Ermlandbriefe (2/2006)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 2006


Gottes Geist in der Kirche

Was ist Pfingsten?

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Kirche in der Krise! Diese Überschrift las der Schreiber dieser Zeilen vor einiger Zeit; in welcher Zeitung oder Zeitschrift weiß ich nicht mehr.

Die Statistik des kirchlichen Lebens sagt einiges. Dabei soll durchaus betont werden, dass auch Statistik nicht alles und auch nicht das Wichtigste ist. Aber lässt es nicht doch aufhorchen, wenn wir mit gewisser Regelmäßigkeit hören oder lesen, dass Gemeinden zusammengelegt, konsekrierte Gotteshäuser aufgegeben werden, dass die Zahl der Christen zurückgeht?

All diesen Tatsachen steht aber die Botschaft gegenüber, dass Gottes Geist den Christen nicht nur einmal (nach dem Bericht der Pfingstgeschichte) geschenkt wurde, sondern dass Gottes Geist auch heute in der Kirche lebendig ist und wirkt.

Was ist Pfingsten? Diese Frage kann unterschiedlich beantwortet werden. Man kann z. B. sich einzig und allein auf den Bericht der Heiligen Schrift stützen (vgl. Apostelgeschichte, 2. Kap.). Man kann ebenso darauf hinweisen, dass die Botschaft von der Sendung des Heiligen Geistes nicht nur Geschichte ist, sondern Teil dessen, was die Theologie Heilsgeschichte nennt. Gottes Geist wirkt auch da, wo wir oft viel zu oberflächlich nur an bestimmte Texte denken oder uns mit schönen, aber oft auch leeren Sprüchen begnügen. „Dein Geist weht, wo er will!“, singen wir in einem modernen geistlichen Lied. Ob wir schon darüber nachgedacht haben, dass Gottes Geist auch in unserem Leben, ja durch uns wirken will? Ein moderner Katechismus sagt: Gottes Geist ergreift den Menschen wie ein Sturm, wie Feuer; er drängt sie hinaus zu den anderen Menschen und schafft, dass sie einander verstehen, dass sie vom Bösen umkehren und an Jesus glauben.“

Er führt die Menschen in der Kirche zusammen. (Aus: Botschaft des Glaubens, Essen 1978, S. 171) Eine wahre Begebenheit, die der Unterzeichnete noch vor seiner Priesterweihe erleben durfte, soll das deutlich machen: Es muss etwa im Jahre 1949 gewesen sein. Ich war damals Theologiestudent im 7. Semester und wurde gebeten, auf einer Nordsee-Insel in Nordfriesland die durch die Vertreibung dorthin verschlagenen wenigen Katholiken zu erfassen und den nur selten möglichen sogenannten Stationsgottesdienst vorzubereiten. Für die Menschen auf der Insel gab es damals nur Verbindung zum Festland per Schiff, abhängig von Ebbe und Flut und im Herbst und Winter von der Witterung. - Ich will es kurz machen. Als ich mit einem Empfehlungsschreiben des damals für die Insel zuständigen Pfarrers auf der Gemeindeverwaltung vorsprach, erfuhr ich – übrigens in sehr freundlicher Form – ich sollte mich an Herrn F. wenden; er sei katholisch, kenne seine Leute und – ich war sprachlos – halte auch Gottesdienste. Seinen Namen hatte ich schon gehört; viel mehr aber wusste der Pfarrer auch nicht.

Es stellte sich heraus, dass Herr F. katholischer Christ aus der Wolgagegend war. Sein Leben war nicht leicht gewesen.Er zeigte mir mit einem gewissen Stolz seinen Katechismus aus seiner Kindheit, den er fast auswendig wusste. Und regelmäßig lud er die wenigen katholischen Christen ein, mit ihm am Sonntag Gott zu loben. Dieser „Wortgottesdienst“, wie wir heute sagen würden, hatte Struktur und Sinn.

Nun ergab sich, dass einige wenige Kinder auf die Heilige Kommunion vorbereitet werden mussten. Auch diese Aufgabe wurde mir übertragen. Als ich nach 14 Tagen den alten Pfarrer traf, erklärte ich ihm, ich wolle mich gern um die Kinder kümmern, doch die meisten wüssten ja schon „fast alles“, was notwendig war. Vater F. hatte in der Kraft des Heiligen Geistes gute Arbeit geleistet. Erstaunlich ist auch heute noch, dass diese Art der Vorbereitung von den Eltern voll mitgetragen wurde. Wir haben dann in der evangelischen Inselkirche, die bis zur Reformation katholisch war, Erstkommunion gefeiert.

Gottes Geist vermag auch Menschen zu Aufgaben fähig zu machen, die viele gar nicht für möglich halten. Natürlich weiß ich um die heute übliche Vorbereitungsform auf den Empfang der Erstkommunion und der Firmung. Nur meine ich, dass das, was ich damals vor der Küste Nordfrieslands erleben durfte, gewiss einfacher in der Form, aber vom Wirken des Heilgen Geistes ebenso geprägt war.

Die Gefahr ist, dass wir alle – auch wir Priester – uns oft mit einer gewissen Mittelmäßigkeit zufrieden geben. Der hl. Bernhard, Kirchenlehrer im Hochmittelalter, hat einmal gesagt: „Unruhig musst du werden, sooft du an die Kirche denkst!“ Diese Unruhe fehlt uns.

Pfingsten wird zu Recht der Geburtstag der Kirche genannt. Dieses Bild von der Mutter kann nachdenklich machen. Da kann es auch Generationenprobleme geben. Da kann die Mutter „altmodisch“ wirken, was sie aber gar nicht ist. Da kann Kirche als überholt gelten. Und doch gilt: Kirche ist immer modern! Weil sie den Menschen in der Kraft der Heiligen Geistes führt. Und wenn heute viele meinen, nicht mehr glauben zu können usw., so liegt das – seien wir doch ehrlich – oft daran, dass sie nicht mehr beten können. „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten ...“, schrieb mitten im Zweiten Weltkrieg der katholische Dichter und Denker Reinhold Schneider.

So darf ich allen Lesern den wahren Geist des Pfingstfestes wünschen. Vergessen wir nicht, dass es sich auch heute lohnt, gemeinsam Kirche zu sein.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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