Ermlandbriefe (1/2004)
Katechismus-Ecke - Ostern 2004


Caritas mit Paragraphen und Stoppuhr

Fußwaschung - lebendige Nächstenliebe

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Wer die vier Evangelien vergleichend liest, wird bald feststellen, dass die vier von der Kirche anerkannten Berichte vom Leben und Sterben Jesu in einigen Bereichen unterschiedliche Sichtweisen bieten. Nur oberflächlich denkende Manschen können hier Probleme sehen. Denn gerade darin liegt ein starkes Argument für die Echtheit der hl. Schrift, dass man nicht versucht hat, Textüberlieferungen zu „glätten“.

Ein anderes Moment ist die Tatsache, dass die drei Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas den Bericht von der Einsetzung der Hl. Eucharistie am Gründonnerstagabend bringen; der Evangelist Johannes kennt diesen Bericht nicht. Warum das so ist, dafür gibt es nur Vermutungen, die aber gute Gründe haben.

Das Johannes-Evangelium ist als letztes der vier Evangelien entstanden. In der Kirche entwickelte sich damals schon die so genannte Arkandisziplin; d. h., dass die Geheimnisse des Glaubens - also auch die Hl. Eucharistie - nicht Außenstehenden kundgetan werden durften. Wir Christen des beginnenden dritten Jahrtausends nach Christus haben gewiss zu dieser Auffassung kein ungebrochenes Verhältnis. Vielleicht sollten wir die Ehrfurcht vor der Hl. Eucharistie, die nach der Überlieferung das „Allerheiligste“ genannt wird, wieder neu entdecken. Die Urkirche dachte damals anders. Der Bericht von Martyrium des hl. Tarzisius ist ein beeindruckendes Zeugnis dafür, unabhängig davon, ob dieser Bericht geschichtliche Tatsache oder „nur“ Legende ist. Die Hl. Eucharistie durfte nicht einfach weitergegeben werden. Und obwohl der Schreiber dieser Zeilen viele heutige Formen des Gottesdienstes voll bejaht, muss doch darauf hingewiesen werden, dass jeder Christ sich fragen sollte, ob er mit dem heiligsten Zeichen unseres Glaubens ehrfürchtig umgeht. Wenn man z. B. heute in Kommunionkatechesen vom „heiligen Brot“ spricht, mag das gut gemeint sein; es ist aber zu wenig.

Warum aber hat Johannes den Bericht von der Eucharistie in seinem Evangelium, das bereits Verkündigung des - wie die Theologen sagen - Christusereignisses ist, ausgelassen?

Außer dem Hinweis auf die Arkandisziplin berichtet er als einziger der vier Evangelisten von einem anderen Ereignis, das jahrhundertelang das einzige Evangelium des Gründonnerstags war: Er berichtet von der Fußwaschung. Damals trugen im Orient die Menschen offene Sandalen. Reisen im heutigen Sinn waren eine sehr mühsame Sache; nur reiche Leute konnten sich ein Reittier oder wenigstens ein Lasttier leisten. Wenn nun jemand auf einer Reise am Ziel angelangt war, mussten die Füße gewaschen werden. Und dieser Dienst wurde bei vornehmen Leuten von Sklaven geleistet.

Der Sklave oder die Sklavin wusch die Füße; dazu musste er sich vor dem Gast oder dem Herrn hinknien. Und diesen Dienst übernimmt nach dem Bericht des Evangelisten Jesus selbst. Er kniet vor den Aposteln, auch vor Judas, von dem er alles weiß. Johannes will mit diesem Bericht uns bewusst machen, dass Jesus ganz für uns da ist. Er ist das menschgewordene Zeichen der Liebe Gottes; er dient den Menschen. Wenn ein aus dem protestantischen Liedgut stammendes Weihnachtslied sagt „nimmt an sich eines Knechts Gestalt der Schöpfer aller Ding“, so ist dieser Text, der auf ein Zitat des Hl. Paulus (Phil 2) zurückzuführen ist, Aussage genug. (Gotteslob Nr.: 134)

Johannes deutet übrigens mit den so genannten „Brotreden“ im 6. Kapitel seines Evangeliums auch das an, was die anderen drei Evangelisten im Abendmahlsbericht erzählen.

Der Bericht von der Fußwaschung zeigt, dass die Kirche immer dann am stärksten sein wird, wenn sie bereit ist, den Menschen zu dienen. Eine Kirche, die nur die wichtigen liturgischen Feiern kennen würde, verkürzte ihre Botschaft.

Wenn es heute Sekten gibt, die in Erwartung des Weltendes keine besondere Caritas üben, so fehlt hier etwas m. E. unverzichtbares.

Und wenn - was im Laufe der Geschichte sicher oft so gewesen ist - die Kirche eine „herrschende“ Rolle für sich in Anspruch nahm, so war das eine Fehlentwicklung.

Dar unvergessene Prälat Arthur Kather sagt: „Wenn der Priester der ‚Herr‘ bleiben will, den das gläubige Volk in ihm achtet, dann muss er auch außerhalb des Gotteshauses der Diener seiner Leute sein. Die ‚Herrlichkeit‘ des katholischen Priesters kommt nicht bloß her von der Einsetzung des Altarssakramentes, sondern von der Fußwaschung, die vorherging.“

Wenn heute manche Tätigkeiten keine Liebhaber mehr finden, wenn auch mache Tätigkeiten der Nächstenliebe nur noch geregelt und oft mit Stoppuhr geleistet werden, so ist das ein Zeichen der Fehlentwicklung. Wir sollten wachsam sein und darauf achten, dass unser Christsein nicht zur reinen schematischen Paragraphenreiterei wird. Und wieder sollten wir bei aller Zeitkritik bei uns selbst anfangen.

Etwas ganz unmodernes: Wäre es nicht möglich, dass wir uns bei unserer Osterbeichte einmal selbst fragen, ob unsere Nächstenliebe aus unserem Glauben an den Herrn, der nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen, gewachsen ist? Das ist nämlich mehr als reine Mitmenschlichkeit, viel mehr! Und wir haben alle gewiss schon Zeichen großer gelebter Caritas erfahren dürfen. Caritas wächst aus der Botschaft des Gründonnerstags, auch heute.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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