Ermlandbriefe (3/1997)
Katechismus-Ecke - Sommer 1997


Zur katholischen Ehemoral (3)

Leben annehmen

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Für die ökumenisch begangene Woche für das Leben (1.-7. Juni 1997) ist ein Arbeitsheft erstellt worden unter dem Titel: "Jedes Kind ist liebenswert. Leben annehmen statt auswählen."

Die Beiträge beschäftigen sich u. a. mit der "pränatalen Diagnostik", mit Untersuchungsmethoden, die bemüht sind, Fehlbildungen und erbliche Veranlagungen bereits bei Ungeborenen im frühen Stadium zu erkennen, um nach Hilfen Ausschau zu halten. Es ist zu befürchten, daß die Vielzahl dieser vorgeburtlichen Untersuchungsmethoden bei vielen Eltern den verständlichen Wunsch bestärkt, nur ein Kind zur Welt zu bringen, das frei ist von Krankheiten. Dieser Wunsch und der Druck des sozialen Umfeldes können Eltern veranlassen, sich - bei gesundheitlicher Beeinträchtigung des Ungeborenen -gegen das Austragen des Kindes zu entscheiden. Das christlich geprägte Gewissen sagt dazu: Leben annehmen statt auswählen. Versuchen wir, eine solche Aussage zu begründen.

1. Viele Fragen, die das alltägliche Leben betreffen, können ohne Rückfrage nach der Weltanschauung beantwortet werden. Es gibt aber Probleme moralischer Natur, die von einem gläubigen Menschen notwendigerweise anders gesehen werden als von einem Atheisten. Das ist z. B. der Fall bei Fragen der Ehe und Familie.

Denn wenn der Mensch nichts anderes ist als eine besonders komplexe Form der Materie, dann läßt sich nicht mehr sagen, warum es unethisch sein sollte, Embryonen zu manipulieren, mit ihnen Experimente anzustellen oder sie wegzuwerfen. Es ist eine Frage, ob sich eine Ethik, die diesen Namen verdient, ohne den Bezug auf den Heiligen Gott überhaupt begründen läßt. Viele Fragen, die den Beginn des menschlichen Lebens betreffen, können aus der Perspektive eines konsequent atheistisch-materialistischen Weltbildes auf keinen Fall überzeugend begründet werden.

Aus christlicher Sicht ist jeder Mensch ein Geschöpf Gottes. Nach dem Bild seines Schöpfers geformt, besitzt er eine unsterbliche, personale, geistige Seele, und sein Engel schaut ständig das Angesicht Gottes. Dieses werterfüllte Sein ist dem Menschen unabhängig davon zu eigen, wie groß er bereits ist, welche Hautfarbe er hat, welcher Art seine genetische Beschaffenheit und wie sein sonstiger (gesundheitlicher) Zustand ist. Solches personales Menschenbild führt zu ganz bestimmten Folgerungen.

Als Person - in der religiösen Sprache - als Ebenbild Gottes eignet dem Menschen eine einzigartige Würde, von der her viele Folgerungen begründet werden. Mit Person ist das ICH des Menschen gemeint, Die Person ist es, die erkennt, die will, die entscheidet, die verzichtet, die liebt, die sich verweigert - kurz alle Akte setzt, die das spezifisch Menschliche ausmachen.

Für uns ist wichtig der besondere Umstand, daß diese Person auch dann existiert, wenn sie keine erkennbaren Akte setzen kann. Das heißt: Der Mensch existiert auch als Mensch, wenn er schläft, wenn er in Narkose ist oder wenn er durch einen Unfall die Fähigkeit verloren hat, bewußt zu handeln. Das bedeutet dann aber auch, daß der Mensch schon Mensch ist, wenn seine spezifisch menschlichen Fähigkeiten erst im Stadium der Entwicklung sind. Ein Lebewesen ist Mensch, oder es ist kein Mensch. Die Seele kann nicht langsam "werden". Die Fähigkeiten des jeweiligen Menschen sind zwar der Entwicklung unterworfen, niemals aber die Person selbst, die unsterbliche Seele als solche. Also: Auch wenn das Kleinkind, der Geisteskranke, der senile Mensch oder der Bewußtlose keine geistigen Akte setzen kann, darf man ihm die Würde der menschlichen Person nicht absprechen. Dem unverkürz-bar gleichen Menschsein jedes Menschen entsprechen, trotz aller sonstigen Unterschiede des Alters, der Größe, der besonderen Fähigkeiten, auch gleiche Rechte, deren Achtung zu konkreten sittlichen Forderung führt. Auf diesem Hintergrund nun einige Gedanken zur Aussage: Leben annehmen statt auswählen.

2. Heute können Eltern vor der Geburt erfahren, ob ihr Kind behindert sein wird. Und sie müssen sich entscheiden, wie sie mit diesem Wissen umgehen. Was passiert, wenn das gewünschte Kind nicht dem Wunschbild der Eltern entspricht oder wenn es gar behindert ist? Die Eltern müssen sich entscheiden. Es ist eine Entscheidung über Leben und Tod tfes eigenen Kin-<ies und ka|in nur unter Gewissenskonflikten und Schuldgefühlen göroffen werden.

Wenn Eltern sich nicht gegen, sondern für ein behindertes Kind entscheiden, müssen sie befürchten, daß die Gesellschaft ihnen vielleicht später diese Entscheidung verübeln wird. Müssen sie sich dann ständig für ihr Kind rechtfertigen, daß sie es gewollt haben? Wer sich auf pränatale Diagnostik einläßt, um vermeidbaren Ängsten während der Schwangerschaft zu entgehen, mag dies natürlich tun. Man muß dann aber auch von vornherein wissen, wie man sich entscheidet, wenn sich die Ängste als begründet herausstellen.

Pränatale Diagnostik kann werdenden Eltern bei einem konkreten Risiko (z. B. Erbkrankheiten, Erkrankung während der Schwangerschaft) Auskunft über eine Schädigung des Embryos geben. Genetische Diagnostik kann auch schon vor dem Eintreten einer Schwangerschaft Paaren, die durch Erbkrankheit belastet sind, Aufklärung über das Risiko einer embryonalen Schädigung geben. Ganz allgemein können Ergebnisse der pränatalen Diagnostik der Schwangeren und ihrem Partner helfen, sich auf das zu erwartende Kind vorzubereiten.

Aber: Spielen nicht Planung und Verfügung über ungeborenes Leben in der pränatalen Diagnostik eine große Rolle? Wird hierein christlich geprägtes Gewissen nicht vorsichtig sein müssen? Oben war vom christlichen Menschenbild die Rede. Der Mensch - ein Ebenbild Gottes! Von daher leiten wir seine Würde ab. Nicht Selbstbewußtsein, Lebenswillen, Genußfähigkeit, Nützlichkeit für die Gesellschaft begründen seine Würde. Sie ist nicht an jugendliche, vitale Lebenskraft und Leistungsfähigkeit gebunden, sondern ist allein mit dem Empfangen von Leben, mit der Empfängnis gegeben. Deshalb sprechen wir auch von der Würde und nicht vpm Wert des Menschen. Das zweite könnte gefährlich werden. Denn welcher Mensch und ab wann hat er einen Wert? Und wer soll hier entscheiden? Dem gegenüber ist die Würde des Menschen absolut und nicht begründbar und ableitbar. Sie ist weder in den Qualitäten des Menschen begründet noch aus seiner gesellschaftlichen Bedeutung ableitbar. Deshalb gehören auch Altern, Gebrechlichkeit, Krankheit oder Leiden zur Würde des Menschen. Frühdiagnostik darf aus diesem Grund nicht automatisch bedeuten, daß ein Kind nur dann akzeptiert wird, wenn es gesund ist. Wie gefährlich solch ein Vorbehalt für unser Verständnis von Menschenwürde ist, zeigt sich daran, daß jedes gesund geborene Kind von einem Tag auf den anderen zu einem Schwerstbehinderten Menschen werden kann. Leben bleibt ein Risiko. Jedes Leben, auch wenn es noch so versehrt ist, hat einen legitimen Anspruch auf Solidarität und Unterstützung. Christliche Eltern wagen neues Leben mit all seinen Risiken und verzichten lieber auf Kinder, wenn sie die Risiken nicht verantworten können. Töten bleibt für sie ausgeschlossen. Sowohl ihr Gottvertrauen - trotz Risikos - als auch ihr verantwortlicher Verzicht auf Kinder verdienen Achtung und - wo nötig - die tätige Hilfe der Mitchristen. Beides, Kinder zu wagen und, wo nicht wagbar, auf sie zu verzichten, ist hochherzig.

Auf dem Hintergrund des biblischen Menschenbildes wird es im Zusammenhang mit der pränatalen Diagnostik Aufgabe unserer Pfarrgemeinden sein, betroffenen Menschen, die durch Erbkrankheiten belastet sind, Menschen mit Behinderungen und deren Angehörigen Zuwendung, Begleitung und Ermutigung zu gewähren. Versuchen wir uns die Frage zu stellen: Würde eine konkrete Familie in unserer Nachbarschaft, die um die Behinderung ihres Kindes weiß, bei uns Verständnis für ihre Sorgen und Nöte finden?




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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