Ermlandbriefe (1/1998)
Katechismus-Ecke - Ostern 1998


Unsere Not -

aufbewahrt in Jesu Leiden

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Zum Menschen gehört auch die Aggression. Diese Angriffslust hat ihm gute Dienste geleistet im Kampf ums Überleben, im Forschen und Erobern der Erde. Jeder von uns braucht diese "Angriffslust" im Mühen um das tägliche Brot, im Ringen um Wahrheit und Reinheit, zur Selbstüberwindung und zum mutigen Einsatz in der Arbeit. Aber diese Angriffslust hat seit Anfang der Menschheitsgeschichte auch eine blutige Spur hinterlassen: Brudermord, Krieg, Sklaverei, Gewalt und Tränen.

In unserem Atomzeitalter ist es eine Frage auf Leben und Tod geworden, ob wir unseren aggressiven Charakter zähmen und bändigen können oder zu einer Generation von Ungeheuern werden, die alles Leben zerstören. Die Mittel werden immer erfolgreicher, aber auch gefährlicher. Im Kampf gegen die Krankheiten erzeugt der Mensch immer schärfere Medikamente, aber sie haben auch immer stärkere Nebenwirkungen. Im Kampf um Lebensmittel setzt er immer giftigere Vernichtungsmittel ein, aber sie vergiften auch den Boden, die Nahrung und die Russe. Im Ringen um die Energie greift der Mensch nach der gefährlichsten Kraftquelle, aber sie kann durch atomare Verseuchung auf Jahrtausende alles verwüsten. Riesentanker, Bulldozer, Supertechnik, Super-waffen: wird der Mensch damit alles zerstören, was ihm unter die Hände kommt?

Wo gibt es ein Heilmittel gegen diese gefährliche, mörderische Art des übermächtig gewordenen Menschen? Ein neues Wort taucht heute an vielen Orten auf: Man spricht von "sanften Energien" und meint damit Sonne, Wind und Wasser. Man sucht nach "sanften Heilmitteln". Es taucht die Erkenntnis auf, daß nur der "sanfte Weg" und das "sanfte Wort" zum Überleben führt. Hier wären auch die Friedensbewegungen verschiedener Schattierungen einzuordnen. Denn Gewalttat zerstört, verwüstet, vernichtet, schafft Angst und Abwehr, einen Kampf auf Leben und Tod. Die Spirale der Gewalt ist der Weg in den Tod. Tu nichts mit Gewalt! Selig, die zum sanften Weg entschlossen sind. -Dürfen wir in diesen Erkenntnissen nicht ein mehr oder weniger bewußtes Rufen nach der Heilsbotschaft Jesu Christi heraushören? "Selig die Sanftmütigen ...", Mt. 5,5. Ein Rufen nach dem "sanften Weg". Jesus kann die volle Antwort geben, weil er um Gut und Böse weiß wie kein anderer. Er hat am Kreuz gezeigt, wie der "sanfte Weg" zum Sieg über das Böse führt. Sein durchbohrtes Herz wurde zur Quelle des Segens. Das ist der "sanfte Weg".

Die "Sanftmütigen" bäumen sich nicht gegen Gottes Anordnung auf. Sie haben auch in der größten Not den Mut, auf Gottes Eingreifen zu warten. Sie greifen nicht durch selbstherrliches und unüberlegtes Handeln der Allmacht Gottes vor. Sie verzichten auf Anwendung von Gewalt, weil sie an Gottes Allmacht glauben.

Die Aggressionen nehmen heute in aller Welt zu, denn der Streß wird ärger, die Familien zerfallen, die materialistische Gesinnung schwächt die seelische Kraft, das laxe Gewissen bremst nicht mehr die Ausbrüche von Gewalt. Auch die Einsamkeit der Herzen nimmt zu und die Gottesferne. Deswegen nimmt auch die Brutalität zu, Terror, Haß, Rachsucht und Verbitterung. All das sind Formen von Gewalt. Woher da die Kraft zur Güte und Sanftmut nehmen? Nur Gott selbst ist die Quelle jener Liebe, die sanft und treu ist, gut bleibt und sich selbst beherrschen kann.

Jesus hat das Leiden gekannt und erfahren. Jesus preist die Armen, die Leidenden, die Verfolgten selig, denn ihrer ist das Himmelreich. Jesu Blick richtet sich nicht auf das Leid seiner selbst willen. Er gibt es uns auf, es zu beseitigen und zu lindern um seinetwillen. Einzig die Kraft Gottes ist in der Lage, das Dunkel des Daseins zu durchschreiten und zu besiegen.

Der christliche Lebensentwurf ist nicht abstrakt und auch nicht elitär, er ist für die Menschen, die trauern und leiden, für Menschen, die erschöpft und bedrückt sind und die Fenster ihrer Herzen öffnen müssen. Wie schaut das konkret aus? Wenn einer sich gegen mich verfehlt, müßte ich mich bemühen, ihn in Güte zurechtzuweisen. Nicht auf herrische Art, nicht grob und verletzend. Wenn die Kinder einen Irrweg gehen, werden Eltern versuchen, sie im Geiste der Sanftmut wieder auf den rechten Weg zu bringen. Nicht mit dem Holzhammer. Wenn mir einer Böses tut, muß ich mich beherrschen, gut bleiben, nicht gleich böse werden, es in Geduld ertragen. Sonst springt das Böse von einem zum anderen über. Die Menschen sind heute oft gereizt und nervös, weil sie ständig unter Zeitdruck und Arbeitsdruck stehen. Anstelle einer gereizten Antwort wäre ein gütiges Wort heilsam. Lassen wir die Sonne unserer Güte auch über die Egoisten aufgehen. Sie stellen oft unverschämte Forderungen und sind rücksichtslos, weil sie vielleicht in keiner liebenden Familie aufgewachsen sind. Wenn sie unsere Liebe verspüren, hilft es ihnen oft mehr zur eigenen Umkehr als lange Vorträge. Wir brauchen "Langmut": Geduld und nochmals Geduld.

Trotzdem werden wir fragen, und niemand kann uns diese Frage verwehren: Hat uns der gütige und barmherzige Herr mit all den sinnlosen Leiden, Ängsten, Sorgen und dem Sterben der vielen Kleinen und Armen allein gelassen? Hat er kein Wort des Trostes und der Anteilnahme für die Notleidenden und sinnlos Getöteten? Und doch, er hat mehr als ein Wort! Er hat als Gottessohn dieses Menschenschicksal in seinen tiefsten Abgründen geteilt. Er hat sich solidarisiert mit den Leidenden und Armen, er hat Leid, Schmerz und Tod auf sich genommen und damit das irdische Leid zwar nicht aufgehoben, aber zu einem Teil der Lebenserfahrung des Gott-Menschen gemacht. Seitdem ist kein Geängstigter, kein Gequälter, kein Sterbender vollkommen allein. Der leidende Jesus ist sein Gefährte. Jeder Schrei ist aufgehoben und jede Träne aufbewahrt im Mitleid dessen, der von Gott ausgegangen ist, der in allem unser Los geteilt hat und der zurückgekehrt ist in die Herrlichkeit Gottes.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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