Ermlandbriefe (2/2004)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 2004


"Die große Leere hier, Du füllst sie aus in mir"

Der Heilige Geist

Von Pfarrer i. R. Rüdiger Hinz

Pfingsten ist nicht der Tag der Marktschreier und Angeber. Pfingsten kann nur der verstehen, der die eigenen Leere begreift und bekennt. „Die große Leere hier, Du füllst sie aus in mir“, dichtete Otto Miller in dem Lied der Heimat „Näher mein Gott zu Dir“.

Viele Menschen wissen mit diesem Tag nicht mehr viel anzufangen, besonders jene, die ihren Geist vernachlässigt haben. Und dass auch der Pfingsttag ein Fest des Glaubens ist, das ist heute weithin unbekannt, weil vergessen.

Es mag unmodern sein, zu behaupten: Pfingsten kann nur der feiern, der noch weiß, dass Gott allein es ist, der unsere Leere zu füllen vermag. Die große Kirchenlehrerin Theresia von Avila sagt „Gott allein genügt!“ Es ist nicht ganz einfach, im Jahre 2004 diesen Satz zu schreiben und gleichzeitig zu wissen, dass wir die ganze Fülle dieses Satzes kam begreifen können.

Der Pfingstbericht im 2. Kapitel der Apostelgeschichte hat so mit dem, was man heute unter Pfingsten versteht, dem Anschein nach nicht viel zu tun. Wer weiter denkt und wer – bildlich gesprochen – tiefer gräbt, wird das anders sehen.

Denn in diesem Bericht wird nicht nur zum Ausdruck gebracht, dass die Botschaft Jesu, dass das Christusereignis für alle Menschen in Gottes Heilsplan liegt. Dieser Bericht zeigt auch etwas von dem Sturm des Heiligen Geistes, der uns Christen erfassen soll. Der Kirchenlehrer St. Bernhard sagt „Unruhig musst du werden, sooft du an die Kirche denkst!“. Etwas von dieser Unruhe macht den Christen aus.

Auch als gläubiger Mensch lebt man in der Gefahr, ich das Leben und das Christsein zu bequem zu machen. Wir müssen bei jeder Mitfeier der hl. Eucharistie die Bereitschaft haben, Christus mit gläubigem Herzen nachzufolgen. Der Geist Gottes kann Menschen ergreifen und umwandeln. Ob und wie das geschieht, ist Geheimnis Gottes. Auch Menschen, die in ihrer Wesensart mehr zur Nüchternheit neigen, können diesen Anruf Gottes erfahren. Wenn der weithin vergessene Dichter Wolfgang Borchert, der erst am Ende seines Lebens Christ geworden ist, sagt: „Stell dich mitten in den Wind / glaub' an ihn und sei ein Kind / lass den Sturm in dich herein / und versuche, gut zu sein“, so ist das sicher gut gemeint. Für den Christen aber ist das zu wenig! Weil der Wind, der Sturm, der ihn erfassen soll, das Werk Gottes ist. Unsere Heiligen haben uns viel davon gezeigt, was es heißt, von Gott ergriffen zu sein. Nur ein Name sei hier genannt: Der heilige Franziskus.

Der Geist Gottes treibt die Menschen, sich ganz für Christus, sein Reich und für die Mitmenschen einzusetzen. Und immer, wenn wir Menschen begegnen, die das nach Kräften tun, spüren wir, dass in ihnen Christus lebt. Und das muss nicht immer jene heroische Haltung sein, die unser Bischof Maximilian Kaller zeigte, als er freiwillig als Seelsorger zu den getauften Juden ins Konzentrationslager gehen wollte. (Der damalige Papst Pius XII. hat aus verständlichen Gründen diesem Plan nicht zugestimmt.)

Der Geist Gottes führt jeden Menschen seinen persönlichen Weg. Und es ist gefährlich, auf diesem Weg andere Menschen, mag es noch so gut gemeint sein, zu kopieren. Wichtig ist nur, dass wir den Heiligen Geist um seine Hilfe bitten. Wenn heute nicht wenige Menschen mit ihrem Glauben nicht zurechtkommen, so müssen sie sich fragen lassen, ob sie regelmäßig zum Heiligen Geist beten. „Nun bitten wir den Heil'gen Geist um den rechten Glauben allermeist“ beginnt ein Pfingstlied, das zum Teil noch aus der Zeit vor der Glaubensspaltung stammt.

Und Glaube ist ein Geschenk Gottes. In älteren Gebetbüchern und Katechismen finden sich drei Gebete, die heute weithin unbekannt sind, obwohl man sie nicht als überholt bezeichnen kann: Gemeint sind die drei Göttlichen Tugenden. Dazu folgende Erklärung: Das Wort „Tugend“ hat in unserem Sprachverständnis etwas Weiches, Niedliches. Diese Deutung ist falsch. In der deutschen Sprache ist das Wort „Tugend“ mit dem Tätigkeitswort „taugen“ verwandt. Wer Tugend hat, der taugt etwas.

Gott schenkt dem Christen die Kraft zum Glauben, zum Hoffen und zum Lieben. Niemand kann sich diese Kraft, diese Eigenschaft selbst erwerben. Darum spricht die Theologie von den drei „eingegossenen“ Tugenden; das heißt Gott hat sie – wie so vieles – dem Menschen gegeben. Sache des Einzelnen ist es, diesen Tugenden im persönlichen Leben Raum zu geben. Deshalb steht am Ende des Gebetes um Glauben: „Vermehre o Gott meinen Glauben!“

Unser Fehler ist es, dass wir zu wenig über den Glauben als Geschenk Gottes nachdenken. Wir würden bei einigem Nachdenken nämlich zu der Erkenntnis kommen, dass der Glaube nicht nur ein „Fürwahrhalten“ ist, sondern zu einer bestimmte Glaubenshaltung führen muss. Und in dieser Glaubenshaltung darf es eigentlich nie ein Genug geben. (Der Schreiber dieser Zeilen weiß natürlich, dass es bei jedem Chrsiten hier offene Fragen und Unvollkommenheiten gibt.)

Wer aber weiß, was es heißt, an Gott zu glauben und sich von seinem Geiste leiten zu lassen, der kann eigentlich nicht auf den Holzweg geraten. Die Feier des Pfingstfestes, das Bekenntnis zu Gottes Geist, ist ein Zeichen dafür.

Und noch eins: Pfingsten ist das Geburtsfest der Gemeinschaft der Christen, die wir Kirche nennen. Auch diese Gemeinschaft besteht nicht nur aus Heiligen. Und doch gehört jeder Getaufte dazu. Und wir alle sind auf dem Wege, falls wir nicht schon eingeschlafen sind.

Ein modernes rhythmisches Lied aus der evangelischen Gläubigkeit, das vor etwa 40 Jahren entstand, sagt es so:

„Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, liegt oft im Hafen fest.
Weil sich's in Sicherheit und Ruh bequemer leben lässt.
Wir sonnten uns im alten Glanz vergangener Herrlichkeit
und sind doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.
Doch wer Gefahr und Leiden scheut, erlebt von Gott nicht viel;
nur, wer das Wagnis auf sich nimmt, erreicht das große Ziel.“




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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