Ermlandbriefe (1/2000)
Katechismus-Ecke - Ostern 2000


Gott lässt seiner nicht spotten!

Die Gottesfurcht

Von Pfarrer Siegfried Liedmann (Teil 1)

"Wer ist der Mann, der Gott fürchtet", fragt der Psalmist (Ps 25, 12). Und an einer anderen Stelle heißt es (Ps 128, 1): "Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt und der auf seinen Wegen geht".

Diesen Vers könnte man so verstehen, dass die Gottesfurcht und das Gehen auf seinen Wegen gleichbedeutend gebraucht werden, so dass die Gottesfurcht dasselbe wie der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes wäre. Abraham war bereit, auf Gottes Befehl seinen Sohn Isaak zu opfern.. Dieser Gehorsam Abrahams wird ausdrücklich als Gottesfurcht bezeichnet. (vgl. Gen 22, 12)

Die Gottesfurcht darf als eine Gesinnung verstanden werden, die den Menschen innerlich prägt und sich im Gehorsam manifestiert. Heute von Gottesfurcht sprechen, ist nicht einfach. Der Prediger wird sich mit diesem Thema nicht unbedingt beliebt machen. Wir sprechen von Furcht vor allen möglichen Ereignissen und Situationen und auch von der Furcht vor einer anderen Person und meinen damit, dass wir einfach Angst haben, weil wir etwas befürchten, von dem wir nicht wissen, ob wir ihm auch standhalten können. Wir haben Angst vor einer Gefahr, einer Bedrohung, vor einem Nachteil, vielleicht sogar vor einem schlimmen Übel. Wir haben Angst vor einer schweren Krankheit und insbesondere vor der Macht und Unbekanntheit des Todes. Genau dieses Verständnis von Gottesfurcht im Sinn einer Angst vor Gott möchten wir eigentlich sofort zurückweisen. Was uns auch immer beängstigen mag, vor Gott jedenfalls sollten wir keine Angst haben. Heute hören wir oft und gern: Jesus liebt uns und Gott ist barmherzig. - Wir kommen alle, alle in den Himmel. - Ist das biblisch fundierte Botschaft?

Ganz im Gegenteil! Gott ist auch wesenhaft gerecht. Der Herr warnt immer wieder ganz ernst und eindringlich vor der Möglichkeit, dem ewigen Verderben der Hölle anheim zu fallen, insbesondere wenn man es selbst hat an der Barmherzigkeit fehlen lassen, wer seinem Bruder nicht verzeiht, wer seine Triebe nicht zügeln kann oder auch anderen zum Ärgernis wird, indem er sie im Glauben verunsichert. Tatsächlich ist Gott ein leidenschaftlicher Gott, der seiner nicht spotten lässt. Der Apostel Paulus wird da sehr deutlich (vgl. Gal 6, 7) ebenso der Psalmist: "Gott ist ein Gott, der täglich strafen kann" (Ps 7, 12). Die Gottesfurcht hat nach dem Zeugnis der Hl. Schrift durchaus etwas zu tun mit dem Erschrecken des Menschen vor Gott, gerade auch vor seiner gewaltigen Größe und Macht und damit auch umgekehrt vor des Menschen Erbärmlichkeit und Sündhaftigkeit. So verhüllte Moses aus Furcht sein Antlitz, wenn er sich in Gottes Anwesenheit wusste. (Vgl. Ex 3,6)

Die Gottesfurcht als unbedingtes Ernst-nehmen Gottes.

Zur Gottesfurcht gehört zu allererst einmal ganz wesentlich: Gott als Gott unbedingt und absolut anerkennen, und zwar als den Allgewaltigen und Mächtigen, als den Gebieter und Herrn. Im Gloria der hl. Messe beten wir: Du allein der Heilige, Du allein der Herr, Du allein der Höchste.

Umgekehrt beinhaltet die Gottesfurcht für uns Menschen: Mensch bleiben, auch keine Position anmaßen, die allein Gott gebührt. D. h.: Gott radikal ernst nehmen, wie er sich in Jesus Christus geoffenbart hat. Ein Zeichen des Ernstnehmens Gottes ist z.B. die Erfüllung unserer Gelübde und Versprechen wie Eheversprechen, Weihe- und Ordensgelübde.

Heute ist die Frage berechtigt, ob unsere wohlfeile Rede von Gottes Barmherzigkeit nicht Ausdruck von Gottesfurcht, sondern eher Zeichen von Anmaßung und Vermessenheit ist. Also nicht Gott, wie er ist, nein: wir hätten gern einen Gott nach unserem Geschmack. Da wäre aber Gott nicht der ganz Heilige, ganz Erhabene und schon gar nicht der Furchtgebietende, der ganz und gar Unerbittliche, als der er sich gerade auch im Kreuzesopfer seines Sohnes geoffenbart hat, der nur das wahrhaft Gute auch gut nennt, das Böse aber auch deutlich als böse beurteilt. Darum gibt es Buße und Genugtuung.

Wenn es bei Isaias heißt: "Den Herrn der Heerscharen, ihn sollt ihr heilig halten! Er soll eure Furcht und euer Schrecken sein" (Is 8, 13), oder: "Einen solchen aber sehe ich an: einen Demütigen und Zerknirschten und den, der ängstlich mein Wort befolgt" (Is 66, 2), darf man da die Gerechtigkeit Gottes nicht ernst nehmen? Paulus warnt: Gott lässt seiner nicht spotten! (vgl. Gal 6, 7)

Wenn Gott für uns die höchste Autorität ist, dann haben wir uns seinem Willen bedingungslos zu unterwerfen. Es mag heute für unsere Ohren hart klingen, aber absolute Autorität verlangt vollkommene Ergebenheit.

Maria hat es beispielhaft verdeutlicht: "Ich bin die Magd des Herrn" (Lk 1, 38). Unseren Gehorsam leisten wir nicht etwa auf Grund vernunftmäßiger Einsicht in das Gebotene, sondern allein weil Gott es will. Mir muss der Wille Gottes nicht erst einleuchten, bevor ich ihn erfülle. Alles andere würde bedeuten, Gott und seinen heiligen Willen erst der Zensur meines kritischen Verstandes unterwerfen zu wollen. Das hieße, die Erfüllung von Gottes Willen von meiner vernünftigen Einsicht abhängig machen zu wollen. Wir werden vorsichtig sein müssen: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des Herrn" (Is 55,8).

Abraham hat Gott nicht verstanden, als dieser ihn aufforderte, seine Heimat und seine Verwandtschaft zu verlassen und in ein fremdes, unbekanntes Land zu ziehen. Er hat ihn schon gar nicht mehr verstehen können, als Gott ihm befahl, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Abraham hat auf Grund seines Glaubens gehorcht. Der Wille Gottes bedarf keiner besonderen Rechtfertigung, sondern trägt seinen Rechtfertigungsgrund immer schon in sich selbst.

Wie sehr die Gottesfurcht durchaus mit der Angst vor Gott und seiner Strafe zu tun hat, zeigt das Wort des Herrn an seine Jünger: "Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann." (Mt 10, 28) Dieses Wort des Herrn macht einmal mehr deutlich, dass Gerechtigkeit und Zorn zum geoffenbarten Gottesbild gehören. Dieses Schriftwort macht auch deutlich, dass Gottesfurcht jede Form von Menschenfurcht ausschließt. Gottesfurcht lässt nur Gott allein gelten, niemals aber die Menschen, falls diese etwas Gottwidriges verlangen sollten. Der Gottesfürchtige hält Gott heilig in seinem Herzen. Die Märtyrer sind hier ein leuchtendes Beispiel: Sie standen vor der Wahl, entweder aus Gottesfurcht zu sterben oder aus Menschenfurcht zu sündigen.

(Fortsetzung folgt: Katechismus-Ecke - Pfingsten 2000)




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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