Ermlandbriefe (3/2005)
Katechismus-Ecke - Sommer 2005


„Wo zwei oder drei ..."

Lebendige Steine

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Sonntagnachmittag. Die Juli-Sonne meint es fast zu gut mit den Menschen im Warburger Land. In der freien Natur spürt kaum einer, das (wie) alltäglich in der Welt furchbare Dinge geschehen. Auf der Calenberger Höhe, wenige Kilometer südlich von Warburg an der „Landesgrenze" nach Hessen, versammeln sich etwa 100 Menschen auf dem Lagerplatz eines Messdienerzeltlagers, um Eucharistie zu feiern. Auch zahlreiche Eltern sind gekommen. Zwei Priester, der Gemeindepfarrer und dessen Vorgänger, stehen gemeinsam am Altar. Die innere Konzentration auf das, was dort geschieht, ist den meisten Jungen Menschen anzumerken. Und das im Jahre 2005.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind ...“, dieser moderne Kanon leitet die Feier ein. Die Gemeinde singt begeistert mit. Da ist nichts zu spüren von „Kein Bock auf Kirche“.

Das Gleichnis vom Sämann nach der Fassung des Matthäus bildet das Evangelium. Der Prediger versucht, diesen Text ganz schlicht auf die Menschen zu bezeihen, denen das Wort Gottes als Samenkorn anvertraut ist.

„Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht ...“, dieses rhythmische Lied aus den Gemeinden der früheren DDR, dessen Text an die deutsche Heilige St. Elisabeth erinnert, sagt Wesentliches für unser Christsein aus. „Wer das heilige Mahl richtig mitfeiern will, muss teilen können“. So oder so ähnlich haben unsere jungen Christen in der Vorbereitung auf die Erstkommunion gelernt, damals wie heute. „Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut ...". Die Eltern und einer der beiden Priester erinnern sich noch an den Kirchbau damals, in den Jahren 1965 und 1966. Da wuchs ein fast zu moderner asymetrischer Bau empor. Und doch ist der andere Bau wichtiger, denn wir alle sind Kirche, sind die „lebendigen Steine“, wie es in den offiziellen Texten der Kirchweihmesse heißt.

Gott baut durch uns und mit uns. Der heute weithin gelebte krasse Individualismus kann gefährlich sein. Kirche ist nämlich mehr!

Zurück zur Messfeier auf der Calenberger Höhe. Da fehlt so vieles, was wir - sicher auch mit guten Gründen - für wichtig halten. Die Altarschellen wurden durch ein kleines Glöckchen ersetzt - es wäre auch ohne dieses Zeichen möglich gewesen. An Stelle der Orgel spielte einer der beiden Priester Gitarre. Ich meine, dass kein anderes Instrument einen solchen Gottesdienst so gut begleiten kann. Da war der Friedensgruß, vor welchem wir Deutschen uns manchmal fürchten, eine Selbstverständlichkeit. In der Freude des Glaubens ohne alle Übertreibung war er das Zeichen der Gemeinschaft. Wäre er - der Friedensgruß - ausgelassen worden, es hätte etwas Wichtiges gefehlt, meine ich.

Sicher wird mancher Leser, der schon älter ist, daran denken, wie das damals war, nach Flucht, nach der Vertreibung. Als wir in Klassenzimmern in kleinen Schulen die hl. Messe gefeiert hatten, oft in armseliger Umgebung. Ich selbst denke an eine Weihnachtsmesse, für welche uns ein Bauer sein großes Wohnzimmer irgendwo in Nordfriesland zur Verfügung gestellt hatte. Den Namen dieses evangelischen Christen weiß ich nicht mehr, aber die dankbare Erinnerung ist geblieben.

Der Leser mag meinen, das diese Zeilen etwas zu optimistisch geschrieben wurden. Das kann zutreffend sein. Nur - mit dem üblichen Klagen über zu geringen Kirchenbesuch kommen wir auch nicht weiter. Der Schreiber dieser Zeilen hat immer wieder erlebt, dass auch bei jungen Christen die Feier der Eucharistie kein alter Zopf ist, den man besser abschneidet. Gewiss ist auch hier die Gefahr der Routine gegeben. Und Routine führt zum Leerlauf ...

Die Mitfeier der hl. Eucharistie ist nach wie vor für den katholischen Christen wesensnotwendig. Es ist schade, wenn Christen etwa im Urlaub meinen, das sei alles überholt. Der Schreiber dieser Zeilen kennt nicht wenige, die sogar ihren Ferienort danach auswählen, ob dort die Gelegenheit zur Mitfeier der Sonntagsmesse möglich ist.

Vielleich fehlt uns oft auch die rechte Glaubenshaltung. Eucharistiefeier ist ja nicht nur Erleben der Gemeinschaft, sondern Bekenntnis. Der HERR ist bei uns. „Wo zwei oder drei ...“. Eucharistie ist nicht reine Mitmenschlichkeit. Es ist bei allen positiven Beobachtungen nicht zu übersehen, dass heute die Gefahr besteht, hier eine unzulässige Verwechslung vorzunehmen. Denn in der Mitte einer solchen Feier steht nicht das „Erleben“, sondern Christus.

Und ein Letztes: Es kommt nicht immer darauf an, dass wir im Gottesdienst alle einander bekannt sind. Das wird oft auch gar nicht möglich sein. Denn wen wir als Christen erkennen, der kann uns doch eigentlich nicht so ganz fremd sein. Und haben nicht viele Heilige immer wieder in dem Anderen, besonders wenn dieser in Not war, Christus gesehen, eine hl. Elisabeth, ein hl. Franziskus und viele andere?

Und heißt nicht unser Fremdwort „Kommunion“ auf Deutsch „Gemeinschaft“? Möge Christus der Herr uns allen den rechten Glauben schenken, dass Er immer für uns da ist als der Auferstandene, als der uns Menschen Suchende und nicht zuletzt als der uns Liebende. Es lohnt sich, zu Ihm zu gehören.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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