Ermlandbriefe (1/2006)
Katechismus-Ecke - Ostern 2006


Wir gehören zusammen!

Die Gemeinschaft

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Seit einigen Jahren besteht in der Kolpingsfamilie, deren Präses ich seit langer Zeit sein darf, ein besonderer Osterbrauch, der auf die Initiative einer Mutter zurückzuführen ist.

Am Ostersonntag holen junge Christen aus den vielen Kirchen und Kapellen der Stadt das Licht der Osterkerze. In Laternen wird dieses Licht mit dem Fahrrad zu einer zentralen Stelle gebracht. Und durch die unterschiedlichen Lichtquellen wird – selbstverständlich mit amtlicher Genehmigung und unter Berücksichtigung entsprechender Vorsichtsmaßnahmen – ein kleines Osterfeuer entzündet. Osterlieder und kurze Gebetstexte lösen einander ab. Und mit einem froh-besinnlichen gemeinsamen Ausklang im Kolpingheim geht der Abend zu Ende.

Der Sinn dieser Schilderung liegt nicht darin, dass von einem der unzähligen Osterfeuer berichtet wird, die an diesem Fest eine gute Sitte sind. Es geht um das Symbol der Gemeinschaft: Das Licht aus verschiedenen Gemeinden, Kirchen und Kapellen wird zu einem einzigen Feuer. Wir gehören zusammen. Ostern, das ist nicht nur ein schönes Frühlingsfest; Ostern ist viel, viel mehr.

Seien wir ehrlich: Wir Christen haben uns an bestimmte Sätze und Thesen unseres Glaubens so gewöhnt, dass sie uns oft nicht mehr richtig „packen“ können. Auch die Osterbotschaft gehört dazu. Denn diese Botschaft ist ohne die Antwort aus unserem Glauben wertlos. Und so ausführlich die Evangelisten die Tatsache des leeren Grabes betonen; diese Botschaft muss unser Leben Tag für Tag formen. Schon die Christen der Urkirche wussten, warum Ostern und seine Botschaft der zentrale Punkt des Lebens der Gemeinde, der Kirche, sein musste. Ostern richtig deuten – das muss eine „Revolution“ sein, wie der erste ermländische Kapitularvikar Prälat Arthur Kather einmal gesagt hat. Die Revolution des Ostertages zerstört nicht und bringt keinen Schrecken. Sie kündet von dem Leben, das nicht nur ein biologischer Vorgang ist: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“, sagt Jesus (Joh 10, 10)

Mit dem Ostertag und seiner Botschaft ist alles anders geworden. Und vieles muss in unserem Leben immer wieder anders werden, wenn wir uns nicht verrechnen wollen. Die Sicherungen, die wir in unserem Leben oft einbauen, werden nicht für immer vorhalten. Sie können ebensowenig Sicherungen sein, wie der große Stein vor dem Grab Jesu. Die Unsicherheit unseres Lebens kann nur überwunden werden durch den Glauben, dass alle Leere in uns nur durch die Fülle der Herrlichkeit Gottes überwunden werden kann. „Die große Leere hier / Du füllst sie aus in mir / Näher mein Gott zu Dir / Näher zu Dir!“ (Otto Miller)

Was hat denn nun der eingangs geschilderte Osterbrauch mit der Osterbotschaft zu tun? Wir wollen versuchen, eine Antwort zu geben.

Christus ist nicht nur für den Einzelnen da. Er sprach nach den Berichten der Evangelisten gewiss auch einzelne Menschen an; er betonte aber ebenso die Gemeinschaft. Kirche, Gemeinde besteht immer aus Vielen, manchmal leider nur aus Wenigen. Und Jesus schloss niemanden von seiner Botschaft aus. In der Gemeinschaft des Brotbrechens, wie es die Urkirche formulierte, zeigt sich die Gemeinschaft mit Ihm. „Und sie erkannten Ihn, als Er das Brot brach“, berichtet Lukas am Schluss der Emmaus-Geschichte (Lk 24, 35)

„Christ ist man für Andere“ formulierte vor etwa zwanzig Jahren ein Mussionsplakat. Nur wer diese Gemeinschaft begreift, kann auch den Sinn der Osterbotschaft verstehen. Damit ist nichts gegen die Christen in Ausnahmesituationen gesagt, die auch in unserer Zeit, ohne es zu wollen, in der geistigen Diaspora leben.

Aus vielen Lichtquellen wird ein Feuer. Das ist Gottes Auftrag an uns: Die Flamme nicht nur zu hüten, sondern neue Glut nachzulegen. Es lohnt sich, trotz aller Probleme, die wir haben und auch haben werden, von diesem Feuer weiterzugeben. Dazu schenke der Auferstandene uns Seinen Segen.




zurück


zum Anfang 


Weitere Themen






















































































Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
© 2016 by Visitator Ermland®