Ermlandbriefe (3/2002)
Katechismus-Ecke - Sommer 2002


Macht euch die Erde untertan

Erntedank

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Geschehen im westfälischen Dorf Clarholz im Kr. Gütersloh im Jahre 2000. Es war der Sonntag des Erntedankfestes. Nach einer in den Jahren nach dem letzten Weltkrieg aufgekommenen Tradition veranstalten hunderte von älteren und jüngeren Menschen einen großen und gut geplanten Festzug durch das Dorf. Mehr als zehntausend Zuschauer waren gekommen.

Am Sonntagmorgen hatte die Gemeinde in einem feierlichen Hochamt dem Schöpfer aller guten Dinge Dank gesagt und den Herrn in der Eucharistie begleitet. Es mag sein, dass nicht alle Besucher diesen tiefen Sinn der Erntedankfeier ganz verstehen; auch die Feier am Morgen gehört dazu. Für den Schreiber dieser Zeilen, der nicht auf einem Dorf aufgewachsen ist, ist diese Feier in jedem Jahr neu ein Erlebnis.

Und da geschieht es: Ein Zuschauer von außerhalb erkennt mich als katholischen Priester. Und so fragt er: "Sagen Sie mal, was hat denn der Erntedankzug mit Gott zu tun?"

Der Versuch einer Erklärung ist wahrscheinlich nicht gelungen. Es stellte sich schnell heraus, dass der Fragesteller die Einheit und innere Bindung von Glaubensleben und froher Feier nicht verstand. Nicht verstehen konnte? Das ist nämlich – ohne vernünftige Ökumene in Frage zu stellen – das besondere unserer katholischen Sicht der Dinge. Wenn wir sagen, dass wir in der Schöpfung Gott begegnen, dann ist das kein so genannter Pantheismus, der Gott in allen Dingen sucht. Dann ist diese Aussage aber das klare Bekenntnis, dass wir in der Verantwortung für die Schöpfung dem Schöpfer Dank sagen. Nehmen wir nicht alle die guten Dinge, die wir Gott verdanken, als selbstverständlich an?

In den Jahren der bitteren Not nach dem Zweiten Weltkrieg als unsere Vorfahren oder wir selbst die Heimat verlassen mussten, als die Felder des Ermlandes zum großen Teil unbestellt blieben, als Hunger und Not fast alle von uns getroffen haben, damals haben wir erkannt, was für den Christen das Eigentliche ist. Es kann gut möglich sein, dass wir in den Jahren des "Wirtschaftswunders" das schon wieder vergessen haben. Die Suche, nein, die Gier nach immer mehr "Lebensqualität" ist eine sehr große Gefahr. Gott gebe uns die Kraft, dieser Gefahr nicht zu erliegen!

Erntedank kann nur der richtig feiern, der sich nicht von Menschen sondern von Gott beschenkt weiß. Und Gott schenkt immer umsonst; wir können das Geschenk seiner Gnade nicht verdienen oder gar kaufen.

Erntedank feiern, das heißt auch, zu bezeugen: Unser Leben ist mehr als Speis und Trank, mehr als die vielen Dinge, die wir für unbedingt notwendig halten, und die doch letzten Endes ganz, ganz nebensächlich sind. "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?" (Mt 16, 26) Dieses Wort unseres Herrn ist mehr als ein frommer Spruch. Jesus weist darauf hin, dass wir alle in der Gefahr stehen, das Eigentliche unseres Glaubens und damit unseres Lebens in Frage zu stellen. Dass ein Leben ohne Gott sinnlos ist, sehen die meisten Menschen ein – über bekannte Ausnahmen soll hier nicht geredet werden.

Erntedank feiern, heißt auch, zu bezeugen: das Leben als Geschenk und Auftrag Gottes zu begreifen. "Macht euch die Erde untertan" (Gen 1, 28), heißt es im Schöpfungsbericht. Wir Menschen tragen Verantwortung dafür, dass wir diesen Auftrag ernst nehmen und verwirklichen. Von unserer heutigen so genannten "Spassgesellschaft" ist hier in der Heiligen Schrift nicht die Rede.

Erntedank feiern, heißt auch, an andere denken. Von Mitmenschlichkeit reden heute viele und manche meinen es sogar ernst. Hier aber geht es um mehr. Von Hunger auf der Welt sehen und hören wir mehr als genug im Radio und Fernsehen. Was aber tun wir, um Not zu lindern? Es ist sicher eine Gefahr, die Hände in den Schoß zu legen, weil die Not immer wieder so groß ist. Oft geht es nur um Zeichen, die wir setzen müssen. Denn Gottes- und Nächstenliebe sind unteilbar. Sie sind die Regulierung der wahren Selbstliebe, und Nächstenliebe wird nicht berechnet nach der Höhe der Summen, die für gute Zwecke ausgegeben werden, sondern nach der Güte des Herzens. Denn der Ertrag unseres Lebens hängt nicht ab von der Größe und Schuldenfreiheit unseres Besitztums, auch nicht von der Höhe unserer Sparguthaben. Wenn das alles entscheidend wäre, müsste der Kapitalismus selig gesprochen werden. – Unser Heiland hat aber von der Gefahr des Reichtums gesprochen; man könnte auch sagen von der Gefahr des praktischen Materialismus, der uns Menschen oft infiziert hat. Und es ist nicht immer leicht, diesem Materialismus zu widerstehen.

Erntedank feiern, das heißt, Gott als Schöpfer zu bekennen. Er ist der Herr; wir sind die Diener, falls man dieses nicht mehr gefragte Wort auch gebrauchen darf. Und es ist gut, wenn wir in unseren Dank für die Ernte auch das Wissen hineinnehmen, dass alles vergänglich ist. Und diese Vergänglichkeit ist es, die uns zu Gott führt.

"Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
will ich, ein Pilger, froh bereit
betreten nur die eine Brücke
zu Dir, Herr, überm Strom der Zeit."

(Eichendorff)




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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