Ermlandbriefe (1/2003)
Katechismus-Ecke - Ostern 2003


Christi Kreuz und unser Kreuz

Sein Kreuz tragen

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Diese beiden Worte gehören zusammen. Sie können nicht getrennt werden. Denn auf den Karfreitag folgt Ostern. Wäre es anders, so wäre das Kreuz unseres Menschseins nicht zu ertragen.

Es stimmt: Man kann das Kreuz auch nur als Kunstwerk sehen. Und man kann sich von der Passionsmusik, etwa der von J. S. Bach, in eine gewisse Stimmung versetzen lassen. Doch das Eigentliche der Botschaft ist das noch nicht. Das Kreuz ist mehr. "Seht das Holz des Kreuzes, an dem gehangen das Heil der Welt!" - so lautet eine deutsche Übersetzung des Gebetsrufes "Ecce lig-num crucis, in quo salus mundi pepen-dit" aus der Karfreitagsliturgie. Nur mit dem Bekenntnis, dass im Zeichen des Kreuzes uns Heil geschenkt wird, können unser Glaube und unser Christsein vor Gott Bestand haben.

Die Entscheidung zum Kreuz muss in uns wachsen aus der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht und dem Wissen um die Gnade Gottes.

Die Botschaft von Christus, der uns durch seinen Tod Leben und Heil geschenkt hat, mag für manche Menschen heute überholt klingen. Wir können aber von dieser Botschaft nicht Abstand nehmen.

Besteht denn Gott auf "Heller und Pfennig" auf der Wiedergutmachung unseres Versagens? Auf diese Frage kann man nur tastend und suchend eine Antwort finden. Gott lässt den Weg und das Werk Jesu ans Ziel gelangen. Er will das Heil des Menschen. Und Jesus sagt: "Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Die Antwort auf den Sinn des Leidens, der Schuld gibt nur das Kreuz Christi. Aller Trotz und alle Auflehnung, aller Stolz und aller Ungehorsam des Menschen sind bezwungen worden von dem ohnmächtigen und zerschlagenen Menschensohn. In dem seltsamen Zweikampf zwischen Tod und Leben blieb die Liebe Siegerin. So steht es in der Ostersequenz, einem liturgischen Lied aus dem 11. Jahrhundert. Deshalb sieht die Kirche das Kreuz nicht nur als Zeichen des Todes.

Dazu ein Beispiel: Alle vier Evangelisten berichten vom Tode und der Auferstehung Jesu. Sie tun es unterschiedlich und doch im Wesentlichen in gleicherweise. Doch sie kommentieren nicht. Die Furchtbarkeit des Leidens Jesu wird berichtet; es fehlt aber jeder Satz des Schreckens, der Empörung. Die Kirche sprach von Anfang an vom "selig machenden Leiden unseres Herrn". Etwas davon sollte auch in unserem persönlichen Glauben lebendig sein. Sonst wäre das Evangelium nicht mehr - wie die Übersetzung des Wortes heißt - eine Frohbotschaft, sondern allenfalls eine Drohbotschaft. Das kann nicht der Kern der christlichen Botschaft sein. Zwar

werden wir Menschen nach wie vor von Sünde und Tod bedroht, obwohl wir diese Tatsache allzu gern verdrängen. Aber Gott hat uns durch das Opfer seines Sohnes gezeigt, dass er den Menschen nicht im Dunkeln lassen will. Es liegt an jedem Einzelnen, ob und wie er auf diesen Anruf Gottes Antwort gibt.

Diese Antwort des Menschen besteht auch darin, wie er sein eigenes Kreuz zu tragen bereit ist. Es ist nun wirklich nicht eine Neuigkeit, darauf hinzuweisen, dass im Leben eines jeden Menschen irgendwann das Leid steht, das wir als Christen Kreuz nennen. Der Christ ist nicht gehalten, dieses Kreuz zu suchen. Das mögen Heilige getan haben; wir werden es nicht so leicht schaffen. Der Christ ist aber gehalten, zu glauben, dass auch in seinem persönlichen Kreuz Kraft und Segen geschenkt werden.

Haben wir das nicht schon alle erlebt, dass sich aus mancher schwierigen Situation Segen entwickelt hat? Und haben wir nicht oft erlebt, dass sich manchmal aus unverständlich erscheinenden Erlebnissen Gottes Macht umso mehr erweisen konnte. Gewiss: Vieles können wir nicht verstehen. Dazu gehören auch die Ereignisse der Jahre 1945/1946 und der folgenden Jahre. Aber haben wir nicht damals auch erfahren, dass - wie Prälat Kather gerne sagte - der wirklich Heimatvertriebene nur der ist, der mit der persönlichen Heimat auch die Heimat in Gott aufgegeben hat?

Wie vieles haben Menschen erleiden müssen, die für das Unrecht, das ihnen widerfuhr, wirklich nichts können. Sagen uns das nicht auch die fast täglichen Berichte und Bilder, die wir im Fernsehen erleben? Auf die Frage nach dem Warum kann es keine katechismusmäßig vorbereitete Antwort geben. Man sollte besser schweigen, als zu behaupten, man wisse um den Sinn des Leides. In den Berichten der Heiligen Schrift finden wir auch diese Fragen. Es sei nur an das Buch Hiob im Alten Testament erinnert und nicht zuletzt auch an den Ruf des gekreuzigten Herrn "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?".

Es gibt immer wieder Fragen, die Fragen sind und Fragen bleiben werden. Und doch haben auch diese Fragen ihren Sinn. Wenn es etwas gibt, das uns vor der Verzweiflung bewahren und schützen kann, dann sind es die letzten Stunden Jesu, da alle unsere Fragen und Ängste sich in seinem Leben verdichten.

So weit wie Jesus, so weit wie der Sohn Gottes für uns ist nie ein Mensch gegangen in der Liebe zu Gott und in der Liebe zu den Menschen. Gott hat auf alle unsere Fragen geantwortet. Seine Antwort lautet: OSTERN.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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