Ermlandbriefe (4/2005)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2005


Transeamus usque Bethlehem

Hinüber durch Bethlehem

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

„Transeamus usque Bethlehem ...“ Das ist das Lied der Schlesier zur Weihnachtszeit. Es gibt katholische Christen aus Schlesien, die sich ohne dieses Lied Weihnachten nicht vorstellen können. Nun ist das sicher nicht das Entscheidende bei der Feier der Geburt des Herrn. Und doch sagt dieser Text mehr aus, als man zunächst glaubt. Und dieser Text gilt auch uns, die wir der Herkunft nach mehr die ermländische als die schlesische Tradition kennen.

„Transeamus“ - was heißt das? Dieses Wort sagt zunächst etwas davon aus, dass wir unterwegs sind. Und es sagt uns außerdem, dass dieses Unterwegssein etwas anderes ist als eine gewöhnliche Reise. Wir sind immer unterwegs. Wer meint, schon am Ziel zu sein, der irrt. Denn zwischen Bethlehem und der Welt, in welcher wir leben und aus welcher wir kommen, besteht eine Kluft. Wer dorthin unterwegs sein will, muss sich frei machen von den vielen oft sehr oberflächlichen Dingen, die wir – leider besonders zu Weihnachten – für wichtig halten. Das Wort „Trans“ bedeutet hinüber. Es ist nicht einfach, diesen Weg hinüber zu leisten. Und ehrlich gesagt: Haben wir Alten nicht damals, in der großen Notzeit, mehr von der Weihnachtsbotschaft verstanden als heute?

Weihnachten vermag nur der richtig zu feiern, der noch weiß und daraus lebt, dass er „hindurch“ muss zu dem Eigentlichen. Diese Erkenntnis ist wichtiger als die schöne Erinnerung an bestimmte Lieder – oder an bestimmte Speisekarten. Nur der kann Weihnachten richtig feiern, der sich von allem Überflüssigen frei gemacht hat. Dieser Läuterungsprozess kann ein ganzes Leben dauern. Der Apostel Paulus schreibt im Philipperbrief, Gottes Sohn habe sich „entäußert“ (im Griechischen eigentlich: sich leer gemacht) von seiner Göttlichkeit, um uns gleich zu werden. Etwas von diesem Wissen braucht der Christ, um wirklich Christ sein zu können. Dabei geben wir gern zu, dass diese Haltung uns allen oft sehr schwer fällt. Angelus Silesius, der Geistliche Dichter aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, formuliert das so: „Und wäre Christus tausendmal in dieser Welt geboren, doch nicht in dir: Du wärest ewiglich verloren.“ Zwar wagt man in unserer Zeit kaum, einen solchen Vers zu schreiben; gültig bleibt dieser Text trotzdem. Wir sagten schon, dass wir alle immer unterwegs sind. Der Gang zur Krippe des Kindes von Bethlehem ist dabei Ziel und Durchgangsstation zugleich. Denn unser Unterwegssein endet nicht in der Feier der Weihnachtsnacht. Der menschgewordene Christus gibt uns die Kraft, immer weiter zu gehen. Wir sollten keine Angst haben zu bekennen, dass die Zeiten der großen Not und Entbehrung ohne diese Bindung an den Herrn wohl kaum getragen werden konnten. Seine Armut konnte (oder könnte?) zu unserem Reichtum werden ...

Und nun noch etwas anderes: Unmittelbar nach dem Weihnachtsfest feiert die Kirche in der Regel das Fest ihres ersten Blutzeugen, des heiligen Diakons Stephanus. Geschichtlich hat sich das zufällig so ergeben. Doch es ist gut, dass die Kirche das Märtyrerfest nicht verlegt hat. Denn Stephanus führt – wie unser erster Kapitularvikar, Prälat Kather, einmal formuliert hat, den Zug der unzähligen Blutzeugen an, die um des Herrn Willen gestorben sind. Und das waren – auch im vergangenen Jahrhundert – nicht wenige. Die Botschaft des zweiten Weihnachtstages vom Zeugentod des Stephanus ist die Antwort auf die persongewordene Botschaft Gottes an uns. Und diese Botschaft sollte uns frei machen von allem oberflächlichen Tingeltangel, der uns oft leider wichtiger ist als das Eigentliche.

Wir Christen brauchen für die Feier der Weihnacht den Glauben an das Kommen Gottes. Die zahlreichen Sagen und Legenden um diese Botschaft (z. B. die Christopheruslegende) sind nur Zeichen für den Kern der Botschaft. „Und das Wort ist Fleisch geworden“, schreibt der Apostel Johannes im sogenannten Prolog seines Evangeliums. Nur von diesem Geheimnis her ist zu verstehen, was Weihnachten uns allen sagen will. „Transeamus“ - das Wort fordert nicht wenig! Es fordert uns ganz. Ohne Abstriche und Kompromisse! Zwar sagt diese Forderung auch etwas vom Wagnis des Glaubens aus; sie weist aber trotz allem Widrigen auf das Ziel hin. Und es lohnt sich, auf dieses Ziel hin Tag für Tag das Leben zu wagen, Christus entgegen!




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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