Ermlandbriefe (2/1996)
Katechismus-Ecke - Ostern 1996


"Was soll das bedeuten?"

Geheimnis des Anfangs

Von Pfarrer Siegfried Liedmann

Am Pfingsttag fragten die versammelten Menschen, betroffen und bewegt von den Vorgängen im Haus der Apostel: "Was soll das bedeuten?" - Auf diese Frage hin ist Petrus mit den übrigen Aposteln öffenlich aufgetreten. Man darf also sagen, nicht die Apostel haben den ersten Schritt zur Ausbreitung des Evangeliums getan, sondern die Menschen mit ihrer provozierenden Frage: "Was soll das bedeuten?" Die erste Predigt, die Petrus gehalten hat - es war die erste christliche Predigt überhaupt -, war also kein geplanter, wohl vorbereiteter Auftritt, kein kühner Vorstoß der Kirche in die Öffentlichkeit, sondern schlicht eine Antwort auf eine Frage. Und die Frage wurde gestellt von Menschen, die von den Vorgängen betroffen und bewegt waren, die sie in der jungen Christengemeinde beobachteten. Die vom Geist erfüllte Gemeinde redet, wie die Apostelgeschichte sagt, von Gottes Großtaten, sie erzählt, was Gott ihr getan hat und tut.

Pfingsten war somit nicht so sehr ein Aufbruch der jungen Kirche in den Kampf für Gottes Reich, sondern eine tiefe Erschütterung in ihrem Innern. Sie vertrauten dem Wort des Herrn: "Ihr werdet Kraft empfangen, indem der Heilige Geist auf euch kommt" (Apg. 1,8). Und so ließen sie sich überwältigen von der "Kraft", von dem, was sie nicht kannten, was größer war als sie und für das sie keine Worte fanden. Weil sie ganz nach innen gesammelt waren und so sich vom Geist Gottes ergreifen ließen, deshalb sprangen die Funken nach außen über. Das ist die Innenseite des Pfingstgeschehens, nämlich das gesammelte, geduldige, geöffnete Erwarten des bestärkenden und erleuchtenden Geistes. So innerlich erfüllt und bewegt - da war plötzlich was los -, konnte nun die junge Gemeinde der bestürzten Umgebung mit Erfolg Rede und Antwort stehen. "Als sie das hörten, durchschnitt es ihr Herz" (Apg. 1,37).

Wenn das im Anfang so fruchtbar war, sollte es vielleicht auch heute noch gelten überall dort und in welcher Wei se das Wort Gottes weitergegeben wird, ob von Priestern, Lehrern oder Eltern, offiziell oder beiläufig in einem Gespräch? Nur als Antwort auf eine Frage geht das Wort Gottes den Menschen durchs Herz. Eine Kirche, in deren Mitte sich nichts regt, predigt in den Wind, auch wenn sie noch so viele Zeitungsspalten und Sendezeiten zur Verfügung hätte.

Eine Kirche, eine Kirchengemeinde, eine glaubensfrohe Familie, ein einzelner Christ sind durch die Art ihres Lebens, durch das, was sie umtreibt, ihrer Umgebung ein Rätsel und eine Frage. Sie haben leicht predigen. Sie brauchen nur wie Petrus zu erklären, woher das kommt, was da den anderen auffällt.

Nach dem Zeugnis der Schrift sind zwei Elemente nötig, um zum Glauben zu gelangen: die Begegnung mit Christus als dem Mittler des Glaubens und die Gnade Gottes, das Wirken des Heiligen Geistes. Wenn es heute Glauben an Gott geben soll, muß beides auch heute sich ereignen.

Da es aber keine direkte Begegnung mit Jesus Christus gibt, muß sie durch die Kirche ermöglicht werden. Die Glaubenden sind es, die durch das Zeugnis ihres Glaubens denen, die noch nicht glauben, die Glaubensentscheidung ermöglichen können.

Weil unser Glaube nicht in erster Linie in einer Theorie besteht, sondern in der Praxis, müssen wir unseren Glauben mit dem Leben bezeugen. Es genügt nicht, wenn wir davon sprechen.

Um unser Handeln zu erklären, ist das schon wichtig. Zuerst muß aber die Glaubenspraxis kommen. Es muß vor allem sichtbar werden, daß wir erlöst sind von der Bedrohung durch Angst und Einsamkeit, daß wir fest hoffen auf eine Fülle des Lebens, die es sonst gar nicht gibt. Daß wir imstande sind, unser Leben trotz aller Last als sinnvoll anzunehmen, daß wir die Hoffnung auf eine Vollendung unseres Lebens nicht aufgeben. Und das alles versuchen wir zu tun in einer gelösten Zuversicht und heiteren Gelassenheit, die aus dem Vertrauen auf die Zusage Gottes stammen. Daher leben die wirklich Glaubenden in einer Grundhaltung der Freude, in einem positiven Annehmen des Lebens trotz aller Probleme und Schwierigkeiten.

Zu diesem Zeugnis der Hoffnung muß das der Liebe kommen: sowohl der Liebe zu Gott als auch der Liebe zu den Mitmenschen. Da das religiöse Weltbild heute immer mehr schwindet, können alle Äußerungen der Liebe zu Gott zuerst auf Unverständnis stoßen. Daher ist die praktizierte Nächstenliebe für die Bezeugung des Glaubens so wichtig. Das liegt ganz im Sinne Christi: "Daran sollen alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, daß ihr einander liebt" (J. 13,35). Das entscheidende Zeugnis für unseren Glauben muß also die Liebe aus dem Glauben heraus sein, die wir untereinander zu verwirklichen suchen und den Menschen rundherum anbieten: das Verzeihen, die Gerechtigkeit, den Frieden, die Freundschaft und die Treue.

Eine so geprägte Gemeinde, eine Familie (vielleicht eine Ermlandfamilie) oder ein einzelner könnte dann auch zu der eingangs erwähnten Frage provozieren: "Was soll das bedeuten? Wie ist das möglich?" - Unsere Antwort wäre ein beglückendes Bekenntnis. Vielleicht auch ein bescheidener Beitrag zur angemahnten Neuevangelisierung.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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