Ermlandbriefe (4/2000)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 2000


Die vielfältige Gegenwart Christi in seiner Kirche

Der Herr sei mit euch!

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Der Auferstandene spricht zu seinen Jüngern: "Seid gewiss: Ich bin bei euch bis zum Ende der Welt" (Mt 28, 20). Dieses "Bei-Euch-Sein" Christi geschieht in vielfältiger Gestalt. Sie wird am deutlichsten sichtbar in der zur hl. Messe versammelten Gemeinde. Der Priester spricht die präzisen Worte: "Der Herr sei mit euch". Die Gemeinde antwortet: "Und mit deinem Geiste". Diese Worte spricht der Priester zu bestimmten Zeitpunkten in der Feier der Eucharistie, genauerhin viermal: erstens zu Beginn des Gottesdienstes, zweitens vor der Verkündigung des Evangeliums, drittens vor dem eucharistischen Hochgebet, viertens vor dem Segen. Über diesen viermal wiederholten Zuruf "Der Herr sei mit euch" wollen wir nachdenken, um uns der vielfältigen Gegenwart des Auferstandenen bei seiner Kirche zu vergewissern.

"Der Herr sei mit euch!" – Mit diesem verheißungsvollen Zuruf der Gegenwart Jesu Christi beginnt die hl. Messe. Damit kommt zum Ausdruck, dass Christen, die sich zum Gottesdienst versammmeln, keine unbeschriebenen Blätter sind, dass sie vielmehr zusammenkommen als Menschen, die die Taufe als das entscheidene Erkennungszeichen Jesu Christi an sich tragen, nämlich als getaufte und als an Jesus Christus glaubende Menschen. In dieser Gemeinschaft der Glaubenden und Getauften will der Herr selbst in der Kraft seines Geistes gegenwärtig sein, wie er es verheißen hat: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammmelt sind, da bin ich unter ihnen." (Mt 18, 20)

In der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde will Christus selbst gegenwärtig sein. Deshalb antwortet die Gemeinde auf den Zuruf des Priesters: "Der Herr sei mit euch" mit "Und mit deinem Geiste". Sie bringt damit ihren Glauben zum Ausdruck, dass Christus auch im Priester gegenwärtig ist, der dazu berufen und in die Pflicht genommen ist, Christus zu vergegenwärtigen und in seinem Namen und Auftrag zu handeln.

"Der Herr sei mit euch!" Diese verheißungsvollen Worte richtet der Priester an die Gemeinde, bevor er das Evangelium verkündet. Er sagt damit an, dass jetzt die befreiende Botschaft Jesu Christi proklamiert wird, dass Christus selbst in seinem Wort gegenwärtig ist und dass dieses Wort in der Kraft des Hl. Geistes wirksam werden will. Dieses Geheimnis der Gegenwart Christi in seinem Wort bedarf gerade heute einer besonderen Vertiefung, weil wir unter einem theologisch defizitären Verständnis von Wort Gottes im gegenwärtigen Leben der Kirche leiden. Die Verheißung der Gegenwart Christi in seinem Wort muss unsere ganze Aufmerksamkeit anspannen und unsere Sehnsucht nach der guten Nachricht im Wort des lebendigen Gottes nähren. Zwar mag uns manchmal das Evangelium so altvertraut vorkommen, dass wir den Eindruck gewinnen, es biete für uns keinen Neuheitseffekt mehr. Gerade deshalb hat es viel zu bedeuten, dass wir uns zum Verlesen des Evangeliums zu erheben pflegen. Damit bringen wir sinnenfällig unsere Bereitschft zum Ausdruck, aufmerksam zu werden und den im Wort gegenwärtigen Christus zu empfangen und ihn für seine Nähe zu preisen. "Lob sei dir Christus!" Denn im Evangelium begegnen uns nicht nur Worte, die bekanntlich Schall und Rauch sein können. Es begegnen uns vielmehr Worte des ewigen Lebens, die empfangsbereite Hörerinnen und Hörer verdienen.

"Der Herr sei mit euch!" – Mit diesen Worten eröffnet der Priester das eucharistische Hochgebet. Damit wird uns angezeigt, dass Christus uns auch und vor allem nahe kommt im hl. Messopfer, ja, dass er uns hier in einer ganz besonderen Weise gegenwärtig wird. Christus gibt sich uns selbst zur nährenden Speise und schenkt sich uns als erfrischender Trank. Denn mit der Feier der Eucharistie geht der uralte Menschheitstraum in Erfüllung, mit Gott so nahe verbunden zu sein, dass er mit uns Tischgemeinschaft pflegt. Christus selbst wird uns zum lebendigen Brot. Er präsentiert sich uns als gastfreundlicher Wirt und bietet sich uns selbst als Wegzehrung dar. Gleichzeitig bekennen wir, dass der Herr mit seinem ganzen Erlösungswerk gegenwärtig ist: "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit".

Christus ist uns gegenwärtig in seinem Wort und in seiem Mahl. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht von zwei Tischen, die uns Christus bereitet, den Tisch des Wortes und den Tisch des Brotes. Auf beiden Tischen schenkt er uns seine Gegenwart. Doch Christi Gegenwart erschöpft sich darin nicht. Sie will vielmehr weiterwirken über die gottesdienstliche Versammlung hinaus bis in den konkreten Alltag hinein. Denn im alltäglichen Leben sind wir gerufen, unseren christlichen Auftrag einzulösen, stets bereit zu sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt, und dies auf bescheidene und ehrfürchtige Weise zu tun.

Gerade dieses Geheimnis der Gegenwart Jesu Christi im Alltag des Lebens sollen wir heute bedenken und vertiefen. Das Weltgerichtsevangelium macht es deutlich, dass der Dienst am bedürftigen Nächsten, an "einem meiner geringsten Brüder", der diakonale Dienst, wirkliche Christusbegegnung ist. Denn der Arme, Unterdrückte und Verfolgte ist ein Ort der Gegenwart des erhöhten Herrn, er ist ein besonderer Zugangsort zu ihm und seine geheime Epiphanie. Ein Theologe der Neuzeit (G. Söhngen) nannte die Nächstenliebe das, "Pilgerkleid der Gottesliebe". Für die hl. Theresa von Avila besteht die Echtheit der Gottesliebe in der selbstlosen Hingabe an den Nächsten. Daher gehört die Diakonie, die praktizierte Caritas, zu den dichtesten Konkretionen und Vollzugsweisen der Kirche, denen die Gegenwart Christi verheißen ist. Dass uns auch in der unscheinbaren Nüchternheit des Alltags Christus gegenwärtig sein will, dies kommt zum Ausdruck, wenn der Priester vor dem Segen zum letzten Mal spricht: "Der Herr sei mit euch!" Er bittet damit darum, dass Christi Gegenwart in seinem Geist uns im Alltag begleitet mit seinem Segen, der uns herausfordert, jeden Tag und überall unsere Hände zum Gutes-Tun zu öffnen.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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