Ermlandbriefe (2/2001)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 2001


Die Treue der Getauften ...

Kirche im Ghetto?

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Der Weltkatechismus (KKK) betont die Bedeutung unseres missionarischen Zeugnisses: "Die Treue der Getauften ist eine entscheidende Voraussetzung zur Verkündigung des Evangeliums und für die Sendung der Kirche in der Welt. Damit diese Heilsbotschaft vor den Menschen ihre Wahrheits- und Ausstrahlungskraft zeigen kann, muss sie durch das Lebenszeugnis der Christen beglaubigt werden. Das Zeugnis des christlichen Lebens selbst und die guten in übernatürlichem Geist vollbrachten Werke haben die Kraft, Menschen zum Glauben und zu Gott zu führen. Als Glieder des Leibes, dessen Haupt Christus ist, tragen die Christen durch die Beständigkeit ihrer Überzeugungen und ihres sittlichen Verhaltens zum Aufbau der Kirche bei. Die Kirche wächst, erstarkt und entwickelt sich durch die Heiligkeit ihrer Gläubigen ..." (KKK 2044 f)

Wenn man nun verschiedenen Umfrageergebnissen Glauben schenken wollte, müsste man damit rechnen, dass die katholische Kirche in Deutschland Mitte des 21. Jahrhunderts dem Umfang nach einer kleinen Sekte gleichen dürfte. Einer Sekte freilich, die auf eine große Geschichte zurückblicken könnte. Jedes Jahr wollen neue Umfragen die These des protestantischen Kulturphilosophen Günter Rohrmoser belegen, nach der wir es heute mit einer Entchristlichung des deutschen Volkes zu tun haben. Für Demoskopen, die diesbezügliche Erhebungen tätigen, ist das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche gänzlich unerheblich. Uns gläubigen Menschen, die mit dem Heiligen Geist rechnen dürfen, kann das Fortschreiten der Entchristlichung unseres Landes nicht kalt lassen. Denn unsere Kirche ist beauftragt, allen Menschen das Evangelium zu verkündigen.

Hat aber unsere Kirche eine erfolgreiche, ausgefeilte Strategie, wie sie in einer pluralen, für alle Weltanschauungen offenen Gesellschaft die Botschaft Christi verkünden könnte?

Dass unsere Gesellschaft es heute kaum mehr verdient, christlich genannt zu werden, muss uns schmerzhaft bewusst werden, aber wie damit souverän umgehen?

Immer wieder heißt es in der öffentlichen Meinung, eine Kirche, die sich nicht mit bestimmten Gegebenheiten der modernen Welt abfindet (z. B. neue Auffassungen im Bereich von Ehe und Familie, Würde und Wert des menschlichen Lebens), begebe sich unwillkürlich auf den Rückzug. Sie sei auf dem Weg ins Ghetto. Die Angst vor der drohenden Bedeutungslosigkeit verführt deshalb nicht Wenige, die kirchliche Lehre, wo sie sich heutigem Empfinden nach als zu sperrig erweist, zu verkürzen, die klaren fordernden Aussagen abzuschwächen. Es scheint oft gut gemeint zu sein, es sei ein notwendiges Übel, dass man um der Menschen willen derartige "Modernisierungen" auf sich nehmen müsse, wolle man sie überhaupt noch erreichen. Doch ist die Sorge, der solche Überlegungen erwachsen, tatsächlich berechtigt?

Um diese Frage mit Sicherheit zu beantworten, müsste man in die Zukunft schauen können. Das ist uns leider nicht gegeben. Manchmal hilft jedoch ein Blick in die Vergangenheit, um eine Antwort auf die Sorgen der heutigen Zeit zu versuchen. Die Urchristen befanden sich in einer weitaus schwierigeren Situation als wir Christen heute. Wer sich damals zu Christus bekannte, wurde verfolgt, statt bloß gelegentlich verhöhnt. Statt ins Ghetto zog es jedoch die Urchristen auf den Marktplatz. Und das trotz der damaligen prekären Situation: Sie waren tatsächlich nichts anderes als eine Sekte. Sie lebten in einer Gesellschaft, deren Hedonismus es mit dem heutigen aufnehmen konnte. In aller Öffentlichkeit verkündeten sie jedoch der damaligen Zeit das unverkürzte Evangelium. Das Ergebnis ist bekannt.

Wenn es nun heute bisweilen heißt, die Kirche sollte nicht so deutlich, nicht so klar fordernd auftreten, dürfte man doch auch fragen, warum sollte sich die Geschichte nicht wiederholen? Und welche verheißungsvolle Perspektive verspricht ein solch "klug" angepasstes Christentum, dass es sich lohnte, sich zu ihm zu bekennen oder ihm auch nur die Treue zu halten? Wer soll sich von etwas angezogen fühlen, von dem man selbst nicht so überzeugt zu sein scheint, dass man es allen Widerständen zum Trotz unverkürzt hinausposaunt?

Auf dem pluralen Markt der Heilsangebote ist unsere Kirche heute - anders als im Mittelalter - längst nur ein Anbieter unter vielen. Um gegen die Masse der Scharlatane bestehen zu können, müssen wir um der Menschen willen in und mit der Kirche unser christliches Profil schärfen. "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens", bekannte Petrus, auf den Christus seine Kirche erbaute, in einer Situation, in der vielen die unverkürzte Botschaft unerträglich schien. (vgl. Joh 6, 68) Mit seinem derzeitigen Nachfolger Johannes Paul II. hat unsere Kirche einen großen Kommunikator, einen modernen Vermittler ihrer göttlichen Botschaft. Unter dem Pontifikat Johannes Paul II. ist der Anteil der Katholiken an der Weltbevölkerung, der inzwischen die Milliardengrenze überschritten hat, um mehr als 180 Millionen Getaufte gestiegen. Vor allem in Asien und Afrika trägt das ebenso unermüdliche wie unerschrockene Apostolat des Stellvertreters Christi auf Erden und seiner Getreuen reiche Frucht. Natürlich ist es nicht der Papst, der die Menschen bekehrt, sondern Christus. Niemand weiß dies besser als der Hl. Vater selbst. Aber durch seine Art öffnet der Papst die Herzen der Menschen und bahnt dem göttlichen Wirken den Weg. Gerade weil der Papst sich den Menschen völlig zuwendet, zugleich aber nichts von dem wegnimmt, was der Glaube an Herausforderung bereithält, betrachten ihn immer mehr Menschen - auch Jugendliche - als authentischen Zeugen. In seiner Einladung zum letzten Weltjugendtag schrieb der Heilige Vater: "Jugendliche aller Kontinente, habt keine Angst, die Heiligen des neuen Jahrhunderts zu sein. Seid kontemplativ und liebt das Gebet, lebt konsequent euren Glauben und seid großherzig im Dienst an den Brüdern, seid aktive Glieder der Kirche und Mitgestalter des Friedens. Um dieses anspruchsvolle Lebensprojekt in die Tat umzusetzen, hört beständig auf sein Wort und sc höpft Kraft aus den Sakramenten, vor allem aus der Eucharistie und der Buße. Der Herr möchte, dass ihr furchtlose Apostel seines Evangeliums und Erbauer einer neuen Menschheit seid".

Also kein angepasstes "modernes" Christentum zu verbilligten Preisen. Im eingangs zitierten Text des Katechismus hieß es: "Die Kirche wächst, erstarkt und entwickelt sich durch die Heiligkeit ihrer Gläubigen".




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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