Ermlandbriefe (3/2000)
Katechismus-Ecke - Sommer 2000


Und vergib uns unsere Schuld

Eine Bitte mit Haken

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Wunderbar hat Gott uns erschaffen und noch wunderbarer erneuert. Seine Menschenfreundlichkeit ist im Erlösungswerk Jesu deutlich geworden. Täglich dürfen wir bitten: "Vergib uns unsere Schuld." Täglich erneuert sich sein Werk der Barmherzigkeit an unseren Seelen. Das Flehen um Vergebung hebt sich aber von den anderen Bitten im Vaterunser dadurch ab, dass eine Bedingung an sie geknüpft ist: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." – Auf diese Bedingung ist Jesus gleich zurückgekommen, als er seine Jünger das Gebet gelehrt hatte: "Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben." (Mt 6, 14 - 15)

Es dürfte nicht überzogen sein, wenn gesagt wird, das Vaterunser sei ein "gefährliches Gebet". Man läuft nämlich Gefahr, keine Vergebung zu erhalten, weil man selbst nicht von Herzen vergeben hat. Es drängt sich die Frage auf: Warum sollte unser himmlischer Vater verlangen, dass allem Anschein nach wir den ersten Schritt tun und unserem Nächsten vergeben, um Vergebung von ihm zu erlangen? Wir wären geneigt zu bitten: "Vergib uns, Herr, damit wir unserem Nächsten vergeben können." Aber im Originaltext heißt es eindeutig: "Vergib uns ... , wie wir unseren Schuldigern vergeben haben. Warum muss das so sein? Warum nicht einmal Gott uns von dieser Bedingung befreien kann?

Es ist erschreckend, dass Gottes Barmherzigkeit nicht in unser Herz eindringen kann, bevor wir nicht unseren Schuldigern vergeben haben. Wie der Leib Christi, so ist auch die Liebe unteilbar. Wir können Gott, den wir nicht sehen, nicht lieben, wenn wir den Bruder und die Schwester (auch Kinder Gottes), die wir sehen, nicht lieben. Wenn wir uns weigern, zu vergeben, verschließt sich unser Herz und seine Härte wird undurchdringbar für Gottes Barmherzigkeit.

Diese Bedingung ist wirklich ernst gemeint. Schon im Alten Testament lesen wir die Mahnung: "Wer Rache übt, erfährt selbst Rache vom Herrn, er wird für seine Sünden streng zur Rechenschaft gezogen. Vergib deinen Mitmenschen das Unrecht, dann werden auf dein Gebet hin auch deine Sünden erlassen. Einer hält gegen den anderen am Zorn fest und doch will er bei dem Herrn Heilung finden? Gegen seinesgleichen hat keiner Erbarmen und betet doch wegen seiner eigenen Sünden? ... Denk an die letzten Dinge und beende die Feindschaft." (Sir 28, 1 - 6) Jesus wird diese Lehre viele Male vortragen. In den Seligpreisungen erklärt er: "Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden" (Mt 5, 7). Und an einer anderen Stelle sagt er: "Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden." (Lk 6, 36 - 38) Denen zu vergeben, die uns und unseren Lieben schweren Schaden zugefügt haben, ist etwas so Schwieriges, dass der Herr dies als eines der sicheren Zeichen seiner Jünger angibt: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. - Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters werdet." (Mt 5, 43 - 44)

Wir beginnen das Vaterunser mit einem kühnen Vertrauen. In der Bitte, dass sein Name geheiligt werde, haben wir darum gebetet, selbst immer mehr geheiligt zu werden. Obwohl wir getauft und geheiligt worden sind, hören wir nicht auf zu sündigen, uns von Gott abzuwenden. In diesem Gebet kehren wir wie der verlorene Sohn zu ihm zurück und bekennen uns vor ihm als Sünder, wie der Zöllner es getan hat. Unsere Vaterunser-Bitte hat eben einen Haken.

Im Gleichnis vom König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte, erklärt Jesus die Bedingung der Verzeihung. Der König wollte einen hoch verschuldeten Knecht verkaufen lassen. Auf die inständige Bitte des Schuldners aber hatte er Erbarmen und wider alles Erwarten schenkte er ihm die ganze hohe Schuld. Kurz darauf packte der so Begnadigte einen Mitknecht, der ihm verhältnismäßig wenig schuldig war und ließ ihn ins Gefängnis werfen. Obwohl er kurz zuvor so viel Barmherzigkeit erfahren hatte, hatte er keine Geduld mit seinem Mitknecht. Als der König davon erfahren hatte, war er sehr erzürnt und übergab den unbarmherzigen Knecht der gerechten Strafe. "So wird auch mein himmlischer Vater", spricht Jesus, "mit euch verfahren, wenn nicht jeder von euch seinem Bruder von Herzen verzeiht." (vgl. Mt 18, 23 f.) Darum hat er der Bitte um Verzeihung der Schuld die Bedingung beigesetzt: "Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Wie der Vater, so das Kind; ist der Vater barmherzig, muss auch das Kind barmherzig sein, denn unbarmherzige Menschen können seine Kinder nicht sein. In seinen Seligpreisungen hat der Heiland deswegen für die Barmherzigkeit das hohe Lob aufgenommen: "Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen." (Mt 5, 7)

Es ist gewiss nicht leicht, wenn man von jemand Unrecht erlitten hat, das selber zu vergessen und dem Beleidiger von Herzen zu vergeben. Der Natur ist es unmöglich, aber nicht der Gnade Gottes. Darum ist in der Vaterunser-Bitte zugleich das Verlangen eingeschlossen, der Herr wolle das Menschenunmögliche möglich machen durch Verleihung der Gnade liebender Erbarmung und barmherziger Verzeihung. "Bittet und es wird euch gegeben werden." So beten wir mit den Worten des Herrn: "Vergib uns, wie auch wir vergeben". Vertrauensvoll wollen wir auch um die Gnade des Vergessen- und Vergebenkönnens bitten. Von unserer Seite muss wenigstens der gute Wille zum Verzeihen da sein. Gott, der Herr, hilft dem guten Willen immer gerne nach.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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