Ermlandbriefe (4/2003)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2003


Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn!

Maria, Mutter der Kirche

Von Pfarrer i.R. Rüdiger Hinz

Die junge Kirche hatte die Mutter Jesu in ihrer Mitte. So berichtet die heilige Schrift in der Apostelgeschichte. Und die Evangelisten Lukas und Johannes, deren Evangelien etwas später entstanden sind, sprechen von Maria an bedeutenden Stellen. In dem Bericht von der Verkündigung steht Maria als Bild des erlösungsbedürftigen Menschen. So wird sie im Laufe der Geschichte als das „Urbild der Kirche" gesehen: Sie glaubt der Botschaft Gottes; sie trägt den Herrn zu den Menschen; und die gläubigen Menschen der Urkirche nennen sie in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten „Gottesmutter".

In gläubigem Hören auf die Botschaft, die ihr zuteil geworden, und in der treuen Nachfolge ihres Sohnes hat Maria ein Leben des Glaubens geführt. In diesem Hören und Nachfolgen zeigt sie, worauf es im Leben eines Christen ankommt; darin ist sie ein Bild der Kirche, die nur aus dem Geheimnis der Glaubensentscheidung heraus zu verstehen ist.

Zwar müssen wir zugestehen, dass im Lauf der Jahrhunderte es auch verzeichnete Bilder Mariens gegeben hat Darauf soll nicht näher eingegangen werden. Das Bild Mariens kann nur verstanden und gedeutet werden aus dem Glauben an Jesus Christus. Fromme und scheinbar fromme Überlegungen, das Bild Mariens losgelöst von Christus zu sehen, können uns nichts nützen.

Es ist Lehre der Kirche, dass Gottes Gnade die Natur voraussetzt, d.h. dass Gott uns seine Gnade nur da schenkt wo wir bewusst um unser Menschsein wissen. So ist es auch mit der Marienverehrung. So wie Jesus von einer Frau geboren in unsere Welt eingetreten ist so lehrt uns Maria, unseren Glauben mit Leib und Seele zu bekennen und zu leben. Der Mensch braucht etwas, was ihn auch sichtbar im Glauben hält. Die körperliche Hand will nicht ins Leere greifen. Wenn sie den Rosenkranz fasst weiß der Mensch, dass Gott bereits ist zum Hören und Helfen. Der Rosenkranz ist für den gläubigen Christen die Schnur, die über seinem Krankenbett hängt Der Mensch richtet sich daran auf.

Anders gesagt: Ist der Rosenkranz das Seil, an welchem der Christ sich festhält, wenn oft rechts und links vom Wege Abgründe klaffen. So soll der Rosenkranz ein Band sein, das Gott und Mensch fester umschließt. Glücklich der Mensch, der davon noch etwas spürt, wenn er den Rosenkranz betet.

Das in unserer Zeit, die sich nicht nur in Europa so sehr verändert hat, der Mensch den Segen des Rosenkranz-Gebetes oft nicht mehr erkennt, ist schade.

Und der Schreiber dieser Zeilen findet es ebenso schade, dass unsere nichtkatholischen Mitchristen - sicher in ehrlicher Überzeugung - hier zu viel abgeschafft haben. Der Glaubensweg des Christen kann mit Maria nämlich bewusster gegangen werden.

Es fällt auf, dass die orthodoxen Christen in sämtlichen Kirchen das Andenken Mariens - wenn auch in anderer Form - ebenso ehren wie wir katholischen Christen. Wir erinnern an die unzähligen Ikonen, die das Bild der Gottesmutter zeigen. Und eine Ikone ist nach orthodoxem Verständnis nicht nur ein Bild, sondern mehr. Es ist für uns nicht ganz leicht sich da hineinzudenken.

Ein gutes Zeichen der Marien-Frömmigkeit bei uns ist die Sitte der Wallfahrten. Im Ermland kennen wir als Wallfahrtsorte u. a. Heiligelinde, Krossen, Glottau und seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. Dietrichswalde. Es mag sein, dass die Entstehung einiger Wallfahrtsorte im Dunkeln liegt. Über Dietrichswalde, das zur Zeit des unseligen Kulturkampfes entstand, wissen wir aber z. B. genau Bescheid.

Sicher ist, dass in unserer Heimat, wie in vielen anderen Ländern, unzählige der Gottesmutter geweihte Wallfahrtsorte existieren, deren Existenz nicht „von oben" angeordnet, sondern vom gläubigen Volk gestaltet worden sind. Und wir übersehen nicht, dass durch die Glaubensspaltung zahlreiche Wallfahrtsorte verloren gegangen sind. Der Schreiber dieser Zeilen erfuhr als Schüler durch Zufall, dass z.B. in dem bei Königsberg gelegenen Dorf Juditten in der heute orthodoxen Kirche im Mittelalter ein Marienbild von Wallfahrern verehrt wurde.

Nun ist selbstverständlich niemand zur Marienverehrung verpflichtet Dessen ungeachtet ist es nach wie vor sinnvoller Brauch, das Andenken der Mutter Jesu zu ehren. (Wir halten doch auch das Andenken unserer eigenen Mutter in Ehren.) Unzählige Marienlieder - die ältesten aus dem frühen Mittelalter, die jüngsten aus den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts - sind Zeugnis einer überzeugten und sinnvollen Marien-Frömmigkeit Es sei auch erwähnt dass in unserem Gesangbuch „Gotteslob" manche Marienlieder sprachlich gut umgestaltet worden sind. Ein deutscher Bischof sagte, nachdem er die neue Fassung des Liedes Nr. 594 „Maria dich lieben ..." gelesen hatte: „Das kann jeder Christ ohne Bedenken singen." Es sei auch auf die sprachlichen Formen der Marienlieder in unserem Ermländischen Gesangbuch „Lobet den Herrn" verwiesen.

Tradition hüten heißt nicht nur, darauf zu achten, dass die Flamme nicht erlischt; Tradition hüten, das heißt auch, neue Glut nachzulegen. Das gilt auch für unsere Marien-Frömmigkeit Die Kirche weiß, warum sie das Stundengebet der Priester und Ordenschristen immer wieder mit einem Ruf an die Gottesmutter beschließt. „De Maria numquam satis" (frei übersetzt: Zur Marienverehrung kann man nie genug sagen.), sagt der mittelalterliche Theologe Bernhard von Clairvaux.

Wir wünschen, dass diese gute Tradition nicht einschläft Die adventliche Rorate-Messe, wie sie im Ermland üblich war, gibt es nur noch ganz selten. Sich auf Weihnachten vorbereiten heißt aber, die Mutter zu ehren. Sie stehe uns bei in der verwirrenden Zeit, die alles in Frage stellt. Denn die Antwort auf viele Fragen heißt „Jesus Christus". Ohne ihn ist Maria nicht zu verstehen.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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