Ermlandbriefe (3/1996)
Katechismus-Ecke - Sommer 1996


Der Wert des Menschen

Christliche Verantwortung

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Wenn wir die Einladung des Heiligen Vaters zur Neuevangelisierung Europas beherzigen wollen, wäre das erneuerte Leben nach einer rechten Wertordnung gewiß ein guter Beitrag. Das hieße dann den Menschen und sein Leben richtig sehen und im Alltag deutlich machen.

Von einer rein chemischen Betrachtungsweise her gesehen, hätte ein Mensch angeblich folgenden Wert: Das Eisen im Blut reiche für sieben Nägel, der Kalkgehalt zum Streichen eines Zimmers, der Phosphor für die Herstellung einer Streichholzschachtel. Ob seriöse wissenschaftliche Untersuchungen das bestätigen, soll hier dahingestellt bleiben. Wenn aber so eine Schau die richtige wäre, dann hätten schließlich jene Unmenschen der KZ recht, die Häftlinge zu Seife verkochten.

Eine Ehe als Lebensgemeinschaft, die nur auf guter finanzieller Basis aufgebaut wäre, um späteren Luxus zu garantieren, wäre menschenunwürdig, ein Unrecht an der Person. Eine gute Finanzgrundlage ist gewiß wichtig, wenn sie aber das erste und das einzige ist, dann kann von einer menschenwürdigen Lebensgemeinschaft nicht die Rede sein.

Man kann vor der Ehe gegen die Finanzen gleichgültig sein, dafür von der Schönheit der anderen Seite ganz eingenommen sein. Und natürlich hat so ein Gefühl sein Recht. Zur ehelichen Gemeinschaft gehört das Sinnliche. Aber wenn es nur dies ist, dann ist das zuwenig. Der andere wird zum Genußmittel.

Über dem Materiellen und Vitalen muß das Geistliche stehen. Liebe sollte beim Menschen aus dem Herzen, also aus dem Geist kommen, sie muß den anderen meinen als das geliebte "DU", nicht nur als Versorgungsgarantie oder als Geschlechtswesen. Solche geistige Liebe aber kann, was Nutzdenken und Erotik nicht können, sie kann opfern, Zucht halten, treu bleiben, dienen, verzichten und darum auch glücklich machen.

Für den Christen ist das noch nicht das Letzte. Es gibt für ihn noch die Gnade, von der aus alle diese Werte geformt werden. Denn der Christ kann sein Ja zu einem anderen Menschen immer nur als Getaufter sprechen, also als Glied der Kirche Christi, in dem durch den Hl. Geist die Liebe Gottes lebendig ist. Die Liebe Christi zu seiner Kirche wirkt in die menschliche Gemeinschaft hinein, sie überformt alle Fähigkeiten des menschlichen Herzens und gibt ihm die Kraft zur Hingabe und Selbstlosigkeit, zu der unbeirrbaren Treue.

In einer christlich verstandenen und gelebten Ehe wird die rechte Verantwortung deutlich. Alles hat seinen Platz. Es tut gut, diesen Stufenbau der Werte einmal wieder klar vor Augen zu halten. Das behütet uns davor, die Wertmaßstäbe des Unglaubens zu übernehmen und so mit allen um das goldene Kalb des Nutzens oder Genusses zu tanzen.

Nun, die richtige Wertordnung sehen - schon, aber unsere eigene Schwäche und Bequemlichkeit wehren sich dagegen. Der Einfluß unserer Umwelt tut das Seine. - So müssen wir feststellen, daß die rechte Ordnung seit der Erbsünde nicht ohne Kampf durchzusetzen ist. Denn die ursprüngliche Harmonie ist verloren. Das kostet Mühe. Was ist zu tun?

Unsere Schwäche und Versagen sollten uns nicht dazu verleiten, einen Wert zu leugnen. Es kann z. B. sein, daß man sich an das Lügen gewöhnt hat wie an das Atemholen. Da wird man dann trotz aller guten Vorsätze nicht mit einem Ruck aus seiner Verlogenheit herauskommen. Man wird immer wieder rückfällig werden. Aber verloren ist erst der Kampf, wenn ich mir einrede, es käme gar nicht auf die Wahrheit an. Dann habe ich aus dem Versagen Recht gemacht, dann habe ich einen sehr hohen Wert geleugnet. Es muß immer wieder heißen: Wahrheit ist ein großer Wert, ich muß wahrhaftig werden, mein Lügen ist Versagen, ist falsch.

Das reicht aber nicht aus. Auch das Ja zu einem Wert sollte geübt werden. Wenn ich feststelle, daß ich dem Genuß zuviel Raum gebe, dann bleibt nichts weiter übrig als die Übung des Verzichtes. Ob es sich dabei um Essen, Trinken, Kleidung, Lektüre, Film oder sonst etwas handelt: wo es zu mächtig in meinem Leben wird, muß ich Verzicht üben. Aber das allein macht unfroh. Auch das Wertvolle sollte man gleichzeitig üben, um zum Genuß höherer Werte zu kommen: zum gutenBuch, zu guter Musik, zu einem gepflegten Gemeinschaftsleben, zur wirklichen Mitfeier der Liturgie. Ein Leben in der rechten Wertordnung! - Anders formuliert: Ein Leben im Geist des Evangeliums soll uns zur seligen Schau Gottes hinführen.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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