Ermlandbriefe (2/2000)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 2000


Denn wer den Willen meines Vaters tut ...

Die Gottesfurcht

Von Pfarrer Siegfried Liedmann (Teil 2)

In der Ostern-Ausgabe der Ermlandbriefe (1/2000) haben wir den Gedanken verfolgt, dass Gottesfurcht zu allererst Gott unbedingt und absolut anerkennen will. Heute wollen wir bedenken, dass Gottesfurcht in Ehrfurcht und Demut zum Ausdruck kommt.


Die Gottesfurcht als Ehrfurcht vor Gott

Wenn wir Gottes höchste Autorität anerkennen, werden wir es in besonderer Weise in der Ehrfurcht kundtun. Von Ehrfurcht ist aber in unserer Zeit eigentlich wenig die Rede. Heute scheint alles und jeder "eingereiht" und alle Unterschiede, auch die zwischen Gott und dem Menschen, sind praktisch eingeebnet. "Jesus, unser Bruder", so lautet heute eine geliebte Formel, die die tiefe und freundschaftliche Beziehung zwischen uns und dem Herrn zum Ausdruck bringen soll. Steckt aber hinter einer solchen Formulierung nicht die Gefahr, den Anspruch des Herrn an uns zu relativieren? Denn wo hätte ein Bruder seinem anderen etwas zu sagen, etwa eine Umkehr einzufordern? Die Ehrfurcht vor Gott duldet keine vulgäre Kumpanei, von der die Formel "Jesus, unser Bruder" nicht frei zu sein scheint. Gewiss ist Jesus unser Bruder, aber nur insofern wir in IHM Adoptivsöhne des himmlischen Vaters sind und sein Geist auch unser Lebens- und Handlungsprinzip ist. Und das muss sich im Hören auf das Wort Gottes und im Gehorsam gegenüber seinem Willen beweisen. Bei Mt 12, 50 lesen wir: "Denn wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter".

Zur Ehrfurcht als innerem Moment der Gottesfurcht gehört auch, dass wir uns im Gotteshaus und erst recht im Gottesdienst würdig und gebührlich benehmen. Nehmen wir beim Besuch einer Kirche noch Notiz vom Hausherrn? Das Gott geweihte Gotteshaus ein Museum, ein Konzertsaal, indem wir Künstlern applaudieren? Was muss sich der göttliche Hausherr nicht alles gefallen lassen?! Oder sollte man solche Gedanken beiseite schieben mit der Bemerkung: "Gott ist schon nicht so kleinlich"?

Es ist aber auch gesagt: "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir". (Mt 15, 8)

Zur Ehrfurcht gegenüber Gott gehört insbesondere das, was mit "eucharistischem Anstand" bezeichnet wird. Es wäre schade, wenn wir unachtsam am Tabernakel vorbeistolpern, wenn unser Kommunionempfang nur noch lässig und bankreihenweise ablaufen würde. Der Gottesfürchtige will Gott gefallen, IHN verherrlichen und IHM die Ehre erweisen.


Demut als Ausdruck der Gottesfurcht

Die Gottesfurcht lässt uns Menschen unsere Unvollkommenheit, unser persönliches Ungenügen, so wie unsere völlige Unzulänglichkeit gegenüber der Allmacht Gottes erkennen. In tiefer Verdemütigung verhüllte Moses sein Angesicht am brennenden Dornbusch. Wer sich verdemütigt, weiß sich gegenüber dem, vor dem er sich verdemütigt, immer als Empfangender und nicht als Gebender, oder gar als Gönner, immer als Schuldner, nie als Gläubiger, immer als der Angewiesene und Bedürftige und niemals als einer, der hat, der satt und wunschlos glücklich ist. Deshalb kann auch nur der, der sich vor Gott demütigt, auf dessen Gnade und Barmherzigkeit hoffen: "Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten", - so Maria in ihrem Magnificat. Das Vorhandensein der Gottesfurcht führte den Schächer in den Himmel.

Der Gottesfürchtige wird wachsam sein und sich immer in Gottes geheimnisvoller Gegenwart wissen. Dieses Bewusstsein bewahrt vor dem frevelhaften Irrtum des Knechtes, der das Vermögen des Herrn veruntreut: "Mein Herr kommt noch lange nicht" (Mt 24, 48f). Der Gottesfürchtige weiß, dass er vor Gott einmal Rechenschaft ablegen muss, und er bemüht sich nach Kräften, dass Gott einmal mit der Erfüllung seiner Aufgaben zufrieden ist. Unser heutiges, hier und da, als "mündiges Christentum" bezeichnet, ist doch wohl in Gefahr, von Anmaßung, Selbstgerechtigkeit und Unschuldwahn bedroht zu sein.

Der Gottesfürchtige nimmt Gott peinlich und radikal ernst und erkennt Gott unbedingt als Gott an, so wie er sich in Jesus Christus uns Menschen offenbart hat. Die Gabe der Gottesfurcht hat viele Ausdrucksformen. Dabei wird im Großen und Ganzen die Gottesfurcht schon durch den Gehorsam gegenüber dem Gebot Gottes gewahrt. Gleichwohl gibt es schwere: Verfehlungen gegen die Gottesfurcht, die sich nicht ohne weiteres einfach als Ungehorsam beschreiben lassen, sondern eigentlich noch im Vorfeld liegen, nämlich die Indifferenz und Gleichgültigkeit gegenüber Gott und die Gedankenlosigkeit, die Gott nicht ernst nimmt oder als nicht existent behandelt. Die Gleichgültigkeit gegenüber Gott ist eine ganz schlimme Beleidigung Gottes und eine schwere Sünde, die heute an der Tagesordnung ist. Von da ist der Weg zum Ungehorsam gegen Gottes Willen nicht mehr weit. In diesen Kontext gehört auch die verhängnisvolle Verharmlosung der Sünde. - Allerding ist nicht jedes Erfüllen der Gebote Gottes schon Gehorsam und geschieht aus Gottesfurcht. Was auch immer man tut, kann man aus allen möglichen Gründen tun. Gottesfurcht und Gehorsam sind dann nur einer unter vielen möglichen Gründen und Motiven. Aber die Gottesfurcht motiviert dazu, den Willen Gottes aus Ergebenheit unter seinen Willen, d. h. aus Gehorsam zu erfüllen.

Wenn ein Kind seinen Vater fürchtet, so muss das ja keineswegs bedeuten, dass es Angst vor dem Vater hat. Es ist ihm aber klar, dass der Vater unerbittlich ist, dass seine Autorität zu achten ist, dass er nichts "durchgehen" lässt. Wegen seiner Gerechtigkeit hat es nichts Schlimmes zu befürchten.

Der Gottesfürchtige sucht Gott und flieht nicht vor ihm. Man könnte also sagen: Die Gottesfurcht ist eine kindliche Furcht, die nichts mehr fürchtet, als zu sündigen und von Gott getrennt zu werden und so sein ewiges Heil zu gefährden oder gar zu verlieren. Nicht vor Gott Angst haben, weil man ihm nicht trauen könnte oder er gar böse wäre. Wir wissen uns vor Gott verantwortlich und lassen uns im Blick auf seine Heiligkeit und Gerechtigkeit in allem leiten. Wir wollen unsere "Rechnungen nicht ohne den Wirt machen".




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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