Ermlandbriefe (1/1997)
Katechismus-Ecke - Ostern 1997


Zur katholischen Ehemoral (1)

Ringen ums Menschsein

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Jedes Geschenk Gottes steht unter dem Gesetz des Samenkorns, es ist Saat, die aufgehen, wachsen und reifen soll. Der Spender aller guten Gaben erwartet Frucht von jedem, den er beschenkt hat. In der Frucht reicht der ursprüngliche Empfänger den göttlichen Reichtum zum Wohle aller weiter.

Im feierlichen Segen am Schluß der Brautmesse heißt es: "Wahre Freunde mögen euch in Freude und Leid zur Seite stehen. Wer in Not ist, finde bei euch Trost und Hilfe, und der Segen, der den Barmherzigen verheißen ist, komme reich über euer Haus." - Tragfähige Freundschaft über den Rahmen der engeren Familie hinaus soll in guten und dunklen Zeiten gewährt und empfangen werden: Die Ehe, ein Ort, wo andere Trost und Hilfe empfangen können, wo man lernt, Barmherzigkeit zu üben. Der Rückhalt, den die Eheleute aneinander finden, hilft ihnen, die Anforderungen der Umwelt zu bestehen.

An die Spitze aber setzt das Segensgebet der Brautmesse das eigentliche Herzstück aller ehelichen Fruchtbarkeit: "Seid gesegnet in euren Kindern und die Liebe, die ihr ihnen erweist, sollen sie euch hundertfach vergelten."

Die Eheleute dürfen am Schöpfungsund Erlösungshandeln Gottes teilnehmen. Ihre Liebe steht unter dem wirkmächtigen Segen: "Seid fruchtbar und mehret euch."

Ihre Liebe soll nicht flüchtige Aufwallung der Gefühle bleiben, sie darf in den Kindern anschauliche Gestalt und Dauer erhalten. Die Kinder, die unter der elterlichen Fürsorge heranwachsen, die getauft sind und mit dem Leib Christi genährt werden, sollen einmal Zeugen sein für die göttliche Liebe, die sie in ihren Eltern zunächst erfahren haben. In den Kindern will sich der Segen Gottes verwirklichen. Die eheliche Gemeinschaft sollte sich ausweiten zur Familie, wenn sie Bestand haben und auf die Dauer Glück bringen soll.

Nun sind wir heute Zeugen einer besorgniserregenden Entwicklung, da eheliche Fruchtbarkeit eigenmächtig verhindert oder auf ein kärgliches Minimum beschränkt wird. Hier stehen wir vor einem sehr komplizierten, mit Emotionen bela-denen Problemfeld. Und es ist auch verständlich angesichts der Bedrängnisse der heutigen Zeit, wo nun einmal die Kinderzahl nicht sehr hoch sein kann, von den Wohnverhältnissen und von vielem anderen her.

Der hl. Vater spricht diese Situation oft an, z. B. in seinem apostolischen Schreiben über die christliche Familie: "In den reicheren Ländern hingegen nehmen der übertriebene Wohlstand und die Konsumhaltung sowie eine gewisse paradoxerweise damit verbundene Angst und Unsicherheit gegenüber der Zukunft den Eltern die Hochherzigkeit und den Mut, neues Leben zu wecken. So wird das Leben oft nicht als Segen, sondern als eine Gefahr betrachtet, gegen die man sich verteidigen muß." (Farn. Cons. Nr. 6)

Die Kirche hat in den letzten Jahren zu diesen Fragen wiederholt Stellung bezogen, die aber weithin auf Unverständnis gestoßen ist. Wir müssen versuchen, auf die großen Intentionen zu schauen, die die Kirche dabei im Auge hat. Es geht um drei große Grundoptionen:

Die erste ist, ganz grundsätzlich eine positive Haltung zum Kind in der Menschheit einzunehmen. Es gibt ja in diesem Bereich einen merkwürdigen Wandel. Während in den einfachen Gesellschaften bis ins 19. Jahrhundert hinauf Kindersegen als der Segen überhaupt gilt, werden Kinder heute fast schon als Bedrohung aufgefaßt. Sie nehmen uns den Platz für die Zukunft weg, so denkt man, sie gefährden unseren eigenen Lebensraum. Hier ist es ein erstes grundsätzliches Bemühen der Kirche zu helfen, daß wieder die ursprüngliche, die wahre Sicht gefunden wird: Das Kind, der neue Mensch ist ein Segen. Gerade dadurch, daß wir Leben geben, empfangen wir auch selber Leben. Indem wir das tun, gehen wir aus uns selbst heraus, nehmen den Schöpfungssegen an und dies ist doch grundsätzlich für den Menschen gut.

Die zweite große Grundoption, die unsere Kirche erneut ins Blickfeld rücken möchte, ist der Zusammenhang zwischen Sexualität und Fortpflanzung, da wir heute eine früher ganz unbekannte Trennung zwischen beiden Elementen feststellen. Die Möglichkeit der Empfängnisverhütung ermöglichte die Abtrennung der Sexualität von der seelischen Seite des Menschen. Das Kind wird dann oft als etwas Geplantes und Gemachtes gedacht, das der Vernunftkontrolle unterliegt. Darum erinnert die Kirche in ihrem Weltkatechismus: "Das Kind ist nicht etwas Geschuldetes, sondern ein Geschenk. Das Kind darf nicht als Eigentum angesehen werden, so als könnte man ein .Recht auf das Kind' beanspruchen. In diesem Bereich besitzt einzig das Kind eigentliche Rechte: (...) ,das Recht, vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an als Person geachtet zu werden'." (KKK2378)

Der Zeitgeist - bestärkt durch neue Forschungsergebnisse - kann dazu führen, das Kind als ein Produkt zu begreifen, in dem man sich selber darstellen will. Aber beraubt man nicht somit im voraus das Kind seines eigenen Lebensentwurfes? Und das natürliche Miteinander von Frau und Mann ist dann Entwicklungen unterworfen, die wohl kaum als positiv gesehen werden sollten. Wenn die Kirche bei diesem Fragenkomplex der Empfängnisverhütung in solcher Deutlichkeit und Beständigkeit ihre Grundpositionen vertritt, möchte sie nur den Menschen in seinem Menschsein bewahren.

Die dritte Option in diesem Zusammenhang ist, daß man menschliche Probleme nicht einfach mit Techniken, mit Chemie lösen kann. Ein neuer Lebensstil ist notwendig, darum plädiert die Kirche für eine moralische Lösung. Unabhängig von der Empfängnisverhütung kann man heute eine beunruhigende Tendenz feststellen, die das Menschsein mit Technik bewältigen möchte. Christliche Anthropologie gibt da zu bedenken, daß es menschliche Urprobleme gibt, die nicht durch Technik gelöst werden können, sondern einen bestimmten Lebensstil und gewisse Lebensentscheidungen verlangen. Der Papst spricht gern von einer Kultur der Liebe.

Wenn wir diese Grundoptionen bedenken können, wäre es vielleicht leichter einzusehen, daß die Kirche mit ihren Einsprüchen zu Fragen der Empfängnisverhütung um das rechtverstandene Wohl des Menschen ringt. Die vielen konkreten Fragen, die sich für junge Familien ergeben können, gehören ins seelsorgliche Beratungsgespräch. Mit allgemeinen, ins Abstrakte gehenden Ausführungen ist kaum geholfen.

Die Kirche ist überzeugt, daß die echten Werte der Familie oft nicht leicht zu erlangen sind. Sie entschuldigt sich aber nicht. Sie lädt ein, wie die Propheten es oft getan haben, gegen den Strom zu schwimmen. Sie tut dies im Bereich des ganzheitlichen Schutzes für das menschliche Leben. Es wäre kein Dienst an der Wahrheit über den Menschen, wollte die Kirche, die ja Gottes Ordnung den Menschen darzulegen hat, sich des klaren Wortes enthalten.

Es ist richtig und wichtig, die persönliche Sphäre des Menschen, seine Ehe und Familie unbedingt zu schützen. Die Privatsphäre ist jedoch kein Verzicht auf das Urteil des rechtgebildeten Gewissens und keine Flucht vor Gottes Gesetz. Auch das privateste Tun des Menschen, selbst seine innersten Gedanken und Wünsche, muß sich vor Gottes Gesetz rechtfertigen. Privatsphäre und Intimität sind kein Freiraum für moralische Beliebigkeit. Das Gewissen des Menschen hat ein Grundrecht auf die göttliche Wahrheit, die uns anleitet, das Gute zu tun, um das ewige Leben zu erlangen.

Vielleicht sollte heute viel mehr um den Beistand der Gnaden des Ehesakramentes für unsere j ungen Familien gebetet werden, denn eine von Egoismus und Triebhaftig-keit gesättigte öffentliche Meinung, eine fragwürdige Familienpolitik und ein familienfeindlicher Wohnungsbau machen es der ehelichen Liebe bisweilen sehr schwer, sich in verantwortungsbewußter Fruchtbarkeit zu erfüllen.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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