Ermlandbriefe (1/1999)
Katechismus-Ecke - Ostern 1999


Auf dem Weg zum Heiligen Jahr 2000

Der Weg echter Umkehr

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Die Kirche schaut dem Jubiläum des Jahres 2000 entgegen. Auch für dieses Vorbereitungsjahr hat der Heilige Vater die Grundlinien und die großen Themen der geistlichen Besinnung vorgezeichnet: "In diesem dritten Jahr wird der Sinn des 'Weges zum Vater' alle dazu antreiben, in Anhänglichkeit an Christus ... einen Weg echter Umkehr zu beschreiten, der sowohl einen 'negativen' Aspekt der Befreiung vom Bösen beinhaltet, als auch ein 'positiven', den Aspekt der Wahl des Guten ... Das ist der geeignete Rahmen für die Wiederentdeckung in intensiver Feier des Bußsakramentes in seiner tiefsten Bedeutung. Die Verkündigung der Umkehr als unumgängliches Erfordernis der christl. Liebe kommt besondere Bedeutung in der heutigen Gesellschaft zu. "(Apost. Schrb. - 10. 11. 1994, Nr. 50).

In diesem Jahr sind wir also eingeladen, uns an Gott Vater zu wenden und mit Dankbarkeit die wunderbare Offenbarung Jesu zu hören: "Der Vater liebt euch" (Joh 16, 27). Es wäre eine großartige Gnade, wenn wir aus dieser Glaubenssicherheit leben könnten: Seine Liebe wird nie von uns weichen. Er hat unseren Namen in seine Hand geschrieben, so der Prophet Jesaja (vgl. Jes 49, 16).

"Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3, 16). Wir sind von Gott geliebt! Und trotz der Ablehnung, zu der wir imstande sind, werden wir bis zum Schluß geliebt werden. Es ist eine unerhörte und überwältigende Nachricht. Und zugleich ist es eine einfache Nachricht, welche die Kirche uns Menschen verkündet. Wenn Jesus uns nur dieses eine Wort gesagt hätte, würde das schon genügen. Und so folgert der Apostel: "Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und sind es" (1 Joh 3, 1).

Aber wie sollen wir diese gute Nachricht leben und weiter sagen? Jesus zeigt uns den Weg: auf den Vater hören und seine Lehre annehmen, sowie an seinem Wort festhalten (vgl. Joh 6, 44 - 45; 14, 23). Dann werden wir in der Wahrheit wachsen, das Wirken des Heiligen Geistes wird zur ganzen Wahrheit führen. Gerade unsere Zeit braucht mehr denn je Menschen, die bezeugen können, durch Wort und Tat diese fundamentale, tröstliche Sicherheit: wir sind von Gottes Vater liebe getragen. In ihren Entscheidungen und Verhaltensweisen, in der Art, wie sie andere annehmen, sich in ihren Dienst stellen und Gottes Willen und seine Gebote beachten, kann diese Sicherheit deutlich werden.

Der Vater liebt uns. Das Bewußtsein dieses Auserwähltseins von Seiten Gottes drängt uns gläubige Christen dazu, einen Weg echter Umkehr zu beschreiten. Das dürfte zur Wiederentdeckung und zur intensiven Feier des Bußsakramentes führen. Im Weltkatechismus lesen wir: "Die Sünde ist ein Mißbrauch der Freiheit, die Gott seinen vernunftbegabten Geschöpfen gibt, damit sie ihn und einander lieben können" (KKK 387). Sie ist die Weigerung, in dem in der Taufe erhaltenen Leben, in Gott zu bleiben und sich von der wahren Liebe erfassen zu lassen. Der Mensch hat in der Tat die schreckliche Fähigkeit, Gott in seinem Wunsch, ihm alles Gute zu geben, zu behindern. Die Sünde, die ihren Ursprung im freien Willen der Person hat, ist eine Zuwiderhandlung der wahren Liebe. Durch ein Verhalten, durch Worte und Taten, die von Egoismus erfüllt sind, verletzt sie die menschliche Natur und zerstört die menschliche Solidarität. In unserem tiefsten Innern geschieht es, daß die Freiheit sich der Liebe öffnet oder verschließt. Das immerwährende Drama des Menschen ist es, daß er häufig die Sklaverei wählt und sich Ängsten, Launen und falschen Gewohnheiten unterwirft, indem er sich Idole schafft, die ihn beherrschen, und Ideologien, die seine Menschlichkeit erniedrigen. "Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde" (Joh 8, 34). In früheren Zeiten wurde gewiß nicht weniger als heute gegen die Forderungen des Evangeliums verstoßen. Aber man war wohl bereiter, anzuerkennen, daß wir Sünder sind.

Jesus fordert uns auf: "Kehrt um und glaubt an des Evangelium." (Mk 1, 15). Zu Beginn jeder wirklichen Umkehr steht der Blick Gottes auf den Sünder: Ein Blick, der sich in die Suche nach Liebe, in Leidenschaft bis zum Kreuz, in Willen zur Vergebung verwandelt, der ihn zu der Entscheidung drägt, sein Leben zu ändern. Wie vielsagend ist doch das Gleichnis vom verlorenen Sohn!

Von dem Moment an, indem er sein Zuhause verläßt, lebt der Vater in Sorge um ihn: er wartet, er hofft, beobachtet den Horizont. Er respektiert die Freiheit des Sohnes, aber er leidet. Und als der Sohn sich zur Umkehr entschließt, sieht er ihn schon von weitem kommen, geht ihm entgegen und schließt ihn fest in seine Arme. Die Freude ist übergroß, denn der Sohn war verloren und ist wiedergefunden worden (vgl. Lk 15, 11 - 32).

Bevor Jesus zum Vater aufgefahren ist, hat er seiner Kirche den Dienst der Versöhnung anvertraut. Es reicht also nicht allein die innere Reue, um Gottes Vergebung zu erreichen. Die Versöhnung mit IHM erfolgt durch die Versöhnung mit der kirchlichen Gemeinschaft. Die Anerkennung der Schuld erfolgt daher durch ein konkretes, sakramentales Zeichen: die Reue und das Schuldbekenntnis mit dem Vorsatz, ein neues Leben zu beginnen, vor dem Diener der Kirche (vgl. Joh 20, 23).

Wir Menschen heute suchen leider immer seltener die Vergebung Gottes, da das Gefühl für die Sünde zusehends verloren geht: daraus resultieren viele Probleme und Schwierigkeiten unserer Zeit. Wenn wir in unserem persönlichen Alltag nach den Spuren des Auserwähltseins von Seiten Gottes suchen, werden wir ein wenig bescheiden sein müssen. Und da kann man sich Erinnern an eine Erzählung des Christ gewordenen Inders Sundar Singh. Dieser Inder berichtet, wie er einmal am Himalaja am Ufer eines Flusses gesessen hat. Er zog aus dem Wasser einen schönen runden und harten Stein und zerschlug ihn. Das Innere war trocken. Dieser Stein hat lange im Wasser gelegen, aber das Wasser war nicht in den Stein eingedrungen. So ist es auch oft mit uns. Jahrhunderte sind die Menschen vom Christentum umflutet, sind ganz und gar eingetaucht in die Segnungen der Göttlichen Liebe und sollten in der Anhänglichkeit an Christus leben. Aber diese Wirklichkeit ist nicht in ihnen oder lebt nur in einem ganz unzureichendem Maße. Wo ist die Schuld zu suchen? Liegt sie nicht in der Härte unserer Herzen?

Im Jahr 1999 - dem Jahr des Vaters - sollten wir versuchen, auf dem Hintergrund der Botschaft "Gott Vater liebt mich", den Gnadenreichtum des Bußsakramentes neu zu entdecken. Aus Anlaß des kommenden Welttages der Jugend (28. 3. 1999) bittet der Heilige Vater mit folgenden Worten die jungen Menschen zu Gott zu sprechen: "Ich brauche dich, ich zähle auf dich, um zu existieren und zu leben. Du bist stärker als meine Sünde. Ich glaube an deine Gewalt über mein Leben, ich glaube an dein Vermögen, mich zu retten, so wie ich jetzt bin. Denk an mich. Verzeihe mir." (vgl. DT 12. 1. 1999). Und in seinem Gebet für dieses Vorbereitungsjahr bittet er: "Gerechter Vater, das Große Jubiläum sei eine günstige Zeit, daß alle Katholiken neu entdecken, welche Freude es macht, im Hören auf dein Wort und im Vertrauen auf deinen Willen zu leben. Mögen sie erfahren, was die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern bedeutet, wenn sie gemeinsam Brot brechen und dich mit Hymnen und geistlichen Liedern loben" (Gebetsblättchen der DBK).




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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