Ermlandbriefe (3/2001)
Katechismus-Ecke - Sommer 2001


Ich glaube an die heilige katholische Kirche

Kirche und Sünde

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

In der Konstitution "Lumen gentium" Nr. 8 heißt es, die Kirche ist "zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig", sie geht "immerfort den Weg der Buße und der Erneuerung".

Insofern die Kirche heilig ist, bedarf sie nicht der Reinigung. Was heilig ist, das ist die Gnade und die Wahrheit Gottes. Was reinigungsbedürftig ist, das sind die Menschen als die Adressaten und Verwalter von Gnade und Wahrheit. Man muss sich hüten vor dem ununterschiedenen und irreführenden Gebrauch des Wortes "Kirche". Wer oder was ist jeweils gemeint?

In der Kirche ist das göttliche und das menschliche Element zu unterscheiden. Wie sehr auch die "irdische" Kirche und die "mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche" eine einzige komplexe Wirklichkeit sind, so möglich und notwendig ist es, beide Aspekte auseinander zu halten.

Alles in der Kirche, was von Gott stammt, ist und bleibt heilig. Wenn der Mensch die göttlichen Gaben verunstaltet, dann macht er sich schuldig, aber was immer auch in der missbrauchten Gestalt von Gott kommt, das ist bleibend heilig. Makellos sind die Sakramente, der Glaube, die Gebote, die Räte des Evangeliums, die Gaben und Charismen, insofern sie von Gott kommen. Soweit die Wahrheit und die Gnade von Gott mitgeteilt werden, ist Sünde und Schuld undenkbar. In diesem Sinne ist die Heiligkeit der Kirche unantastbar, ist ihr die objektive Heiligkeit unverlierbar zu Eigen.

Nun ist das Göttliche in der Kirche in mancher Hinsicht an das Menschliche gebunden. Das besagt: Es ist an die Einseitigkeit, Unzulänglichkeit und Brüchigkeit des Menschen geknüpft. Ja, das Göttliche ist in gewissem Sinne sogar von der Sünde des Menschen bedroht. In der Kirche ist Sünde möglich. Sie ergibt sich aus der Versuchlichkeit und der Freiheit der Kirchenglieder. Wie der Satan Christus versuchte, so versucht er die Menschen in der Kirche. Dabei hat er Erfolge. Dass Kirchenglieder sich verfehlt haben und sich auch heute verfehlen, wird niemand bestreiten können. Immer wird es in der Kirche sündige und lasterhafte Menschen geben. Die Getauften bilden nun einmal die irdische Seite der Kirche und stellen sie dar. Darum wird in ihnen die Heiligkeit oder Sündhaftigkeit der Kirche, als Gemeinschaft von Menschen verstanden, sichtbar. Weil die Getauften als Glieder der Kirche sündigen, schänden sie mit ihrer Sünde die Kirche und sie verdunkeln die Heiligkeit der Kirche.

In den Amtsträgern stellt sich die Kirche sichtbarer dar als in den übrigen Gliedern. Deswegen ist die Sünde der Amtsträger am befremdlichsten; sie richtet auch regelmäßig größeren Schaden an als die Sünden der einfachen Kirchenglieder. Die Kirche besitzt keine göttliche Bürgschaft, dass die Handlungen der Hirten vor Irrtum, Enge des Blicks und sittlichen Mängeln geschützt sind. Noch weniger gibt es eine Garantie dafür, dass das Leben der Amtsträger stets den Geboten der Nachfolge Christi entspricht. Nicht alle Bischöfe und Priester waren und sind erleuchtete, sich selbst verzehrende gute Hirten. In der Regel werden in der Kirche Menschen des Durchschnitts und der Mittelmäßigkeit die heiligen, ihnen anvertrauten Güter durch die Zeiten tragen. Auch die Inhaber des Primats waren und sind Kinder ihrer Zeit und damit zeitbedingten Vorstellungen und Begrenzungen unterworfen. Die Verfehlungen der Amtsträger bleiben zwar immer die Sünden der einzelnen Personen, entstellen aber das Erscheinungsbild der Kirche. Sie werden der Kirche zugerechnet, weil sie diese in gewisser Weise repräsentieren.

Man kann allgemein sagen: Das sittliche Versagen eines jeden Christen erscheint als Sünde der Kirche, als Verband von Menschen verstanden, weil er ja alles, was er tut, als Glied der Kirche tut. So überträgt sich gleichsam die Sünde ihrer Glieder auf die Kirche. Wenn diese sündigen, erscheint die Kirche als sündig.

Die Kirche war in diesem Sinne niemals ohne Makel und das Bedürfnis nach innerer Erneuerung besteht in der Kirche allezeit. Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen verstanden, bleibt immer hinter ihrem Auftrag zurück. Deswegen sind die Christen fortwährend aufgefordert, ihre Schuld zu bekennen, aber eben ihre Schuld, nicht die Schuld der Kirche. Die Kirche als solche kann nicht sündigen, weil die Gemeinschaft kein personhaftes Gepräge hat und darum als solche einer sündigen Entscheidung nicht fähig ist. Es gibt keinen fehlerhaften Kollektivakt der Gesamtheit aller Gläubigen. Niemals ist die ganze Kirche, sind alle Glieder derselben sündig. In der Kirche gibt es allezeit Heilige. In der Kirche sind Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen möglich. Wir stehen ja seit Jahrzehnten mitten in solchen drin. Aber deswegen hört die Kirche nicht auf, die heilige Kirche zu sein. Was sie befleckt und entstellt, das sind Machenschaften und Unzulänglichkeiten unerleuchteter Menschen.

Vor der Vergebungsbitte des Hl. Vaters am 12. März 2000 ist ein theologisches Gutachten erstellt worden: "Erinnern und versöhnen. Die Kirche und die Verfehlungen in der Vergangenheit". Die Kommission erklärt, dass die Kirche nicht Subjekt und Täterin von Sünde sein könne; sie könne sich lediglich die Verantwortung für die Sünde ihrer Glieder aufladen. Das eben wollte Papst Johannes Paul II. in seinem Schuldbekenntnis tun.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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