Ermlandbriefe (2/1997)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 1997


Zur katholischen Ehemoral (2)

Papst Johannes Paul II. und die Familie

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Wie wohl kaum einer seiner Vorgänger hat sich Papst Johannes Paul II. Fragen der Ehe und Familie, der Sexual- und Familienethik gewidmet. Seine Kompetenz auf diesen Gebieten, denen seine Zuneigung und sein Interesse sowohl als Seelsorger als auch als Wissenschaftler, akademischer Lehrer, Bischof und Papst in besonderer Weise galten und gelten, dürfte aufgrund seiner Veröffentlichungen bekannt sein.


Dem Schöpfungsplan verpflichtet

Für den Heiligen Vater ist der ursprüngliche Plan des Schöpfers mit Mann und Frau als Personengemeinschaft der tiefste Grund der menschlichen Sittlichkeit und Kultur. Diesem Plan und seiner Verwirklichung in unserer Zeit will er dienen, diese Aufgabe scheint eine der Hauptlinien seines Pontifikates zu sein. Bei der Verwirklichung seiner Sendung für Ehe und Familie ist der Heilige Vater auf die zustimmende Antwort und Mitarbeit der Gemeinden, der Familienkreise und Familienbewegungen angewiesen. Diese Basis muß sich mit seiner Denkweise, seiner Lehre und den darin aufgezeigten Idealen, die die der Kirche sind, vertraut machen.

Für das Verständnis der päpstlichen Mahnungen ist es wichtig, auf den Aspekt derBarmherzigkeithinzuweisen. Johannes Paul II. geht es um Hilfestellungen und um ein Aufzeigen von gangbaren Wegen, um einen Brückenschlag zwischen Realität und Ideal. Er spricht von einem Suchen mit aufrichtigem Herzen und ruhigem Sinn auf einem Weg, den man im Vertrauen auf Gottes Gnade und den eigenen Willen gehen müsse mit Geduld und Ausdauer. Allerdings warnt er auch vor einer passiven Anpassung an den Zeitgeist. Die Kirche nötigt ihre Lehre niemandem auf, aber sie legt sie offen dar und hält an ihr fest als Bezugspunkt für den, der katholisch ist und sein will. Dies tut sie in einer verstehenden Grundhaltung.

So erinnert uns die päpstliche Verkündigung, daß ein Kind ein Geschenk des Himmels ist. Gott vertraut es den Eltern an. Aus seinen Händen dürfen sie es annehmen, in Gottes Händen ist es geboren, zu Gott dürfen sie es hinführen. Das ist ein verantwortungsvoller Auftrag. Wird das in unserer Zeit noch verstanden?


Die natürliche Familienplanung

Die Kirche ist trotz aller Widersprüche von innen und außen bei ihrem Nein zur Pille und anderen Verhütungsmethoden geblieben: Der Mensch sollte den ehelichen Akt einschließlich seiner Fähigkeit, neues Leben zu zeugen, weder durch Verhütungsmittel verstümmeln noch durch künstliche Befruchtung ersetzen, so verständlich die Motive sowohl für das eine als auch für das andere in vielen Fällen sein mögen.

Die grundsätzliche Bereitschaft, Kinder zu bekommen, gehört zur Ehe. Wie viele Kinder ein bestimmtes Ehepaar haben kann oder soll, ist zwar nicht ihrem Belieben anheimgestellt, wohl aber Sache ihrer persönlichen Gewissensentscheidung. Ihre Entscheidung sollte nach objektiven Gesichtspunkten getroffen werden, aufgrund ihrer jeweiligen Lage. Man kann auch sagen: im Angesicht Gottes und vor dem eigenen Gewissen.

Die Familienplanung, d.h. die Geburtenregelung, liegt also in der Entscheidung der Eheleute. Weil die Frau nur an wenigen Tagen ihres Monatszyklus fruchtbar ist, gibt der Schöpfer damit den Hinweis, daß die Natur selbst die Kinderzahl beschränken will. Die Eheleute sollten diese Tage beachten, wenn sie ein Kind wollen bzw. nicht wollen. Ein Spezialist auf dem Gebiet der natürlichen Familienplanung, Dr. med. J. Rotzer, sagt: "Die Zuverlässigkeit der sicher unfruchtbaren Tage ist genauso groß wie die der sogenannten Pille." - Dieser Weg ist allerdings nur möglich, wenn ihn Mann und Frau gemeinsam gehen. Damit bietet er die Chance für eine partnerschaftliche harmonische Ehe. Bereits junge Leute sollten sich darüber informieren.

Aber heute werden weithin die einfacheren Wegedurch Verhütungsmittel gewählt. Sie gehen meist auf Kosten der Frau. Ist das der Wille Gottes? Sind diese nicht ein Eingriff in die Schöpfungsordnung Gottes? Kann z. B. ein Mann seiner Frau über Jahre hinweg die Pille und damit diesen Eingriff in die Hormonsteuerung zumuten? Sie hat Folgen für beide. Max Horkheimer- er war kein Christ - stellte fest: "Die Pille müssen wir mit dem Tod der erotischen Liebe bezahlen." Ist die Spirale nicht ein Fremdkörper im Leib der Frau, der zudem die befruchtete Eizelle tötet?

Natur - nicht Chemie, Partnerschaft -nicht Patriarchat sind heute gefragt. Bei der natürlichen Familienplanung müssen Natur und Partnerschaft zusammenwirken. Diesen personalen Weg sehen der Papst und die ihm folgenden Moraltheologen als den besseren Weg als den technischen mit Verhütungsmitteln oder gar den der Abtreibung. Dieser ist wohl abzulehnen, weil begonnenes, vollwertiges Leben getötet wird. - Die Geburtenregelung ist eine Frage des Gewissens und hat mit dem Willen des Schöpfers zu tun.

Wer will, kann es heute feststellen, daß der verantwortungs- und hemmungslose Umgang mit Sex sich selbst bestraft. Gott, der Schöpfer des Lebens, ermutigt zum Leben, zu partnerschaftlicher Liebe und Ja zum Kind. Die Frage nach dem rechten Gebrauch der Sexualität und der verantworteten Elternschaft muß immer neu gestellt werden.

Den notwendigen Verzicht sollte man weder übertreiben noch verständnislos herunterspielen. Einerseits gilt: Verzichten können gehört einfach zum Leben des Menschen, auch in diesem Bereich, und es gibt wahrhaft schlimmere Leiden, als von Zeit zu Zeit sexuelle Enthaltsamkeit auf

sich nehmen zu müssen. Wer dies wirklich für unzumutbar hält, sollte einmal ruhig nachdenken, aus welchen anderen Gründen sehr wohl einmal auf das eheliche Bett verzichtet wird.

Andererseits gibt es Frauen, deren Zyklus eine hinreichend sichere Berechnung nicht erlaubt und die Methode der Zeitwahl fast ganz und gar unbrauchbar macht. Vergessen darf man auch nicht jene Ehepaare, die aus beruflichen Gründen nur unregelmäßig zusammenkommen können. Der für andere durchaus zumutbare Verzicht wird, so scheint es, zum heroischen Opfer. Die Vergewaltigung in der Ehe wirft diesbezüglich auch schwierige Fragen auf. Es gibt also noch ungelöste Probleme, über die wird man in der Kirche noch viel nachdenken müssen. Aber das ändert nichts an den guten Gründen, die für die Zeitwahl und gegen die Verhütungsmittel sprechen.


Ein anspruchsvolles Ideal

Wir werden heute als katholische Christen oft mit der Behauptung konfrontiert, die päpstliche Lehre von der Familienpianung und Geburtenregelung ist mit der bei uns herrschenden Mentalität einer industrialisierten und rationalistischen Gesellschaft nicht vereinbar und deshalb seien die chemischen und technischen Steuerungsmöglichkeiten zu empfehlen.

Diese Argumentation geht von der Voraussetzung aus, daß die Tatsache dieser Mentalität - weil angeblich vorherrschend - auch schon normativ sei. Ihr Vorhandensein schließe ihre Veränderungsmöglichkeit aus. Zugleich wird damit auch die ethische Bedeutung dieses Problems als Gewissensfrage verneint. Aber das ist eben die Frage, der wir uns stellen müssen. Anläßlich der Entgegennahme des Friedesnobelpreises am 11. 12. 1979 sagte Mutter Te-resa u. a.: "Wir tun auch etwas anderes, sehr Schönes: Wir lehren unsere Bettler, unsere Leprakranken, die Bewohner unserer Elendsviertel, die Menschen der Straße, die natürliche Familienplanung. Wir lehren sie das Temperaturmessen, was gut und einfach ist. Unsere armen Menschen verstehen das. Und wissen Sie, was sie uns gesagt haben? ,Unsere Familie ist gesund, unsere Familie ist eine Gemeinschaft, wir können ein Kind haben, wann wir wollen. '-So klar sind diese Menschen auf der Straße, diese Armen. Ich glaube, wenn diese Menschen so handeln können, wieviel eher wir und all die anderen, die. die Mittel und Wege kennen, ohne daß das Leben zerstört wird, das Gott in uns geschaffen hat. Die armen Menschen sind wahrhaftig große Menschen. Sie können uns viel Gutes lehren." - Soweit das Zitat aus der Ansprache von Mutter Teresa in Oslo.

Viele Kritiker der Kirche verweisen gerne auf die Gestalt der Mutter Teresa als einer zeitgemäßen Heiligen. Sind sie auch bereit, sich für die von ihr gezeigten Wege einzusetzen, ihre Mahnungen zu beherzigen?


Im Glauben, aufgrund der Gnade

Das biblische Bild von Liebe, Ehe und Familie ist ein hohes - manche werden sagen - ein allzu hohes, lebensfernes und unmögliches Ideal. Das ist zwar richtig, aber bedenken wir bitte: Die Kirche empfiehlt den Gläubigen dringend, nicht nur das Ehesakrament zu empfangen, sondern sich in jeder Hinsicht auf die Ehe gut vorzubereiten und auf die bestehende Sakramentsgnade zu vertrauen. Die Beichte und Heilige Kommunion sollten nicht vergessen werden. Die Sexualmoral der Kirche ist ein Hochethos der Liebe. D. h.: Das Leben nach den Nonnen dieser Ethik ist nicht leicht, aber beglückend. Die Haltung des Glaubens und der Ehrfurcht gegenüber der Weisheit Gottes ist hier notwendig und hilfreich. Die Treue zu Gottes Gebot heißt manchmal auch Annahme eines Kreuzes.

Wie in anderen Bereichen der Moral gilt auch hier: lebbaristdas christliche Ideal der sexuellen Liebe auf die Dauer nur im Glauben an Gott und aufgrund seiner Gnade. Die christliche Heiligkeit auf diesem Gebiet fällt uns gewiß nicht in den Schoß. Wer dies weiß, wird sich von der Erfahrung, daß er auch auf diesem Gebiet kein Heiliger ist, nicht entmutigen lassen. Denn Gott stellt seine Hilfe nicht zu wie die Post ein Paket. Nur jene Paare, die beten und wirklich nach dem Evangelium zu leben versuchen, werden die Erfahrung machen, daß Gott bei ihnen ist.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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