Ermlandbriefe (4/2001)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2001


Die Namen Gottes

Gottes verschwenderische Liebe

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Im Laufe seiner Geschichte konnte das gläubige Volk der Juden erkennen, dass Gott nur einen einzigen Grund hatte, sich ihm zu offenbaren und es unter allen Völkern zu erwählen, damit es ihm gehöre: seine gnädige Liebe. Dank seiner Propheten hat Israel begriffen, dass Gott es aus Liebe immer wieder rettet und ihm seine Untreue und seine Sünden verzeiht.

Die Liebe Gottes zu Israel wird mit der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn verglichen. Diese Liebe ist größer als die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern. Gott liebt sein Volk mehr als ein Bräutigam seine Braut. Diese Liebe wird sogar über die schlimmsten Trostlosigkeiten siegen, sie wird so weit gehen, dass sie selbst das Liebste hergibt: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab." Und diese Liebe Gottes ist ewig. Mit den Worten des Propheten Jesaja versichert Gott: "Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen – meine Huld wird von dir nicht weichen" (Jes 54, 10). "Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir so lange die Treue bewahrt", tröstet Jeremia (31, 3). Der hl. Johannes geht noch weiter: "Gott ist die Liebe". Liebe ist das Wesen Gottes. Indem er in der Fülle der Zeit seinen einzigen Sohn und den Geist der Liebe sendet, offenbart Gott sein innerstes Geheimnis. Er ist selbst ein ewiger Liebesaustausch – Vater, Sohn und Heiliger Geist – und hat uns dazu bestimmt, daran teilzunehmen (vgl. KKK 218f).

In Jesus Christus begegnen wir diesem ewigen, unaussprechlichen Gott selbst. Seine Fülle ist nicht in menschliche Worte zu fassen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es verschiedene – bisweilen sich widersprechende – Christusbilder gibt. Jesus Christus ist die Mensch gewordene Liebe Gottes, aber er hat nicht jeden Unsinn toleriert, sondern ihn hat in geistlicher Vollmacht auch der Zorn gepackt. Aber deswegen ist er noch kein Revolutionär. Denn er hat nicht die Straßen oder die Paläste gereinigt, sondern den Tempel.

Weil Gott so unaussprechlich ist, gibt es für ihn die verschiedensten Umschreibungen. So darf man auch sagen: Einer der Namen Gottes ist "Verschwendung". Die arme Witwe am Tempelkasten in Jerusalem macht das deutlich. Diese Frau wird von niemandem beachtet. Nur Jesus beobachtet sie und belehrt dann seine Jünger. Ihnen erklärt er, alle, die bisher in den Tempel gekommen sind, haben materiell mehr gegeben als diese Frau. Gleichwohl war das, was sie gegeben haben, immer nur etwas von ihrem Überfluss. Diese Frau, die materiell am wenigsten gegeben hat, hat in Wahrheit am meisten gegeben. Denn sie hat nicht nur zwei Pfennige gegeben, sondern sie hat alles gegeben, was sei hatte. Sie hat ihren gesamten Lebensunterhalt hergegeben. Und so ist Gott. Gott hat nicht etwas von seinem göttlichen Überfluss gegeben, sondern er hat sein Ein und Alles gegeben, seinen geliebten Sohn. Darum ist eine Wesenseigenschaft dieses Gottes die Verschwendung, nicht die Berechnung und nicht der Geiz. Das Gleiche geschieht jedes Mal in der hl. Messe. Wenn der Priester uns nach der Wandlung die Hostie reicht, ist das materiell betrachtet fast ein Nichts. Und doch ist es Christus, der Gottmensch selbst, der sich uns in der hl. Kommunion schenkt. Mehr hat Gott uns nicht zu geben und deswegen kann auch die Kirche uns Nichts Größeres geben als den Leib Christi, als Jesus Christus selbst in der Feier der Eucharistie. Auch hier gilt: Gottes Wesenseigenschaft ist die Verschwendung und nicht der Geiz.

Deshalb umgibt die Kirche die Feier der hl. Messe und die Aufbewahrung der hl. Eucharistie mit größter Sorgfalt, ja bisweilen mit verschwenderischer Prachtentfaltung. Die kostbaren Materialien Gold, Silber, Samt, Seide, Brokat waren gerade gut genug, um Gewänder für den Gottesdienst zu verschönern. Meisterwerke der Kirchenmusik wurden komponiert und aufgeführt, um die Nähe Gottes zu feiern. In der Gestaltung der Altäre wetteiferten bekannte Künstler. Der Tabernakel wird mit den kostbarsten Materialien ausgestattet, die die Welt zu bieten hat. Tag und Nacht wird vor ihm ein Licht brennen, mit den schönsten Blumen schmücken ihn fromme Beter. In der körperlichen Haltung der Anbetung, auf den Knien, werden Scharen von Gläubigen die verschwenderische Liebe Gottes preisen.

Als Maria von Betanien das ganze Salbgefäß über die Füße von Jesus ausschüttet, so dass sein Duft das ganze Haus erfüllt, tritt Judas, der Kalkulator, der Kassierer, der Verräter, auf und sagt ärgerlich, man hätte dieses kostbare Öl doch besser verkaufen sollen, könnte den Armen so viel Gutes damit tun. Dieses Argument zieht bis heute noch. Für Gott, der alles gibt, was er hat, scheint unserer Krämerseele schon etwas aus unserem Überfluss zu viel zu sein. Aber Jesus ergriff im Evangelium eindeutig Partei für die Verschwenderin und gegen die Berechnenden: "Ein gutes Werk hat sie getan" (Mt 26, 10; Mk 14, 6). "Das Haus wurde erfüllt vom Duft des Salböls" (Joh 12, 3). Dürfte man darin nicht eine schöne Anspielung auf die Kirche sehen? Wie das Haus von Betanien muss auch sie vom Duft der Großzügigkeit, der Hochherzigkeit erfüllt sein und nicht vom Geiz und Berechnung.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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