Ermlandbriefe (1/2001)
Katechismus-Ecke - Ostern 2001


Woran soll man sich halten?

Knien oder stehen?

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Im letzten Beitrag über die vielfältige Gegenwart Christi in der Kirche sagten wir, dass Christus uns auch und vor allem nahe kommt im hl. Messopfer, ja, dass er uns hier in einer ganz besonderen Weise gegenwärtig ist. Diesem Geheimnis gilt eine besondere Aufmerksamkeit und Andacht.

"Gott ist nah in diesem Zeichen. Knieet hin und betet an". So singen wir in der hl. Messe und während der Fronleichnamsprozession. Das Knien ist Ausdruck und Kennzeichen katholischer Frömmigkeit. Wer glaubt, dass Christus unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft, wirklich und wesenhaft genwärtig ist, kann diesem Glauben kaum anders Ausdruck verleihen als durch das demütige und anbetende Sich-Klein-Machen vor Gott durch das Knien.

An allererster Stelle hat das Knien dort seine Bedeutung, wo das eucharistische Opfer sakramental gegenwärtig gesetzt wird: bei der Wandlung in der hl. Messe. Und keine liturgische Körperhaltung ist für den Katholiken typischer und selbstverständlicher als das Knien zum Zeichen der Anbetung der eucharistischen Gestalten von Brot und Wein.

Doch hier und da bröckelt diese katholische Selbstverständlichkeit. Oft sind die alten Kniebänke entfernt worden. Mit Berufung auf frühchristliche Bestimmungen möchte man das Knien bei der Wandlung abgeschaft sehen. Im Zweiten Hochgebet heißt es ja, dass wir vor Gott "stehen". Schließlich argumentiert man, das Zweite Vaticanum habe die ursprüngliche Form der Messfeier wieder hervorheben wollen. Also: stehen und nicht knien.

Woran soll man sich halten? In der "Allgemeinen Einleitung" im Römischen Messbuch heißt es: "Soweit keine andere Regelung getroffen wird, soll man in allen Messfeiern stehen ... vom Gabengebet bis zum Ende der Messe, mit folgenden Ausnahmen: ... Wenn die Platzverhältnisse oder eine große Teilnahmerzahl oder andere vernünftige Gründe nicht daran hindern, soll man zum Einsetzungsbericht knien" Nr. 21. Das Knien ist also ein "Soll". An einer anderen Stelle sagt die Einführung: "Die Sitze beziehungsweise die Kniebänke sollen so beschaffen sein, dass die Gläubigen die der Liturgie entsprechenden Körperhaltungen ohne Schwierigkeiten einnehmen können" Nr. 273. Möglichkeiten zum Knien sollten also gegeben sein. Der Liturgiewissenschaftler Andreas Jungmann (+1975) sieht das Knien in der katholischen Volksfrömmigkeit tief verwurzelt: "Im Volk ist vielfach die Anschauung maßgebend geworden, dass man nicht nur bei der Wandlung, sondern womöglich schon vom Sanctus an knien und bis zur Kommunion auf den Knien bleiben soll" (Miss. Sol.).

Wenn man heute alte liturgische Traditionen wieder in Erinnerung rufen möchte, so wird dabei eine Sicht der Liturgie deutlich, die hl. Messe lediglich als eine Mahlfeier der Gemeinde Jesu zu sehen. Das gemeinsame Essen und Trinken mache sinnenhaft die Gemeinschaft mit Christus erfahrbar; dabei zu knien, widerspräche dann dem Charakter der Veranstaltung. Eine gründliche Lektüre des Zweiten Vatikanischen Konzils lässt diese neue Interpretation wohl kaum zu. Denn in der Liturgiekonstitution (SC 33) heißt es, dass die "hl. Liturgie vor allem Anbetung der göttlichen Majestät ist". An mehreren Stellen bezeichnet es die Liturgie als öffentlichen, heiligen und göttlichen "Kult" (SC 7, 56, 128; LG 20). Kult aber ist Anbetung, und Anbetung drückt sich leibhaft am deutlichsten durch das Knien aus.

Romano Guardini bringt die Überzeugung von der Notwendigkeit des Kniens in seinem Buch "Von heiligen Zeichen" schön zum Ausdruck: "Was tut einer, wenn er hochmütig wird? Dann reckt er sich, hebt Kopf und Schultrn und seine ganze Gestalt. ... Ist aber jemand demütigen Sinnes, fühlt er sich klein, dann senkt er seine Gestalt. Er erniedrigt sich. Umso tiefer, je größer der ist, der vor ihm steht. ... Da kommt einem ganz von selbst, dass man vor ihm nicht stolz dastehen kann ... der Mensch kniet. Und ist es seinem Herzen noch nicht genug, so mag er sich noch beugen dazu. ... Die Seele des Kniens aber ist, dass auch drinnen das Herz sich in Ehrfurcht vor Gott neige; in jener Ehrfurcht, die nur Gott erwiesen werden kann: dass es anbete" (S. 14 - 15).

Auch wenn heute so manchem das Knien bei der hl. Messe nicht zeitgemäß scheint, so sollten wir doch daran festhalten, denn diese liturgische Körperhaltung ist zutiefst biblisch. Schon bei König Salomo ist sie zu finden. Im Neuen Testament ist sie ebenfalls bezeugt. Als Jesus vor der blutigen Darbringung des Kreuzesopfers am Ölberg betete, da kniete er; er "warf sich zu Boden und betete". Ist es daher nicht höchst angemessen, dass die Gläubigen bei der unblutigen Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers ebenfalls knien und auch der Priester eine Kniebeuge macht? Äuch die Apostel Petrus und Paulus knieten beim Gebet (vgl. Apg. 9, 40). Und am Ende, so ist uns verheißen, werden einmal "alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu" (Phil. 2, 10).

Evangelische Christen lehnen das Dogma von der Wesensverwandlung ab und beten die Eucharistie nicht an, weshalb sie auch bei ihrem Abendmahlsgottesdienst keine knieende Körperhaltung kennen. Bereits die Reformatoren haben den Brauch des Kniens weithin abgeschafft. Es ist aber leiblicher Ausdruck katholischen Glaubens, angesichts des Opfers und des Sakramentes der hl. Eucharistie zu knien. Im Katechismus der kath. Kirche lesen wir: "Wir bringen in der Messliturgie unseren Glauben, dass Christus unter den Gestalten von Brot und Wein wirklich zugegen ist, unter anderem dadurch zum Ausdruck, dass wir zum Zeichen der Anbetung des Herrn die Knie beugen und uns tief verneigen" (KKK 1378). Es wäre schön, wenn wir das Knien in der hl. Messe beibehalten könnten. Das Bewusstsein der Heiligkeit vor der hl. Eucharistie wollen wir behalten. Darum: Knieet hin und betet an!




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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