Ermlandbriefe (2/1998)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 1998


"Ihr aber, für wen haltet ihr mich?"

Auf Christus hin

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

In der nachösterlichen Zeit ist die Liturgie der Kirche bemüht, unser Bekenntnis zu Christus zu vertiefen und zu festigen. Eine Aufgabe, ein Lebensprozeß, der hier auf Erden nie abgeschlossen sein wird. "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" (Mt. 16,15) Diese Frage Jesu gilt uns allen.

Viele Voreinstellungen müssen überwunden werden

Das Bekenntnis zu Jesus ist für Menschen oft mit Schwierigkeiten verbunden, da es Konsequenzen nach sich zieht. Viele Voreinstellungen wollen überwunden werden. Der reiche Jüngling brachte in seine Begegnung mit Jesus viel Idealismus mit; aber in seinen Lebenserwartungen herrschen bestimmte Wunschbilder vor, so daß er die Begegnung mit Jesus nicht als einmalige Möglichkeit erkennt. Er hat sich so sehr dem Schema eines bestimmten Denkens angepaßt, daß er die hier notwendige Erneuerung aus dem Geist der Hingabe nicht fertigbringt. Die Bindung an seine Güter ver-unmöglichte die Bindung an Christus. (Mt. 19,16-23)

Es gibt typische Formen, in denen viele Menschen ihre Vorurteile wie Wälle um sich herumbauen und so verhindern, daß die Frage "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" an sie herankommt. Man mauert sich ein, indem man sagt: Ich weiß nicht, ich kann nicht, ich lege mich nicht fest. - So können Bastionen errichtet oder Festlegungen getroffen werden, die ein Bekenntnis mit Konsquenzen nicht mehr wahrscheinlich machen. Vorurteile gegen den Anspruch Jesu können sich auf der Grundlage des Urbedürfnisses nach Selbstsicherheit bilden: im Bereich des Vitalitätsdranges, des Besitzstrebens, des Geltungsdranges, des Machthungers usw.

Auf die Notwendigkeit einer selbstkritischen Umorientierung weist der hl. Paulus hin: "Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt. Das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. Gleicht euch dieser Welt nicht an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was gut und vollkommen ist, was ihm gefällt." (Rom. 12, 1-2) - Die Abkehr von den Denk- und Wertungsschemen "dieser Welt" ist Bedingung dafür, daß wir den Ruf wahrnehmen und die Antwort geben. Es handelt sich um das Wahrnehmen des Rufes Gottes in der Erfahrung unseres Lebens. Dieses prüfende Wahrnehmen des Willens Gottes ist nur möglich, wenn der Mensch sich in einem Dauerprozeß der Umkehr und der Hingabe von den Schemen dieser Welt weg - und zum Evangelium hinwendet.

Viele Lehrer des geistlichen Lebens halten bewußtes Einüben der Unabhängigkeit von den Wertungen dieser Welt für unverzichtbar. Ohne solches Einüben verlöre der Mensch eine Hellhörigkeit für den Ruf Gottes, die im Neuen Testament als Wachsamkeit beschrieben wird und im engen Zusammenhang mit dem Gebetsleben gesehen wird. "Für wen haltet ihr mich?" - Um eine Antwort auf diese Frage haben Menschen im Laufe der Jahrhunderte gerungen.

Unsere Antwort wird zur Nachfolge

Ihr aber, für wen haltet ihr mich? - Es gibt keine so bedrängende Frage wie diese. Und sie ist ganz persönlich gemeint. Es gibt in der Beantwortung keine Ausflüchte, kein Zurückziehen in die Anonymität der allgemeinen Meinung. Die Antwort kann nur eine persönliche Entscheidung sein: "Ich glaube an Jesus Christus, den eingeborenen Sohn Gottes, unserem Herrn." - Das ist die christgläubige Antwort. (Petrus bekannte: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes. [Mt. 16,16] Was bedeutet das für uns heute?

Jesus der Auferstandene lebt. Was er damals getan hat, setzt er heute fort: Er ruft Menschen. Er sammelt das neue Volk Gottes. Er läßt Menschen am Reich Gottes teilhaben. In IHM können wir heute ebenso Gott begegnen, wie es Menschen damals erlebten. Nach wie vor und für alle Zukunft ist Jesus derjenige, in dem Gott uns sein Gesicht zuwendet. Wenn jemand sich zu Jesus bekennt, schließt das ein, IHM nachzufolgen. "Nachfolge Jesu" - damals hieß das für die Jünger ganz wörtlich "hinter IHM herzugehen". Was bedeutet es heute? Zunächst einmal bedeutet es einfach, in eine Lebensgemeinschaft mit dem Auferstandenen einzutreten: "Leben mit einem, der lebt." Die Mitte unseres christlichen Glaubens ist eben keine Idee, keine Lehre, kein Buch, keine Sammlung von Geboten oder religiösen Zeremonien, sondern die lebendige Person Jesus. Zu IHM kann ich eine persönliche Beziehung aufnehmen, kann mit IHM Freundschaft schließen. Er will auch mein Herr und Meister sein.

IHM will ich mein Leben anvertrauen. So gewinne ich Anteil an seinem Leben, am ewigen Leben. Sein Geist wird mir geschenkt. Ich bekomme seine Nähe zu spüren. Er nimmt Wohnung im Innersten meines Herzens: dort, wo jeder Mensch ganz er selbst, aber auch ganz mit sich allein ist. Dieser lebendige Christus füllt die tiefste Einsamkeit im Menschen aus. Im Gebet, in der stillen Betrachtung, kann ich mich seiner Liebe anvertrauen. Täglich neu weckt er die Kräfte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe zu Gott und den Menschen. Das sind Kräfte des neuen Lebens. So kann ich versuchen, Tag für Tag aus der Auferstehungsmacht Christi zu leben.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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