember, also unmittelbar nach Weihnachten, feiern, wird folgendes berichtet: Der Heilige, welcher der Überlieferung nach sehr alt geworden ist, konnte in seinen letzten Lebensjahren keine langen Predigten halten. Und doch habe er sich immer wieder an die Gemeinde in Ephesus gewandt, deren Bischof er war, und er habe immer wieder gesagt: Kinder, liebt einander! Diesen Satz soll er unzählige Male wiederholt haben.

Als man ihn fragte, warum er immer wieder den gleichen Satz sage, habe er geantwortet: „Dieser eine Satz genügt, wenn man sein Leben nach ihm ausrichtet.“

Ob das alles so gewesen ist, wissen wir nicht. Was wir aber wissen, das ist, dass die Erfüllung des Gebotes der Liebe für den Christen eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Und die Erfüllung dieses Gebotes ist nicht so einfach, wie wir Menschen das vielleicht meinen.

Unser Herr und Heiland setzt das Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten gleich. Gewiss haben wir diesen Text schon oft gehört. Ob der Text uns aber etwas sagt? Wenn nämlich in der Heiligen Schrift von Liebe die Rede ist, dann geht es zunächst nicht um Gefühl und Zuneigung. Die Liebe, die hier gemeint ist, kann eine sehr, sehr nüchterne Sache sein. Doch sie ruft uns dazu auf, das Eigentliche unseres Glaubens zu leben, die Liebe zu Gott und dem Nächsten.

Was ist das? Liebe zu Gott, das heißt nicht, bestimmte Gebote und Verbote zu beachten. Das ist einfach zu wenig. Liebe zu Gott, das heißt nicht, einen Kodex bestimmter Paragraphen zu befolgen. Auch das reicht nicht aus. Liebe zu Gott, das heißt, sich ganz in die Hand Gottes fallen zu lassen und zu wissen, dass ER uns hält und trägt. Das heißt aber auch, den lebendigen Kontakt zu Gott zu suchen. Wer nicht mehr betet, mag noch so viele Zeichen der Mitmenschlichkeit setzen, ein richtiger Christ ist er eigentlich nicht.

So ist auch das Gebot der Nächstenliebe manchmal eine ganz nüchterne Sache. Auch ohne dieses Gebot kommen wir nicht aus. Wer nur an sich denkt, auch der hat das Wesentliche des Christseins noch nicht verstanden.

Unsere Aufgabe ist es, zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten eine Einheit zu finden. Ein Abwägen und Werten dieser beiden Dinge hat für den Christen keinen Sinn.

Und auch das ist noch nicht alles. Jesus fordert auch, unsere Feinde zu lieben. Niemand soll sagen, dass das einfach ist. Und das Gebot der Feindesliebe war zur Zeit Jesu absolut neu. Wir werden wohl alle zugeben müssen, dass wir hier hin und wieder ungelöste Aufgaben vor uns sehen. Das Beispiel unseres HERRN und das Vorbild mancher Heiliger sollte Wegweiser sein.

Was hatten alle diese Überlegungen mit der Botschaft des Weihnachtsfestes zu tun? Diese Frage ist deshalb für den oberflächlich Denkenden nicht einfach, weil Weihnachten im Laufe der Zeit – besonders für die Menschen in Ländern ohne große Not - etwas ganz anderes geworden ist.

Die Weihnachtsbotschaft stellt nämlich nicht ein Kind in die Mitte, weil kleine Kinder immer etwas Ansprechendes sind; es sollte wenigstens so sein. Die Weihnachtsbotschaft kündet von dem kleinen, hilflosen Kind, um uns die ganze Größe der erbarmenden Liebe Gottes zu zeigen. Nur wer diese Botschaft zu verstehen sucht, kann lernen, was Weihnachten ist. Und wichtiger als noch so beeindruckende Weihnachtskonzerte und feierliche Gottesdienste, die viele von uns, auch der Schreiber dieser Zeilen, lieben, ist der Glaube an die Menschwerdung Gottes für uns. Und die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist ein Werk der allein wirksamen Gnade Gottes. Niemand ist von dieser Gnade ausgeschlossen. Und in der Kraft dieser Gnade dürfen wir unseren Glauben bezeugen und weitersagen.

Ein Theologe unserer Tage formuliert das so: „Ich bekenne mich zu Jesus Christus und seiner Gemeinde. In Jesus Christus habe ich den Sinn meines Lebens gefunden. Er sagt zu mir: Diene selbstlos den Menschen und du wirst nie ohne Freude sein!“ (Aus: Roman Bleistein SJ, Kurzformeln des Glaubens)

Wir wollen beten und wünschen, das Jesus, der Herr, uns allen ein wenig von dieser Erkenntnis gerade zu Weihnachten schenke!




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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