Ermlandbriefe (2/1999)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 1999


Die Welt, die uns umgibt

Ideal und Wirklichkeit

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Wir hätten gern ideale Verhältnisse in Politik und Gesellschaft, in Familie und Kirche. Die Wirklichkeit ist aber oft so enttäuschend. Man kommt aus dem Ärgernis gar nicht heraus. Wo soll da noch Raum sein für die Ideale und Forderungen des Christentums? Eine unversöhnliche schmerzliche Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, die unser Leben zerreißt, macht uns zu schaffen.

Die Welt, die uns umgibt, und die Menschen, denen wir begegnen, sind uns oft zum Ärgernis. Wir möchten die Menschen lieben und achten, aber aus der Nähe sieht es anders aus. Wenn Schminke und Tünche abfallen, dann entdecken wir oft erschreckend viel Kleinlichkeit, Häßlichkeit und so gar Gemeinheit: das Kind ist so ungezogen und unausstehlich; und die Ehe ist nicht so selig, wie sie oft angepriesen wird; und die Klöster sind nicht von solchen Heiligen bewohnt, wie man es erwartet; und die Priester sind nicht solche seeleneifrige Hirten, von selbstloser Liebe erfüllte Gottesdiener, wie sie die Kirche haben möchte. Ach, wie erbärmlich erscheint alles Menschliche in Politik und Kirche, wenn man es aufmerksam aus der Nähe betrachtet. Wir entrüsten uns, wir nehmen Ärgernis.

Daß uns dieses Ärgernis nicht zum Schaden werde und zum eigenen Verderben, das ist nun die Forderung einer christlichen Lebenskunst; daß wir nicht irre werden an den Menschen, mit harten Urteilen uns in die Schmollecke zurückziehen und einigeln. Wir können dieser Gefahr nur entgehen, wenn wir unsere Vorstellungen und Erwartungen von Übertriebenheiten läutern. Selbstsüchtige, überzogene Erwartungen sind gefährlich. Wir müssen überdies versuchen, in unserem inneren Leben eine große, weite Güte zu üben; eine Güte, die nicht eng und borniert immer nur auf die Schwäche des Menschen starrt, sondern die auch das Große, das Erschütternde und das Tragische unserer Existenz erwägt und betrachtet. Und das Kleine, Armselige soll ebenfalls gewürdigt werden. Wieviel wir auch über das "allzu Menschliche" zu klagen hätten, so wollen wir auch festhalten, daß in der Welt heute große Ideen der Gerechtigkeit und Liebe verkündet und realisiert werden. Der Menschengeist war im Laufe der Geschichte fähig, die Idee des einen und ewigen Gottes zu fassen und immer vollkommener herauszuarbeiten. Und das sind doch Leistungen, größer und schöner als viele beklagenswerte Versagen.

Daran erinnert uns unser Papst Johannes Paul II. in seiner neusten Enzyklika "Glaube und Vernunft", wenn er in der Einleitung schreibt: "Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich IHN (Gott) selbst zu erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gelegt, damit er (der Mensch) dadurch, daß er IHN erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen könne." Sowohl im Orient als auch im Abendland sieht der Heilige Vater die Menschheit fortschreiten auf der Suche nach Wahrheit. Es ist ein Suchen nach Sinn, das den Mensehen seit jeher auf der Seele brennt. Unser Papst ist Optimist, er sieht im Menschen vielfältige Möglichkeiten, um den Fortschritt in der Wahrheitserkenntnis voranzutreiben und so sein Dasein immer menschlicher zu machen. Eine besondere Rolle hat darin die Philosophie, die "Liebe zur Wahrheit" (vgl. Nr. 1 - 3).

Wenn wir uns aber von diesen hohen und erhabenen Gedankengängen ab - und unserem grauen Alltag zuwenden, werden wir in eine Ernüchterung fallen, ja vielleicht werden wir dazu neigen, über unser eigenes begrenztes Dasein zu weinen, ja an uns selbst Ärgernis zu nehmen? Könnten wir da nicht den Jammer des Psalmisten (Ps. 73, 2f) uns zu eigen machen, wenn er sagt: "Meine Füße wären beinahe gestrauchelt, meine Schritte beinahe ausgeglitten. Denn ich wurde eifersüchtig auf die Gottlosen, da ich das Wohlergehen der Bösen sah ... Sie sind Sünder und dennoch haben sie immerfort Glück und erhalten ihren Reichtum." - Nun, könnte aber ein solcher Ärger - verinnerlicht, entsprechend verarbeitet - nicht auch zur heiligenden Stunde werden? Petrus erkannte nach dem wunderbaren Fischfang, wie vom Blitz getroffen, seine Armseligkeit, so daß er vor diesem Jesus im Boot sich selbst nicht mehr der Rede wert findet, ja, sich selbst wegwerfen möchte vor einer solchen Macht und Herrlichkeit, wie sie ihm im wunderbaren Fischfang genaht war. "Herr," sagte er, "geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch".

Ein solches Ärgernis an sich selbst nehmen zu können, das ist schon eine Gnade und ein Ansatz zu einer Wende, die beweist, daß es dem Menschen nicht an Ehrlichkeit fehlt. Trotz all dem, demütig und gütig und geduldig gegen sich selbst bleiben und auf Gott vertrauen, das wäre eine entscheidungsvolle und folgenreiche Stunde. Judas hat Ärgernis an sich genommen, und es wurde ihm zur Verdammnis. Auch der verlorene Sohn hat Ärgernis an sich genommen und es wurde in ihm zu einer wundervollen Reife in Demut, Empfänglichkeit und Bereitwilligkeit. Ein Ärgernis hat Petrus an sich genommen und es wurde in ihm zu der stillen und ernsten Größe eines guten Hirten. Ein Ärgernis hat auch Magdalena an sich genommen und es wurde in ihr zu kostbaren Tränen und zu einer großen Liebeskraft.

Nicht nur die Unvollkommenheit der Welt und unsere menschliche Armseligkeit geben viel Anlaß zum Ärgernis. Auch mit unserem Herrgott können wir unsere Schwierigkeiten haben. Es kann sein, daß wir glauben, die Erfahrung gemacht zu haben, Gott hätte unsere Wünsche und Gebete nicht so buchstäblich und nicht so pünktlich erhört und erfüllt, wie wir es erwartet haben. "Und wir hatten gehofft!" - Aber - ist Gott nur dazu da, die kleinen Wünsche der engstirnigen Erdenpilger zu erfüllen? Dieses Ärgernis beweist eine Kleinheit unseres Denkens, eine Enge des Herzens, eine selbstsüchtige Art alles, ja selbst den unbegreiflichen Gott, an unserer eigenen Begrenztheit zu messen.

Die Schwierigkeit mit Gott kann noch tiefer liegen. In Stunden inniger Andacht haben wir uns ganz anvertraut, das Gebet der Hingabe an das Herz Jesu so oft wiederholt, ja und? Jesus schweigt, er streckt keine Hand aus, unser Opfer anzunehmen, schenkt in keiner irgendwie spürbaren Weise seine Führung, sein Entgegenkommen. Da kann in unserem opferwilligen Herzen der furchtbare Gedanke aufkeimen: Gott will mich nicht, er will mein Opfer nicht, er schaut nicht her auf meine Gabe, er ist eben zu groß für mich, und ich bin zu gering und arm. Gewiß, ich bin ein armer Mensch, aber ich hätte doch von seiner Güte hoffen dürfen, daß er auch mit meiner Armut etwas anfangen kann. Bin ich so wenig, daß sein allsehendes Auge mich nicht mehr zu entdecken vermag? Was soll ich armer Mensch noch erwarten, wenn selbst Gott nichts von mir will? Der betende Mensch steht also auch in einem Widerstreit zwischen Ideal und Wirklichkeit. Hier auf Erden bleibt Gott trotz der großartigen Heilsgeschichte für uns Menschen ein Geheimnis. Wir hoffen, daß wir einmal aus dieser Dunkelheit in sein ewiges Licht werden eingehen können.

Nicht mit Ärgernis und Ungeduld wollen wir den Unvollkommenheiten unserer Zeit begegnen. Nicht nur das Negative, das Massenmedien uns Tag für Tag melden, wollen wir zur Kenntnis nehmen. Der aufmerksame Beobachter entdeckt genügend Ansatzpunkte für eine positive Schau: er sieht, daß sich viele um eine Verinnerlichung ihres Lebens bemühen (z. B. die geistlichen Gemeinschaften, die Beliebtheit der Marienwallfahrtsstätten, Weltjugendtage mit dem Papst); er sieht, daß sich schon eine gewisse Konsummüdigkeit anbahnt; er sieht, wie viele junge Menschen Solidarität, Dienst am Mitmenschen, Betreuung von Behinderten für wesentlicher halten als Sozialprestige und materiellen Erfolg. Joachim Kardinal Meisner von Köln formulierte in einer Predigt: "Wir müssen einen Feldzug für das Positive entfachen. Wir haben Grund, viel, viel mehr Positives in Kirche und Welt zu vermuten, als wir oberflächlich wahrnehmen. Jeder von uns müßte ein Wünschelrutengänger des Positiven sein, der es aufspürt und weitersagt. Wenn ich Negatives weitersage, vergrößere ich nur noch den Misthaufen, der sowieso in der Welt ist und uns manchmal den guten Atem nimmt." - Wer unvoreingenommen das Gute zu sehen vermag und ihm geduldig Zeit zur Entfaltung zugesteht, der kann auch gelassener auf eigenes Versagen, Irrtümer und Schwächen anderer reagieren. Christliche Weltsicht geht davon aus, daß Gottes Macht und Größe uns hält, daß Gott einmal alles vollenden wird, was jetzt noch Bruchstück bleibt. Von Paul Claudel stammt der Satz: Jesus kam nicht auf die Welt, um das Leid zu erklären, sondern um es tragen zu helfen. -

Aus dieser Zuversicht hoffen wir, die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit zu bestehen und mit den Dunkelheiten und Ungewißheiten unserer Tage zu leben.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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