Ermlandbriefe (4/1996)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 1996


Das Unvergängliche in unserer Zeit

Unsere Zeit als Aufgabe

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

"Seht euch vor und wacht! Denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist." (Mk 13, 33)

So hören wir am 1. Adventssonntag. Wir wissen nicht, wann der Tag des Herrn kommen wird. Aber er kommt, und für den einzelnen kommt er bald. Bis dahin ist Zeit der Arbeit, des treuen Dienstes. Es heißt, mit den Gaben, die wir haben, arbeiten, an dieser Arbeit reifen.

Zeit ist ein entscheidender Faktor modernen Lebens geworden, der den Menschen prägt und bestimmt. "Zeit ist Geld" - so lautet ein geläufiges Schlagwort. So ist es verständlich, wenn Betriebsamkeit, Hetze und Zeitnot das heutige Leben kennzeichnen.

Der Mensch kann über die Zeit nachdenken, sie verplanen und gestalten. Er weiß um ihren Wert, ihre Möglichkeiten und um ihre Begrenztheit. Zeit ist dem Menschen etwas Gegebenes und zugleich etwas Aufgegebenes. Sie ist ihm gegeben, daß er sie übernehme, mit ihr arbeite, sich und seine Welt ausgestalte und verwirkliche gemäß seinem Lebensziel. Zeit ist also für den Menschen der Raum zur Selbstentfaltung und Selbstgestaltung. Die einzelnen Augenblicke der Zeit vergehen zwar, aber das in ihnen Geschehene und Gewirkte bleibt. Im Vergehen der Zeit bildet sich das Bleibende als Überzeitliches heraus, als das, was die Zeit überdauert.

Hier aber bricht ein Geheimnis auf: Gerade im Vergänglichen der Zeit und durch es ereignet sich das Unvergängliche und kommt zum Ausdruck. In der Zeit und durch sie verheißt sich eine neue Dimension: die Ewigkeit. Welche Bedeutung hat also die Zeit für den Gott suchenden Menschen?

In der Zeit bildet sich der Mensch, schafft er etwas Bleibendes, über die Zeit hinaus Gültiges. Zum einen hinterläßt er seinen Nachkommen eine gestaltete Welt, zum anderen erwirbt er sich in seinen irdischen Vollzügen und durch sie eine bleibende Gestalt; d. h.: Innerhalb der christlichen Überzeugung, die ein Weiterleben des Menschen nach seinem körperlichen Tod lehrt, ist Zeit als Lebenszeit für den Menschen nicht etwas Letztes, nicht der höchste Wert menschlichen Seins. Dies ist vielmehr das "ewige Leben". In Anbetracht des ewigen Lebens ist Zeit nur etwas Vorläufiges. Und doch kommt der Zeit im Hinblick auf dieses eine wesentliche und entscheidende Bedeutung zu. Denn die Lebenszeit ist ja gerade der Raum, innerhalb dessen der Mensch - soweit es an ihm liegt - sich in der Freiheit und Verantwortung zu verwirklichen hat; d.h., er soll die in ihn gelegten Möglichkeiten - Jesus spricht von den Talenten - entfalten zu seinem eigenen Wohle und dem seiner Welt.

Wenn wir nun versuchen wollen, diese Einsichten in unseren persönlichen Alltag hinein zu konkretisieren, werden wir unsere "Talente" einsetzen, unseren Aufgaben nachgehen - je nach Beruf und Lebensstand - und so unseren eigenen Anteil am Gelingen der Schöpfungleisten. Mit der Gestalt aber, die wir uns durch unsere Lebensvollzüge, die Art und Weise, wie wir unser Menschsein mit Hilfe der Gnade Gottes verwirklichen, erwerben, treten wir am Ende der Zeit vor Gottes Gericht. Und hier werden sich die Worte Christi bewahrheiten: "Wer sein Leben zu gewinnen sucht, wird es verlieren; wer es aber um meinetwillen verliert, wird es gewinnen." (Mt 16, 25)

Mit anderen Worten: Nur wer Zeit und Zeitliches nicht egoistisch gebraucht und es zum Selbstzweck macht, sondern bereit ist, Gott und das Ewige in der Zeit zur Mitte seines Lebens zu machen, Gott und dem Mitmenschen Zeit seines eigenen Lebens zu schenken (Gebot der Gottes- und Nächstenliebe), wird das ewige Leben gewinnen. So wollen wir in dieser Zeit reifen und wachsam sein, um bereit zu sein, wenn der Hausherr kommt. (Mk 13,35)




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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