Ermlandbriefe (4/1999)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 1999


Ein Leben auf dem Sprungbrett!

Diesseits und Jenseits

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Am 1. Adventssonntag betet die Kirche: "Zeige uns den rechten Weg durch diese vergängliche Welt und lenke unseren Blick auf das Unvergängliche, damit wir in allem dein Reich suchen." - Der Mensch des Advents ist ein Mensch, der in die Zukunft schaut mit Vertrauen und Treue.

Pater Odo Casel OSB (+ 1947) sprach vom Advent als Lebensform des Christen. Denn der Christ lebt in zwei Welten. Er ist dem Leibe und seiner geschichtlichen Existenz nach in dieser Zeitlichkeit. Durch Glaube und religiöse Praxis lebt er schon im Jenseits, in Gottes Reich, das für unsere irdischen Augen noch verborgen ist. Er wartet auf das Kommende. Er lebt im Advent, "auf dem Sprungbrett". Diesseits und Jenseits - Begriffe, deren Inhalt unserer christliche Existenz prägen und eine innere Spannung vermuten lassen.

Man hat das Christentum eine Jenseits-Religion genannt. Die einen verstanden diese Bezeichnung als Lob, weil das Christentum dem verzagten Menschen den trostvollen Hinweis auf ein besseres Jenseits gebe; von den anderen aber war diese Bezeichnung als Tadel gemeint, weil das Christentum die Menschen ablenke von den Gegenwartsaufgaben. Diese widersprechende Beurteilung zeigt schon, dass hier eine gewisse Spannung ist und dass es für den gläubigen Christen nicht ganz leicht sein kann, das rechte Verhältnis zum Diesseits wie zum Jenseits einzunehmen.

Der Jenseits-Glaube bedeutet, dass unser Dasein über den Tod hinaus fortdauert, dass also unser Leben diesseits des Grabes noch nicht das Ganze ist, sondern nur ein winzig kleiner Bruchteil. Und diese kleine Weile, die vor dem Tode liegt, ist nicht nur kurz und vergänglich, sondern auch von unendlich geringerer Vollkommenheit als das Leben im Jenseits. Sie ist nur die Vorstufe des Ewigen, das Vollkommene kommt erst nach dem Tod.

Daraus schient zu folgen, dass unser Leben im Diesseits nicht allzu wichtig genommen werden darf. Es hat zwar viele Unannehmlichkeiten, ja sogar schwere Leiden in sich, aber was besagen diese vorübergehenden Reiseplagen gegenüber dem ewigen Daheimsein? Es scheint also auch nicht von Bedeutung, was wir in diesem Leben schaffen und erreichen, da doch alles vergänglich und für das jenseitige Leben gleichgültig ist. Es schient also, dass unser ganzes Diesseits entwertet wird durch den Jenseitsglauben. Unsere Kräfte, die wir für das Diesseits einzusetzen hätten, werden offenbar gelähmt. Der gläubige Mensch - lebensuntauglich, lebensunfähig?

Nun - schon der hl. Paulus musste heftig schelten, weil seine jungen Christgemeinschaften unter dem Vorwand, dass die Wiederkunft Christi und das jenseitige Leben doch jeden Augenblick kommen könne und kommen müsse, die alltäglichen Pflichten der Arbeit und des Berufes versäumten (vgl. 2. Thess 3, 6 - 12). Mit dieser inneren Spannung konnten schon viele Christen der Urzeit nicht fertig werden. Paulus musste da mahnende Worte sprechen. Nach richtig verstandenem Jenseits-Glauben besteht kein Widerspruch zwischen Diesseits und Jenseits. Es gibt eine Haltung, die dem Jenseits gerecht wird und dabei auch die berechtigten Ansprüche des Diesseits erfüllt. Wir haben also die schwere Aufgabe, das Diesseits mit dem Jenseits zu verbinden. Das Jenseits gibt dem Diesseits seinen Wert und Sinn. Ja, im Lichte des Jenseits erscheint das Diesseits als eine Verheißung.

Das Diesseits ist die Vorbereitung auf das Jenseits. Es bringt sogar die Entscheidung für die endgültige und ewige Ausgestaltung des Jenseits. Was wir dereinst sein werden, und wie wir leben werden, das wird jetzt entschieden. Dass Diesseits enthält also in sich die Verheißung des Jenseits. Daraus folgt schon, dass es nicht gleichgültig sein kann, dass es von ungeheurem Wert und von einer bangemachenden Größe ist. Unsere ewige Glückseligkeit soll auf den Feldern unseres alltäglichen Lebens wachsen und uns zufallen wie eine reife Frucht. Das Jenseits ist, wenn es selig und schön werden soll, nichts anderes, als die vollkommene Liebesgemeinschaft mit Gott. Diese Liebesgemeinschaft muss sich aber im Diesseits, in unserem Alltag anbahnen. Hier und heute müssen wir bestrebt sein, hineinzuwachsen in die Gottesgemeinschaft, unser Denken und Wollen muss sich jetzt schon bewähren als gottgefällig. Es kommt also darauf an, dass unser diesseitiges Leben eine Erfüllung und Offenbarung unserer Gottesliebe ist. Und wer Gottes Willen tut, der ist es, der ihn liebt, sagt Christus der Herr (vgl. Mt 7, 21; Joh 14, 15. 21). Da nun dieser göttliche Wille individuell ist für jeden Menschen, für jedes Volk, für jede Stunde und für jeden Tag, für jedes besondere Lebensverhältnis, so kommt es darauf an, dass wir, jeder Einzelne in seinem Arbeiten und Leiden, in allen seinen Bestrebungen und Verzichten den göttlichen Willen sucht. Darum ist es nicht gleichgültig, was wir tun oder nicht tun; es ist nicht gleichgültig, was wir werden, was unsere Kinder werden, was aus unserem Volk wird. Und wenn das nicht gleichgültig ist, dann kommt alles darauf an, diesen besonderen Wert und Sinn in dem Tag, in der Aufgabe, in jeder frohen wie schweren Stunde herauszufinden. Es ist uns einen vom katholischen Glauben geprägte Reflexion aufgetragen, ein Nachdenken, ein Forschen, ein Suchen, ein ständiges Prüfen im Gewissen. Es gilt eine Sorgfalt zu üben, in der Behandlung unseres Lebens und des Lebens unserer Mitmenschen. Darauf mahnt uns der Glaube, dass wir die Zeit nutzen, eifrig wirken, so lange es Tag ist (vgl. 2. Kor 6, 2; Gal 6, 9 - 10; Eph 5, 16).

Darum waren die Heiligen, die großen Jenseitsgläubigen, auch zugleich die eifrigsten, fleißigsten und sorgsamsten "Werktätigen" im Alltag. Gerade sie haben nicht träge die Hände in den Schoß gelegt und auf das Jenseits gewartet. Auch die Nachtstunden haben sie oft noch hinzugenommen, um aus dem Diesseits etwas für das Jenseits zu machen. Die Erwartung des Jenseits beflügelte ihr diesseitiges Tun. - Ein Leben auf dem Sprungbrett!




zurück


zum Anfang 


Weitere Themen






















































































Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
© 2016 by Visitator Ermland®