Ermlandbriefe (2/2002)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 2002


"Gehüllt in Brots- und Weinsgestalten ..."

Das Allerheiligste

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Es war am 28. Mai 1937. Auf diesen Tag viel in jenem Jahr das Fronleichnamsfest. Wie in fast allen katholischen Gemeinden fand auch in der ermländischen Kreisstadt Heilsberg die Fronleichnamsprozession statt. Junge Christen trugen dem HERRN zu Ehren Fahnen, die Zeichen unseres Glaubens waren. Friedlich nahm die Prozession ihren Weg. Es war damals nicht mehr ganz leicht, sich bei einem derart offenen Bekenntnis zu Christus sehen zu lassen. Doch es waren viele gekommen "in unser Mitte schlug ein Zelt zur Wohnung auf der Herr der Welt." (L 184) Da geschah es. Im Vorab bereitgestellte Polizisten sprengten die Prozession. Die mitgeführten Fahnen waren angeblich verboten. Junge Christen wollten ihre Fahnen nicht hergeben. Doch es half nichts. Der sich für allmächtig haltende Staat blieb – dem Anschein nach! – Sieger. Eine Protestkundgebung, die der Gemeindepfarrer, Erzpriester Buchholz, vor dem Rathaus veranstaltete, wurde als "Landfriedensbruch" bezeichnet. Sechs junge Männer und vier Priester wanderten ins Gefängnis.

Ich weiß noch, wie unser Kölner Kaplan Wienhusen, St. Adalbert in Königsberg, eine Verlautbarung unseres Bischofs Maximilian verlas, in welcher die ungerechten Urteile über die Priester und Laien bekannt gegeben wurden. "Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, ..." (Mt 10, 32)

Es geht jetzt nicht um das "Heilsberger Ereignis". Darüber ist in ermländischen Kreisen und darüber hinaus oft geschrieben worden. Es geht um das, was diesem "Ereignis" zugrunde lag, den Glauben der Kirche an die Gegenwart des HERRN in der hl. Eucharistie. Was heißt das?

Da geht es nämlich nicht nur um das "heilige Brot". Es ist einfach zu wenig, unseren Kindern in der an sich gut gemeinten Vorbereitung auf die Erstkommunion nur davon zu sprechen. Eucharistie ist Geheimnis. Das ist etwas, was wir moderne Menschen nicht mehr verstehen. Und dieses Geheimnis handelt von der menschgewordenen Liebe Gottes im Zeichen des Brotes. Das ist Lehre der Kirche. Das ist Mitte unseres Lebens.

Die Kirche lehrt: "Christus ist in der Eucharistie wahrhaft, wirklich und wesentlich gegenwärtig; Brot und Wein sind verwandelt in Christi Leib und Blut, d. h. in ihn selber, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Was die Sinne erfassen, ist nicht verwandelt; was das Wesen ausmacht, ist verwandelt. Für diese Wesensverwandlung gibt es keinen Vergleich; Gott wirkt dieses Wunder. Darum betet die Kirche Christus in diesem Sakrament an und beugt vor ihm die Knie." (Aus "Botschaft des Glaubens, ein katholischer Katechismus. Ludgerus-Verlag Essen, 1978, Pkt. 426c)

Was Jesus der Herr am Abend vor seinem Leiden getan hat, war genauso gemeint, wie er es gesagt hat. Jeder Versuch, das Wort "Das ist mein Leib" geistig zu verstehen, ist Ungehorsam und führt zum Unglauben. Wir haben nicht das Recht, von uns aus zu bestimmen, was mit diesem Wort Jesu über das Brot beim Abendmahl gemeint sein könnte. So ist es von jeher – auch in der alten Kirche – Überzeugung der Christen gewesen.

Damit bestreiten wir nicht, dass die hl. Eucharistie zunächst als Mahl gesehen wurde. Auch heute ist die bewusste und würdige Mitfeier der hl. Messe noch wichtiger als die Fronleichnamsprozession. Doch hat auch diese ihren Sinn, wenn sie auch erst im Mittelalter, im 13. Jahrhundert, entstanden ist.

Damals war die Ehrfurcht der katholischen Christen vor der hl. Eucharistie so groß, dass man nicht wagte, den Herrenleib oft zu empfangen. Wir mögen das heute anders sehen; gewiss aber müssen wir auch für diese Haltung Verständnis haben.

Man sprach damals von der "Kommunion mit den Augen"; man schaute das Allerheiligste ehrfürchtig an, kommunizierte aber nur selten. So entstand auch die Sitte, den Herrn im Zeichen des Sakramentes in feierlicher Prozession zu tragen. Der Glaube an den Segen Gottes über die "Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit" war – so meinen viele Fachleute – der ursprüngliche Grund für die Feier der Prozession.

Wenn – vor allem in Deutschland – der Gedanke, seinen Glauben an die Gegenwart des Herrn offen zu bekennen, als Motiv hinzu kam, so ist diese Überlegung erst in den letzten zweihundert Jahren nachzuweisen. Gewiss ist der Christ gehalten, seinen Glauben zu bekennen, die Voraussetzung dazu bietet nur der Glaube an den Herrn im heiligen Sakrament.

Die vielen neuen Überlegungen nach dem Konzil haben dazu geführt, auch die Fronleichnamsprozession in Frage zu stellen. Es ist keine Erfindung des Schreibers dieser Zeilen: Eine sich katholisch nennende Zeitschrift regte vor etwa 30 Jahren an, statt der Prozession ein gemeinsames Erbsensuppenessen auf dem Kirchplatz zu veranstalten ... Dabei wurde übersehen, dass Formen der Gemeinschaft für eine Gemeinde sicher wichtig sind, dass aber zunächst einmal die Voraussetzung für das Werden und Leben einer Gemeinde ernst genommen werden muss. Das, was wir heute "Pfarrfamilienfest" nennen, ist gut; das Bekenntnis zu dem Eigentlichen unseres Glaubens aber ist noch wichtiger. Die Kirche weiß sehr wohl, warum sie den Glauben an den Herrn im Zeichen der hl. Eucharistie mit vielen guten und sinnvollen Bräuchen umgibt. Kniebeuge und Monstranz z. B. sind Zeichen, die auch heute ihren guten Sinn haben.

Eine letzte Überlegung: Wir wissen, was für eine Rolle das Brot in der Welt spielt, wie der Hunger nach Brot oft die treibende Kraft in der Menschheitsgeschichte war und noch ist. So verstehen wir, warum unser Herr als Zeichen seines Bundes mit den Menschen das schlichte Brot wählte, um zu zeigen, dass er allein den Hunger der Menschen stillen kann. So wenig ein Mensch leben kann ohne Brot, so wenig kann er leben ohne Gott.

Im Ermland begann die Fronleichnamsprozession mit dem lateinischen Anfang des Textes vom Gleichnis vom Hochzeitsmal (Homo quidam fecit coenam magnam ...) Das Mal der Gemeinschaft, die Messfeier, ging der Prozession voraus; die Prozession fand als Danksagung und Bitte ihren Platz in der Liturgie.

Im Ermland war es auch Sitte, an den vier Stationen (die meines Wissens nur in Deutschland Brauch sind) die Anfänge der vier Evangelien zu verkünden. Wenn man heute aus den Evangelien Texte, die in Bezug zur Eucharistie stehen, wählt, ist das gewiss richtig.

Der Anfang der Evangelien – am stärksten bei Johannes – ist ein Zeichen des Glaubens an die Gegenwart des Herrn in SEINEM Wort. Und dieses Wort Gottes war wie die hl. Kommunion die Kraft, die Segen spendet.

Wenn heute die Zuordnung von Wort Gottes und Sakrament betont wird, hier ist sie. So ist Fronleichnam keine Demonstration, sondern Zeichen eines Glaubens, der über das natürliche Denken des Menschen weit hinausgeht.

Und obwohl fast zu viele andere Dinge dem heutigen Menschen viel wichtiger sind, ohne den Glauben an den HERRN in der Eucharistie verliert unser Glaube etwas ganz Wesentliches. Glücklich der Christ, der es noch wagt, anzubeten und zu danken. Glücklich der Christ, der vor dem HERRN noch still sein kann und der in dieser Stille das Geschenk des Glaubens neu erfährt. "Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen." (Reinhold Schneider)




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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