Ermlandbriefe (1/2002)
Katechismus-Ecke - Ostern 2002


Ihr seid mit Christus auferweckt

Die österliche Botschaft

Von Pfarrer Rüdiger Hinz

Gründonnerstag im Jahre 2000. Ostertagung der "Gemeinschaft Junges Ermland" (GJE) in Freckenhorst. Den Gottesdienst am Gründonnerstagabend durfte ich feiern; der Priestermangel war die Ursache, dass man einen in der Nähe wohnenden aus dem Bistum Ermland stammenden Priester gebeten hatte.

Was mich – bis heute – beeindruckt: Die gute Gemeinschaft von jungen Christen, deren Wurzeln im Ermland liegen und junge Christen, die als Polen heute im Ermland leben. Am Altar als Messdiener ein Junge aus Allenstein und ein Mädchen aus Steinhagen. Auch das ist Communio – Eucharistie. Gemeinschaft im Glauben an Jesus Christus.

Beeindruckt hat mich auch die nächtliche Anbetung: Junge Menschen tragen sich wie selbstverständlich in eine ausliegende Liste ein, um eine Stunde miteinander als Gruppe oder auch allein vor dem Allerheiligsten zu wachen, zu schweigen, zu meditieren und zu beten. Und das alles in einer Zeit, in welcher man oft nur noch an die so genannte Spassgesellschaft denkt. Die Wurzeln, die bei vielen von uns sehr weit zurück liegen, bringen neue Frucht.

Der Dienst der Fußwaschung war zur Zeit Jesu ein Sklavendienst. In der damaligen Lebenssituation war er nicht nur notwendig, er war ein Zeichen der Zuwendung zum Gast. Und dieses Zeichen setzt der Herr selbst. Das Johannes-Evangelium berichtet davon, und das genau an der Stellen des Evangeliums, an welcher die anderen drei Evangelisten (man nennt sie Synoptiker) den Bericht von der Einsetzung der Eucharistie bringen. Bruderdienst und Sakrament werden auf eine Stufe gestellt. Auch das gehört zum Christsein.

Was hat das nun aber mit der Osterbotschaft zu tun? Wir glauben an die Auferstehung, sagen wir. Wir wissen um die vielfältigen Aussagen der hl. Schrift. Was aber heisst das für uns? Ich will versuchen, eine Antwort zu geben. Dabei sei darauf hingewiesen, dass eine erschöpfende Antwort wohl kaum möglich ist, weil Glaube immer ein von Gott geschenktes Geheimnis ist.

Glaube ist nämlich nie etwas Beliebiges. Glaube ist auch nicht von Stimmung und Gefühl abhängig; das wird oft nicht richtig gesehen. Glaube ist zunächst ein Geschenk Gottes. Er wird uns ebenso geschenkt wie das Leben. Der mittelalterliche Kirchenlehrer Thomas von Aquin – einer der bedeutendsten Theologen der Geschichte – sagt, der Glaube sei "Habitus infusus", d. h. der Glaube sei eine dem Getauften von Gott geschenkte – "eingegossene" – Haltung. Der alte Katechismus kannte noch den Begriff der drei "Göttlichen Tugenden", jene drei Grundhaltungen, welche der Christ in seinem religiösen Leben immer wieder in die Tat umsetzten sollte. Das sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Der hl. Paulus hat gewusst, warum er diese drei Grundhaltungen des Christen so stark betont hat. So ist der Glaube auch mehr, als nur die Botschaft der Heiligen Schrift und die Überlieferung der Kirche, die oft mit einem "Jaja" zur Kenntnis genommen wrid. Glaube fordert den ganzen Menschen; dabei müssen wir zugeben, dass wir diese Grundhaltung nie ganz verwirklichen können. Und doch kann der Glaube – besonders der Glaube an die Osterbotschaft – unsere Antwort auf den Anruf Gottes sein. Doch wir unterscheiden uns oft kaum von den anderen Menschen, die keinen Glauben haben. Wir urteilen wie andere, wir reden wie die anderen und wir streiten wie die anderen. So drehen wir uns selbst im Kreis.

Ostern feiern und an die Osterbotschaft glauben heisst aber, aus diesem Kreis ausbrechen zu wollen. Darum muss die Feier der Ostern vorbereitet sein. Sie ist Anlass, nicht mit dem lieben Nächsten, sondern mit uns selbst ins Gericht zu gehen. Wer sich diesem Gericht stellt, wird ein österlicher Mensch.

Die Älteren von uns – auch ich gehöre dazu – werden in diesen Wochen an "damals" denken. Gewiss, vieles ist uns genommen worden. Geblieben ist aber der Glaube daran, dass Ostern der Siegestag Jesu ist, und dass wir alle durch unseren Glauben in diesen Siegestag hineingekommen sind. "Ihr seid mit Christus auferweckt", schreibt Paulus. Wir denken zu wenig darüber nach, was ein solcher Satz für uns alle bedeutet.

Wenn der Philosoph Friedrich Nietsche sagt, die Erlösten sähen nicht erlöst genug aus, so sieht er – unbeschadet, dass wir ihm sonst nicht folgen können – etwas Richtiges. Die Osterbotschaft ist mehr, als nur ein Anlass zur Feier im heutigen Sinn zu haben. Der Übergang von theoretischen Wissen zum praktischen christlichen Tun ist keine ganz einfache Sache. Noch einmal: Ein solcher Übergang ist für uns katholische Christen die Liturgie der Kirche und ihre Mitfeier. Die Fußwaschung, ist nur ein Zeichen davon. Der Christ ist nämlich immer gehalten, seinen Glauben nicht nur auf der Lohnsteuerkarte anzugeben, sondern ihn zu leben.

Es war gegen Ende der sechziger Jahre. Bei einem Gang durch Münster entdeckte ich eine kleine Buchhandlung. Im Schaufenster lag ein kleines rotes Bändchen. Die Aufmachung glich von außen her der damals viel besprochenen Mao-Bibel. Nur der Titel war anders: "Worte unseres Vorsitzenden Jesus", las ich. Das kleine Buch enthielt unzählige, korrekt wiedergegebene Bibelzitate. Auf den letzten Seiten konnte man auch einige Texte aus den Kirchenvätern (das sind die Theologen der ersten Jahrhunderte nach Christus) lesen. Ich bin ehrlich: Über den Titel des Büchleins war ich zunächst entsetzt. Der Inhalt und die Anordnung der Texte haben mich überzeugt. Ich nehme an, dass das Büchlein aus einer so genannten evangelikalen Gemeinschaft stammt.

Was aber mich unendlich beeindruckte, das war der letzte Satz am Ende des Büchleins, der kein Bibeltext ist und doch in der Bibel stehen könnte. Dieser Satz lautet: "Das Brot muss gebrochen werden." Im Brechen dieses Brotes, das für uns nicht nur Brot ist, und im brüderlichen Dienst füreinander und miteinander zeigt sich das, was wir als Christen immer wieder tun sollten: Zu glauben an unseren Herrn Jesus Christus und diesen Glauben weiterzugenben.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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