Ermlandbriefe (4/1998)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 1998


Die Lebenskraft der Kirche

Unsere Hoffnung

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Die eigentliche Geburtsstunde der Kirche markiert das Pfingstfest. Ein Sturmwind Gottes, der Heilige Geist, erfüllte die erste Christengemeinde. Das Bild, das die Kirche heute bietet, vor allem in unseren Gemeinden, ist sicher alles andere als berauschend. Man kann schon verstehen, daß bei den Verantwortlichen und bei engagierten Gläubigen hier und da große Sorge aufkommt. Also noch mehr innerkirchliche Betriebsamkeit?

Panik und Hektik wären doch wohl die falsche Reaktion. Versuchen wir gläubig reflektierend uns in das Wesen der Kirche zu vertiefen. Und da werden wir feststellen können, daß es da, Gott sei Dank, auch heute eine geheime Glut gibt. Unsere Kirche heute ist ja die gleiche Kirche, der Gott sein eigenes Leben und seinen glühenden Atem eingehaucht hat. Der Beistand, den Jesus verheißen hat, bewahrt die Kirche auch heute vor Verknöcherung: "Er (der Vater) wird euch einen anderen Beistand geben. Es ist der Geist der Wahrheit, der in Ewigkeit bei euch bleiben wird. (Joh 14, 16 -17) " ... der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe." (Joh 14, 26)

Dieser Gottesgeist wird immer wieder wie ein Sturmwind über die Kirche fegen und alles Erstarrte sprengen, so wie es damals zu Pfingsten geschehen ist.

Die Geschichte der Kirche zeigt uns das Walten dieser unverwüstlichen Lebenskraft Gottes in seiner Kirche: Unmittelbar nach dem Pfingstgeschehen und der ersten Predigt des hl. Petrus wurden an einem Tag 3000 Christen getauft. Aus eingeschüchterten, verzagten Jüngern waren Helden geworden.

In der Urkirche hat dieses Feuer Gottes wie ein großer Brand um sich gegriffen, bis das römische Weltreich für Christen obert war. Der Geist Gottes hat einen Paulus dazu entflammt, daß er über 2000 km hinweg das Reich Gottes gegründet hat: Von Jerusalem nach Spanien, von Griechenland bis Kreta und Rom. Wer hätte eine so törichte Kühnheit wagen können, wenn ihn nicht der Geist Gottes dazu getrieben hätte? Auch die übrigen Apostel sind hinausgezogen ohne Buch, ohne Brief- und Telefonverbindung, ohne Fax und Handy und haben doch alle das gleiche gepredigt, so daß später ihre weit auseinanderliegenden Gemeinden zu einer Kirche zusammenwachsen konnten und niemand ein neues Glaubensbekenntnis lernen mußte.

Als nach der sog. konstantinischen Wende 313 die ersten Sturmböen jener Gotteskraft scheinbar vorüber und ruhige Zeiten in der Kirche eingekehrt waren, da brannte das Feuer Gottes von nun an im verborgenen: Mönche und Einsiedler zogen damals in die Wüste hinaus, um dort in der Glut des Herzens Gott besser zu dienen. Die großen Orden entstanden. Die Glut dieser Herzen war das geheime Feuer, durch das Europa verchristlicht wurde: Benedikt und seine Ordensfamilie und die iro-schottischen Mönche Kilian, Willibald, Bonifatius eroberten damals das westliche Europa für Gott; den slawischen Völkern brachte Cyrill und Methodius die Heilsbotschaft. Oft waren es einzelne Heilige, die als brennende Glut Gottes die Christenheit vor der Erstarrung bewahrten: Franziskus z. B. hat die ganze damalige Kirche davor bewahrt, in Genuß, Üppigkeit, Prunk und Gelagen zu ersticken. Getrieben vom Geist Gottes, mußte er die Armut in einer Weise verkünden, daß sie wie Torheit erscheinen konnte. Dieser einzelne Mensch hat eine ganze Epoche der Christenheit reformiert.

Ähnlich war es bei Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens: Genau zu der Zeit, da die Reformation die Kirche spaltete, hat jener brennende Geist der schwankenden Kirche ein neues Rückgrat verliehen und seine geistlichen Söhne angeleitet, bedingungslos für das Reich Gottes zu arbeiten.

Die "Charismen", die unverdienten Gaben des Gottesgeistes werden auch heute noch wie eh und je unserer Kirche geschenkt. Auch die großen Bewegungen der modernen Kirche verdanken religiösen Charismatikern ihren Ursprung: Die liturgische Bewegung und die Bibelbewegung wären ohne Romano Guardini und Pius Parsch nicht denkbar. Der belgische Priester und spätere Kardinal Cardijn schuf eine laienapostolische Bewegung im Arbeitermilieu. Auch das oberhirtliche Wirken von Bischof Maximilian Kaller für das Laien-apostolat und die Katholische Aktion darf gewiß hier erwähnt werden. Das Charisma eines Johannes XXIII. hat die ganze Welt bezaubert. Auch der moderne Zug zur Wiedervereinigung aller Christen stammt gewiß aus jenem Geist Gottes. Dankbar gedenken wir da unseres Kardinals Bea. In der verfolgten Kirche entflammt dieser Feuergeist die Christen zu heldenhaftem Bekenntnis wie in den Zeiten der Urkirche. Aus Afrika wird immer wieder vom Martertod vieler Christen gemeldet. Es stimmt nachdenklich, mit welcher Gleichgültigkeit das Sterben dieser Blutzeugen des 20. Jh. zur Kenntnis genommen wird.

Mit großer Hoffnung darf man die neuen geistlichen Bewegungen wie etwa den Neokatechumenalen Weg, den Fokulare, Emmanuel, Schönstatt, Charismatische Gemeindeerneuerung verfolgen. Ca. 150000 Teilnehmer dieser Kreise trafen am Vorabend des letzten Pfingstfestes auf dem Petersplatz mit unserem Heiligen Vater zusammen. Johannes Paul II. sieht das Aufblühen der kirchlichen Bewegungen als Geschenk des Heiligen Geistes für die Kirche und die Menschen. Erzbischof Cordes verfolgt das Leben dieser Bewegungen sehr aufmerksam und wohlwollend: "Gott erfüllt diese neuen Missionare mit seinen Gaben. Das zeigt sich darin, daß ihre Verkündigung ein beeindruckendes Echo findet. Diese Gruppen wachsen, obwohl sich in einigen europäischen Ländern die Kirchen leeren. Während die Gesellschaft auf der Suche nach sich selbst und nach dem eigenen Interesse immer schlimmer wird, nähren sie sich in der Einfachheit des Herzens an jeder Freude, die vom Heiligen Geist kommt." (DT, S. 4, 30.05.1998)

In jedem einzelnen von uns wohnt dieser Geist Gottes. Unsere Aufgabe ist es, diesen Geist in uns wirken zu lassen. "... alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes." (Rom 8, 14) Treiben lassen vom Geiste Gottes, d. h.: horchen auf Gott, gehorchen, hinhorchen und uns führen lassen im Alltag. Wir wollen aber nicht übersehen, daß in unserem Alltag auch viel Dunkelheit und Böses ist. Um diese Gefahren müssen wir wissen. "Macht euch dieser Welt nicht gleichförmig, sondern gestaltet euch um, um zu prüfen, was der Wille Gottes ist." (Rom 12,2)

Nur in der echten Verbindung mit Gott werden wir zur Erneuerung der Kirche (der Heilige Vater spricht immer wieder von der Notwendigkeit der Reevangelisierung) einen Beitrag leisten. Am Pfingstfest hat die Kirche im Tagesgebet für und mit uns gebetet: "Erfülle die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes, und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke auch heute in den Herzen aller, die an dich glauben."




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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