Ermlandbriefe (3/1999)
Katechismus-Ecke - Sommer 1999


Wie erkennen wir, was Gottes Wille ist?

Dein Wille geschehe

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Wie oft sprechen wir im Gebet des Herrn diese Worte: "Dein Wille geschehe". Sind wir uns auch bewusst, was wir da gläubig bekennen? Wie erkennen wir, was Gottes Wille ist, was gerade hier und heute Gott von uns will oder welche Lebensaufgabe er uns überhaupt zugedacht hat? Wissen wir, wozu wir Ja sagen?

1. Gott kann dem Menschen einen Engel schicken, der ihm mitteilt, was Gott von ihm will. So hat er zu Maria einen Engel geschickt, der ihr sagte: "Du wirst empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen Jesus nennen." (Lk 1, 3l) Ein anderer Engel erschien Josef im Traum und sprach: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, flieh nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage" (Mt 2, 13). Einen Engel aber schickt Gott nur, wenn ein Mensch auf keine andere Weise erfahren kann, was Gott von ihm will. Nie wäre Maria auf den Gedanken gekommen, es könnte der Wille Gottes sein, dass sie die Mutter des verheißenen Erlösers werden solle. Und nie wäre Josef auf den Gedanken gekommen, dass Herodes dem Kind nach dem Leben trachte, dass es klug sei, nach Ägypten zu fliehen. Darum sandte Gott diesen beiden Menschen einen Engel, der ihnen genau sagte, was Gott von ihnen getan haben wolle.

Gott kann sodann einen Menschen direkt rufen. So hat Jesus getan, als er die Männer aus Galiläa zu Aposteln machen wollte. Zu Philippus sagte er: "Folge mir nach" (Joh 1, 43). Simon und sein Bruder Andreas besserten eben ihre Netze aus als Jesus vorüberging und zu ihnen sagte: "Kommt, folgt mir nach. Ich werde euch zu Menschenfischern machen" (Mk 1, 17). Jakobus und Johannes machten gerade im Boot ihre Netze zurecht, als Jesus auch sie mit den gleichen Worten rief. Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach (vgl. Mk 1, 20). Saulus wurde auf seinem Ritt nach Damaskus vom Pferd geschleudert. Wie sollten diese Männer anders auf den Gedanken kommen können, dass Christus sie zu seinen Aposteln machen wolle, Saulus sogar zum Apostel der Heiden? Daher hatte ihnen Christus seinen Willen auf so außerordentliche Weise kund getan.

Anderen hat Gott seinen Willen mitgeteilt durch eine rein innere Erkenntnis. Antonius, der Einsiedler, (+ 356, wir feiern seinen Gedenktag am 17. Januar) war der Sohn reicher Eltern. Sie starben, als er erst 20 Jahre alt war. Er dachte wohl an nichts anderes, als das vererbte Vermögen zu verwalten oder gar zu vermehren und für seine jüngere Schwester zu sorgen. Eines Tages hörte er beim Gottesdienst das Evangelium vom reichen Jüngling verlesen. Die Worte: "Willst du vollkommen sein, dann verkaufe alles, was du hast", (Mt 19, 21) machten auf ihn einen so tiefen Eindruck, dass er, nachdem er hinreichend für seine Schwester gesorgt hatte, sein ganzes Vermögen verschenkt und ein strenges Leben in der Einsamkeit begonnen hat. Franz von Assisi (+ 1226, wir feiern sein Fest am 4. Oktober) der lebenslustige Kaufmannssohn, hörte das Evangelium von der Aussendung der Apostel: "Schafft euch nicht Gold oder Silber, oder Kupfer in euren Gürtel, weder eine Tasche auf dem Weg, noch zwei Röche, noch Schuhe oder Stab" (Mt 10, 9-10). Das war der Augenblick seiner Berufung. Von da an kannte er nur noch ein Ziel: arm, dem armen Jesus nachzufolgen. - Andere lädt der Herr auf stille, geheimnisvolle Weise ein, ohne dass sie es merken, dass der Herr sie ruft. Mancher hat den Priester oder Ordensberuf gewählt, weil ihm dieser Beruf gefallen hat. So meint er vielleicht. In Wirklichkeit hat ihn der Herr gelockt und eingeladen, und auch von ihm gilt das Wort des Herrn an seine Apostel: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." (Joh 15, 16)

2. Bei den meisten Menschen geht es viel einfacher. Da liegt überhaupt kein besonderer Ruf Gottes vor. Sie lernen einen Beruf, der ihnen gefällt, für den sie besondere Voraussetzungen mitbringen oder der durch die Umstände nahe gelegt wird. Der eine übernimmt das Geschäft des Vaters, ein anderer wählt einen Beruf, weil gerade in diesem Beruf die meiste Aussicht besteht, Arbeit zu finden. Man geht eine Ehe ein, es kommen Kinder. Dann tuen beide einfach ihre Pflicht im Beruf und den Kindern gegenüber. Und diese Pflichterfüllung ist für sie genau das, was Gott von ihnen will. Es gibt keinen Augenblick, in dem Gott nicht unter der Erscheinung irgendeiner Verpflichtung oder Aufgabe zu uns käme. Viele Menschen, die von Haus aus gar nicht besonders gläubig und schon gar nicht fromm gewesen sind, sind einfach durch die treue Erfüllung ihrer täglichen Pflicht Gott näher gekommen. Der Wille Gottes kann uns einfach durch eine konkrete Situation klar werden. Als jener Priester, jener Levit und jener Samariter an dem Mann vorübergingen, der unter die Räuber gefallen war, war es sicher der Wille Gottes, dass sie ihm helfen sollten. So Jesus in seinem Gleichnis. Nur der Samariter stieg von seinem Reittier, verband den Verwundeten und brachte ihn in die Herberge. Die anderen erkannten den Willen Gottes nicht oder waren nicht bereit, sich ihm zu fügen. Wo immer wir einem Menschen in Not begegnen, ist es der Wille Gottes, ihm zu helfen. Nicht wenige sagen dann: Warum gerade ich? Andere nehmen schwere Opfer auf sich, um einer Not abzuhelfen. Auf diese Weise sind viele unserer Ordensgemeinschaften entstanden. Es waren konkrete Nöte vorhanden: Kranke waren zu pflegen, Kinder zu unterrichten. Vincenz von Paul fand Kinder, die von Müttern ausgesetzt waren, übergab sie der frommen Witwe Luise von Marillac, die sich ihrer annahm. So entstanden die vinzentinischen Gemeinschaften. Mutter Teresa von Kalkutta konnte es nic ht länger ansehen, dass so viele Menschen auf der Straße starben. Sie nahm sich ihrer an, manche konnte sie gesund pflegen, den meisten konnte sie nur im Sterben beistehen. So entstanden die Dienerinnen der Armen. Als Antwort auf die Not der Waisenkinder sind in unseren Tagen die Kinderdörfer entstanden. So nehmen kinderlose Familien Kinder an, die zur Adoption freigegeben sind.

Andere pflegen Jahre hindurch einen kranken Vater, eine kranke Mutter oder auch ein eigenes Kind, das nie im Stande sein wird, sich selbst das Brot zu verdienen. Wo immer wir einer Not begegnen, - unsere Medien bringen uns täglich Bilder und Informationen ins Haus - dort ist es der Wille Gottes, dass wir nach Möglichkeit helfen.

Der Wille Gottes wird uns meistens nur so weit klar, dass wir wissen, was wir im Augenblick zu tun haben. Was der Wille Gottes alles in sich birgt, wird uns erst von Fall zu Fall klar. Von Maria war zunächst nur ihr "Siehe, ich bin die Magd des Herrn" verlangt. In diesem Ja zum Willen Gottes war auch die Bereitschaft zur Flucht nach Ägypten, zum verborgenen Leben in Nazareth und zum Stehen unter dem Kreuz eingeschlossen. Aber das ahnte Maria damals in dem Augenblick, da sie die Worte sprach, nicht. Sie wird es aber rechtzeitig erfahren, und dann wird sie immer wieder von neuem ihr Ja sprechen oder zu ihrem längst gesprochenen Ja stehen. Zu Saulus sagt der Herr: "Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst." (Apg 9, 6) Kein Wort davon, dass er der Apostel der Heiden werden sollte, kein Wort von den weiten Reisen, die er unternehmen, von den Verfolgungen, die er erleiden, von dem Tod, den er sterben sollte. Ebenso wenig ahnte Petrus, dass er seine Familie verlassen, nach Rom gehen und dort gekreuzigt werden sollte. Kein Mensch weiß, was in Zukunft noch alles von ihm verlangt werden wird, wenn er eine Ehe eingeht, Kindern das Leben schenkt, sich zum Priester weihen lässt oder ein Leben nach den evangelischen Räten auf sich nimmt. Immer wieder gibt es Menschen, die später klagen, wenn Schwierigkeiten auftauchen, sie hätten das nicht gewusst oder nicht so gemeint. Das Ja zum Willen Gottes ist immer, rein menschlich gesprochen, ein blindes Ja und ist gleichzeitig das hellste Ja, das sich denken lässt, denn es ist zu Gott gesprochen, vor dessen Auge die ganze Zukunft offen liegt, der Gott, der weiß, was er von uns verlangen oder uns aufbürgen kann und der uns in jedem Augenblick die Kraft geben wird, - so hoffen wir - seinen Willen zu erfüllen.

3. Bisher war die Rede davon, dass Gott ein äußeres Ziel mit uns verfolgt, uns eine konkrete Aufgabe stellt, die wir erfüllen sollen. Gott kann aber auch ein inneres Ziel vor Augen haben im Sinn des hl. Paulus: "Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung " (1. Thess 4, 3). Manches lässt Gott zu, um uns die Augen zu öffnen. Hätten jener Levit und jener Priester des Gleichnisses am Abend ihr Gewissen erforscht, hätten sie bekennen können, dass sie nicht jene Liebe besessen hatten, die notwendig gewesen wäre, um dem Verwundeten zu helfen. Der Samariter hätte sich vielleicht sagen müssen, dass er zunächst auch daran gedacht habe, einfach weiter zu reiten. Dann ist er jedoch abgestiegen, hat dem Mann geholfen und so ist in ihm die Liebe gewachsen. Das Zusammenleben mit einem schwierigen Menschen kann uns die Augen öffnen für die Fehler, die wir bisher überhaupt nicht erkannt haben, nicht erkennen konnten, weil uns einfach die Gelegenheit, sie zu begehen, gefehlt hat. Jede, auch die kleinste Tat der Liebe, lässt die Liebe in uns erstarken und wachsen. Eine Beleidigung, die wir erfahren, ein Unrecht, das uns angetan wird, kann uns dazu bringen, auch die Feindesliebe zu üben. So lange uns alle lieb und gut sind, ist es nicht schwer, von Feindesliebe zu sprechen. Alle Schwierigkeiten, die wir miteinander haben, können uns helfen, an einander und durch einander an der Liebe zu wachsen. Den Willen Gottes erkennt man am ehesten im Gebet. Betend finden wir die Kraft, den Willen Gottes anzunehmen und zu erfüllen. Menschen, die sich redlich mühen, auf alle Absichten Gottes einzugehen, die alle eigenen Wünsche und Pläne zurückstellen, um nur den Villen Gottes zu erfüllen das sind jene Menschen, derer Gott sich bei der Ausführung seiner Pläne bedienen kann, das sind jene Menschen, die sich nie über Gottes Fügungen beklagen, die nie fragen, warum er das oder jenes getan oder zug elassen habe. Es sind zugleich jene Menschen, die innerlich ruhig und zufrieden geworden sind, demütig und selbstlos, von denen eine geheime Anziehungskraft ausgeht, in deren Nähe man Gottes Nähe fühlt und die uns vielleicht auf dem Weg zu Gott mitnehmen. Was wir immer wieder zu tun haben, ist das Eine: zum Willen Gottes unser bedingungsloses Ja zu sagen, ganz gleich, ob uns neue Aufgaben und Pflichten, Enttäuschungen oder Leiden bevorstehen.

Charles de Foucauld, ermordet 1916 in der Sahara, hat über Jahre den Weg gesucht, um nach Gottes Willen zu leben. Seine Ergebenheit in den Willen des Vaters, zu der er sich schließlich durchgerungen hatte, brachte er im folgenden Gebet zum Ausdruck:

Mein Vater,
ich überlasse mich dir,
mach mit mir, was dir gefällt.
Was du auch mit mir tun magst, ich danke dir.
Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an.
Wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt
und an allen deinen Geschöpfen,
so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.
In deine Hände lege ich meine Seele;
ich gebe sie dir, mein Gott,
mit der ganzen Liebe meines Herzens ...




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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