Ermlandbriefe (4/2004)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2004


Weil Kirche in der Familie anfängt

Ehe und Familie - Gemeinschaft im Gebet

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Es war im Sommer 1949. Die ersten Examina auf dem Weg zum Priestertum lagen hinter mir. Da kam unerwartet eine ganz andere Aufgbabe auf mich zu, die meinen weiteren Lebensweg mit Sicherheit geprägt hat.

Der katholische Pfarrer der Pfarrgemeinde Husum an der Nordsee, ein älterer diasporaerfahrener Seelsorger, hatte erfahren, dass auf der Nordseeinsel Pellworm, die damals dem Fremdenverkehr noch nicht erschlossen war, etwa 100 katholische Christen aus fast allen Teilen Osteuropas Unterkunft gefunden hatten. Er fragte mich, den damals 21-jährigen, ob ich eine Erkundungsfahrt auf die Insel machen wollte.

Ich hatte Zeit, und ich wollte auch ...

Eine einfache Unterkunft hatte der Pfarrer vermitteln können. Mein erster Gang führte mich zur politischen Gemeinde. Noch heute bin ich erstaunt, wie unkompliziert ich dort eine Art „Pfarrkartei“ handschriftlich fertigen durfte. Und ein Verwaltungsbeamter, selbst Vertriebener und evangelischer Christ, sagte mir: „Wenn Sie mehr über die Katholiken auf der Insel wissen wollen, müssen Sie zur Familie Schulz [Name geändert] gehen. Die kümmern sich um alles.“

So erlebte ich nicht nur nordostfriesische Diaspora - die kannte ich schon - sondern eine kleine, lebendige Gemeinde ohne Priester. Denn Familie Schulz kümmerte sich um regelmäßiges gemeinsames Gebet der Katholiken. Zwar kamen nicht alle, aber sicher 60 - 65 Prozent. Die Kinder erhielten einen einfachen, aber von großem Glauben getragenen Religionsunterricht. Sie mussten - und taten das mit Freude - die Texte aus einem alten Katechismus aus der wolgadeutschen Heimat der Familie Schulz abschreiben und lernen. Dieser Katechismus war anders als unsere heutigen Religionsbücher, brachte aber alles, was wichtig war.

Vater Schulz zeichnete den Kindern das Innere einer katholischen Kirche auf, erklärte Altar, Tabernakel und - was ich noch genau weiß - das Weihwasserbecken so gut, dass die Kinder bei unserem ersten Besuch in dem kleinen katholischen Kirchlein Husum vor dem Gotteshaus sagten: „Wenn man jetzt hineinkommt, ist rechts oder links ein kleines Becken mit Wasser. Das ist Weihwasser. Man macht damit das Kreuzzeichen und erinnert sich an die Taufe.“ - Ob eine solche Erklärung heute noch überall möglich ist?

Nachdem ich dem Pfarrer in Husum berichtet hatte und wohl auch recht begeistert war, wurde ich gleich für acht Wochen auf die Insel zurückgeschickt. Es ging darum, die katholischen Christen zu besuchen, für gelegentlichen Gottesdienst zu sorgen, was in der alten evangelischen Kirche problemlos möglich war. Der evangelische Pfarrer beobachtete mit wirklichem Wohlwollen das Tun der katholischen Christen.

Meine andere Aufgabe war, fünf Kinder auf die Erstkommunion vorzubereiten, ohne Kirche, aber mit viel Freude und mit der Glaubenshaltung der Eltern. Und die Erstkommunion haben wir in der evangelischen Kirche gefeiert. Es fehlte vieles, was man heute für notwendig hält; das eine Notwendige, von welchem Jesus gesprochen hat, war aber da.

Warum erzähle ich das alles? Weil Kirche in der Familie anfängt. Weil religiöse Erziehung im Elternhaus beginnen muss. Weil Elternhaus für Kinder und Heranwachsende nicht nur Garage zum Abstellen sein darf, sondern auch eine Tankstelle, aus der das von den Eltern, von der Familie gelebte Christentum täglich geschöpft werden kann.

Ein kleines Beispiel dazu: Mich hat es damals beeindruckt, wie der Sippenvater, der in Russland auch einige Kinder aus der Sippe getauft hatte, den Kindern das Kreuzzeichen auf die Stirn zeichnete. Im Ermland hat es früher diesen guten Brauch auch gegeben; ob er heute noch praktiziert wird?

Familie ist nämlich mehr. Und - ohne das Gebot der Ökumene zu verletzen - sei darauf hingewiesen, dass nach katholischen Überzeugung die Ehe nicht nur die Grundlage einer Familie ist, sondern ein aus der Bindung an Christus herausgewachsenes Zeichen, das wir Sakrament nennen. Und dass dieses Zeichen nur aus der Bereitschaft zum Opfer und Verzicht seinen Sinn erfüllen kann, bedarf gewiss keiner besonderen Erklärung. Doch das ist noch nicht alles.

Ehe und Familie sollten nicht nur, sie müssen Gemeinschaft im Gebet sein. Gebet ist nämlich nie nur eine Pflichtübung! Gebet ist Bedingung, dass Familie leben und Frucht bringen kann. Dabei ist nicht an bestimmte Gebete gedacht; hier sind viele Wege gleich gut. Familie Schulz auf Pellworm z. B. hielt sich immer wieder an den Rosenkranz. Der Schreiber dieser Zeilen bekennt, dass auch ihm diese Gebetsform viel gegeben hat. Es muss aber respektiert werden, wenn manche Christen das anders sehen. Wichtig ist nur, dass Eltern nicht meinen, mit der Sorge um das tägliche Brot für ihre Kinder schon genug getan zu haben.

„Unser Gebet wird dich auch da erreichen, wo du nicht erreicht werden willst“, schrieb eine gläubige Mutter an ihren Sohn. Und man sollte nie zweifeln, dass das Gebet für die Kinder so notwendig ist, nein notwendiger als viele Dinge, die wir heute als wesentlich ansehen.

Diese Überlegungen gelten auch für die Weihnachtszeit. Vielen von uns geht es trotz aller Probleme und Sorgen noch nicht schlecht. Wichtiger als all die Dinge, die wir meinen, Weihnachten haben zu müssen, ist das Wissen, dass Einer arm geworden ist, um uns Menschen reich zu machen, denn in Ihm - so schreibt der hl. Paulus - sind wir an allem reich geworden.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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