Ermlandbriefe (1/2005)
Katechismus-Ecke - Ostern 2005


Ein Versöhnungsfest

Das Bußsakrament

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

„Nach dem Konzil ist alles erlaubt“, sagte mir in den 70-er Jahren mit angeblicher Überzeugung eine Mutter, die ihr Kind vor der Erstbeichte bewahren wollte.

Dieser Satz bedarf keines Kommentars. Wir müssen aber zugeben, dass heute viele katholische Christen, auch solche, die sich für „praktizierend“ halten, zwar nicht diesen Satz billigen, aber das Bußsakrament aus ihrem Leben gestrichen haben. Das hat viele Gründe. Da ist festzustellen, dass das Bußsakrament eine recht komplizierte Geschichte hat. Es kann wohl kaum bestritten werden, dass manche früheren Akzentsetzungen in der religiösen Erziehung gut gemeint waren, aber manche Menschen, vor allem junge Menschen, verängstigt haben. Es muss auch zugegeben werden, dass manche Überlegungen zur Bußpastoral in der ersten Hälfte des 20. Jh., die der Schreiber dieser Zeilen selbst noch erlebt und für sehr gut gehalten hat (und auch heute noch hält), nicht das gebracht haben, was man damals wohl erwartet hat.

Das mag alles so sein; von einer „Abschaffung“ des Bußsakramentes kann aber keine Rede sein. Und der überzeugte katholische Christ kann sich nicht auf den doch wohl etwas primitiven Spruch zurückziehen: „Ich brauche nicht zu beichten, ich habe doch niemanden totgeschlagen.“

Wie wichtig für unsere Kirche das Bußsakrament ist, sieht man u. a. auch an der Tatsache, dass unser offizielles Gesangbuch „Gotteslob“ vier unterschiedlich gefasste Anleitungen für die Gewissenserforschung enthält (GL Nr. 61 ff), dazu eine kurze Beichtandacht für jüngere Kinder und eine (etwas lang geratene) Anleitung für Schülerinnen und Schüler, also sechs verschiedene Anleitungen.

Die äußere Form, in welcher das Bußsakrament im Laufe der Jahrhunderte gespendet wurde, hat einige Veränderungen erfahren. Gute Gründe haben dazu geführt, dass z. B. im ausgehenden Mittelalter die Beichtstühle aufkamen. Auch die heute in vielen Kirchen gegebene Möglichkeit, wahlweise statt der Beichte vor dem Gitter das Beichtgespräch zu suchen, ist eine gute Weiterentwicklung.

Das aber sind alles nur Äußerlichkeiten. Denn das Eigentliche des Bußsakramentes ist nicht das ellenlange Bekenntnis, sondern der Glaube an Gottes Barmherzigkeit und Vergebung.

Auf die Gnade Gottes kommt es an: „Christus selbst ist es, der in diesem Sakrament wirkt: Er führt den Sünder zur Umkehr, damit er seine Schuld bereut und eingesteht. Er wirkt durch den Priester, der in seinem Auftrag das Wirksame Wort der Lossprechung sagt. So wird diese Begegnung des Sünders mit dem Priester zum Zeichen der Gnade Gottes, die das Böse überwindet. Dieses Zeichen nennen wir Bußsakrament.“ (Zitiert aus: „Botschaft des Glaubens“ Katechismus für die Bistümer Essen und Augsburg, Nr. 428b)

Und weil menschliche Schuld immer eine persönliche ist, muss das Bußsakrament auch etwas Persönliches sein. Dabei muss der Priester ohne Wenn und Aber bedenken, dass dieses Sakrament Gottes Gnade und Barmherzigkeit zuspricht - und dass er selbst als Sünder vor Gott ebenso dieser Barmherzigkeit bedürftig ist.

Aber, so werden manche fragen, wie ist das nun mit dem Bußgottesdienst? Denn der Gedanke, persönliche Schuld auch gemeinsam zu bekennen, kann doch nicht falsch sein. Das ist er auch nicht. Nur dass diese neue Form der Besinnung vor Gott kein Sakrament ist. Jeder Bußgottesdienst ist ein Zeichen, dass die Kirche auch Kirche der Sünder ist. Sie führt den Einzelnen durch die Verkündigung zur Besinnung, zur Reue, zum Bekenntnis und zur Sühne.

Den Bußgottesdienst als Ersatz für das Bußsakrament zu sehen - was viele leider tun - oder dem Priester zu sagen, er solle doch froh sein, nicht mehr Stunden im Beichtstuhl verbringen zu müssen, ist eine nichthinzunehmende Irreführung. Wenn man das persönliche Bekenntnis nur denen überlassen wollte, die sich schwerer Schuld anklagen müssen ..., das wäre der Ausverkauf eines großen Schatzes der Kirche, der so nicht akzeptiert werden kann.

Seit acht Jahren ist der Schreiber dieser Zeilen in einer großen Gemeinde helfender Priester am „Versöhnungstag“. Dieses Wort steht dort für die Erstbeichte.

Nach dem erforderlichen Unterricht, den ein älterer Pfarrer recht locker erteilt, kommen die Kinder an einem Samstagvormittag zusammen. Die Organisation hat eine Gruppe von jungen Müttern, die diesen Dienst ehrenamtlich tun; Sprecherin dieser Gruppe ist die Gattin eines Diakons. Mit Lesungen, meditativer Musik und Denkanstößen werden die Kinder angeleitet und vorbereitet. Das geschieht gruppenweise.

Die Priester halten mit jedem Kind ein kurzes Beichtgespräch. Die Atmosphäre in dem großen Pfarrheim der Gemeinde ist nicht nur gut, sie ist „gefüllt“. Ich habe noch nie ein weinendes Kind gesehen; den Kindern ist die Freude, beichten zu dürfen, oft anzumerken. Die Mahlzeiten werden gemeinsam mit den betreuenden Müttern und den Priestern eingenommen. Ich bin nur ein wenig traurig, dass ich diese Form der Erstbeichte erst vor acht Jahren kennen gelernt habe, obwohl ich sagen muss, dass ich mich auch darum bemüht habe, den Kindern alle falsche Angst zu nehmen.

„Versöhnungstag“ - das Wort weist uns auf das große Versöhnungsfest Ostern hin, auf welches wir zugehen. Möge dieses Fest über seine natürliche Freude hinaus uns allen das Eigentliche bewusst machen: Dass nur der ganz erlöste Christ Zeuge des Glaubens sein kann.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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