Ermlandbriefe (4/2002)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2002


Und das Wort ist Fleisch geworden

In eines Knechtes Gestalt

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Als ich noch ein Kind war, habe ich wie viele andere nicht verstanden, dass in der Rangordnung der christlichen Feste Weihnachten nicht an erster Stelle genannt wurde. Das dürfte bei vielen auch heute nicht anders sein.

Wir stellen das Weihnachtsfest über Ostern; ganz richtig ist das aber nicht.

Warum? - Die Verkündigung der alten Kirche ging einzig und allein von der Osterbotschaft aus. Dass in Jesus Christus Tod und Sünde, Schuld und Versagen überwunden wurden, war der Glaube der Christen von Anfang an. Und das bezeugt auch die heilige Schrift. Schon der Apostel Paulus schreibt: "Wenn aberChristus nicht auferstanden ist, so ist unsere Predigt ohne Sinn, ohne Sinn auch euer Glaube" (1. Kor 15,14). Die Kirche hat zunächst nicht geschichtlich, sondern heilsgeschichtlich gedacht. Und nur in der Osterbotschaft ist uns das von Gott geschenkte Heil endgültig zugesagt.

Was hat denn nun diese Glaubensüberzeugung mit Weihnachten zu tun? Ich will versuchen, darauf eine Antwort zu geben.

Es gibt immer wieder Menschen, deren geschichtliche Größe anerkannt wird; es gibt große Dichter, große Künstler, große Musiker, ja sogar manche Politiker, welche dem Frieden gedient haben, darf man groß nennen. Die Größe erkennt man erst im Laufe der Zeit. Es gibt sogar Persönlichkeiten, deren Bedeutung erst nach ihrem Tode richtig erkannt wurde.

Christus ist - ohne dass wir infrage stellen, dass wir ihn als den Sohn Gottes bekennen - in seiner geschichtlichen und auch in seiner heilsgeschichtlichen Bedeutung erst nach und nach erkannt worden. Gewiss haben seine Jünger und viele andere in ihm den HERRN gesehen. Und obwohl man wusste, woher Jesus als Mensch kam, die Frage nach seiner Geburt stellte sich noch nicht.

Zunächst hat man die Geburt Jesu im 4. Jahrhundert in Rom gefeiert. Die Christenverfolgungen hatten ihr Ende gefunden. Die Kirche war frei. Nun stellte sich heraus, dass die heidnischen Römer die Wintersonnenwende, also den 25. Dezember, als den "Tag des unbesiegbaren Sonnengottes" ganz bewusst feierten. Es schien unklug zu sein, dieses Volksfest zu streichen. Also "taufte" man dieses Sonnenfest. Christus ist das Licht der Welt. Er wird von einigen Kirchenvätern als "die neue Sonne" bezeichnet. So entstand das Fest seiner Geburt. Allmählich verbreitete sich diese Festsitte über die Stadt hinaus.

Der christlichen Überlieferung wegen sei nur kurz gesagt, dass im Orient die Geburt Jesu am 6. Januar gefeiert wurde; das Fest heißt auch heute noch offiziell "Erscheinung des Herrn". (Des Evangeliums wegen nennt man im Volksmund den Tag "Fest der heiligen drei Könige".)

Nun hat man Weihnachten damals nicht unbedingt als ein Fest der Geschenke gesehen. Diese Sitte ist erst in den letzten Jahrhunderten in Deutschland aufgekommen. Das änderte nichts daran, dass Weihnachten aus der Rückschau vom Ostertag her auch als hohes christliches Fest gefeiert wurde.

Als Besonderheit verbreitete sich von Rom her die Sitte, dass jeder Priester an diesem Tag dreimal die hl. Eucharistie feiern durfte, in der Nacht, am frühen Morgen und am Festtag selbst. Dabei wurde das Hauptgewicht auf das Hochamt am Weihnachtstag gelegt. Dazu auch etwas Besonderes: Das Evangelium besteht aus den ersten 14 Versen des Johannes-Evangeliums, dem so genannten Prolog, d. h. Vorspruch. Der Kernsatz lautet: "Und das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14). Dass Gottes Wort in Jesus unser menschliches Fleisch angenommen hat, ist der Kern der Botschaft des Weihnachtstages.

Damit ist nichts gegen die vielen guten und sinnvollen Weihnachtsbräuche gesagt, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Wer z. B. weiß schon, dass die Krippendarstellungen erst durch den hl. Franziskus im 13. Jahrhundert Sitte geworden sind? Der Weihnachtsbaum, der aus der germanischen Tradition stammt, galt ursprünglich als Volksbrauch. Heute ist er aus unseren Kirchen in allen Konfessionen

nicht mehr wegzudenken. Doch das sind alles äußere Dinge...

Es mag sein, dass dieser Artikel manchem Leser zu nüchtern ist, weil die bei uns übliche weihnachtliche Stimmung fehlt. Wir sollten aber daran denken, dass die Armut und Niedrigkeit, in welcher Jesus uns gleich geworden ist, etwas davon sagt, dass Gott uns in allem gleich geworden ist, außer der Sünde (Hebr, 4,15). "Entäußert sich all seiner Gewalt/wird niedrig und gering/und nimmt an eines Knechtes Gestalt/der Schöpfer aller Ding" (Gotteslob, Nr. 134, 3. Str.).

In der offiziellen Liturgie unserer heiligen Kirche macht man bei der Erwähnung der Menschwerdung Jesu - "Und das Wort ist Fleisch geworden" - eine Kniebeuge. Knien heißt, sich klein machen. Gott macht sich klein vor den Menschen; die Menschen aber machen sich klein vor Gott. Selig ist der, der sich noch klein machen kann, denn Jesus kam nicht, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen (Mt 20,28).

Und wer auch Weihnachten nicht nur nach dem Ausschau hält, was dieses Fest ihm bringt, was man ihm schenkt, sondern der fragt, wo er dienen kann im Leben für den Nächsten, für die Mitmenschen, der und nur der kann richtig Weihnachten feiern.

Ob wir das nicht doch einmal versuchen sollten?




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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