Ermlandbriefe (4/1994)
Katechismus-Ecke - Weihnachten 1994


Von den letzten Dingen (4)

Die ewige Zukunft

Von Pfarrer Dr. Claus Fischer

Ich glaube an das Leben der zukünftigen Welt

Wie ein mächtiges Finale klingt in den Orchestermessen der Schluß des Credo auf: Ausdruck von Leben in die Zukunft. Viele Menschen verhalten sich heute so, als ob sie keine Hoffnung mehr hätten. Ihnen fällt es schwer, nach dem Verlust eines lieben Menschen durch Tod oder Trennung, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes, nach dem Scheitern um Versöhnung im nächsten Kreis, eine neue Perspektive für ihr Leben zu finden. Im Reich der Politik wird der Traum von etwas Neuem, von Gerechtigkeit, Frieden und von Lebensrecht für alle mehr und mehr nach mißglückten Versuchen von der Tagesordnung gestrichen. An seine Stelle tritt der Begriff der Zukunft. Von ihr läßt sich natürlich schwerlich bestreiten, daß sie kommt. Doch auf die Frage nach dem Wie, Was und Wann antwortet die inhaltlose Rede von der Zukunft mit bloßem "daß" sie eben kommt, mehr nicht. Auch in anderen Bereichen - im Umgang mit den Fremden und früheren Gegnern und mit Gewalttätigkeit, hat die alte Einstellung, die schon immer zu Tod und Zerstörung geführt hat, wieder Hochkonjunktur.

Auf dem Hintergrund solcher Enttäuschungen klingen die Worte des Christus aus der Offenbarung des Johannes schon fremdartig: "Siehe, ich mache alles neu!" (Offenb. 21,5)

ER verheißt einen neuen Himmel und eine neue Erde. Menschheit und Welt sind also nicht einem Untergang ins Nichts ausgeliefert, sondern gehen einer positiven Vollendung entgegen. Einen Hinweis darauf sieht der bedeutende Theologe und Ar-cheologe aus dem Jesuitenorden Teilhard de Chardin in der Entwicklung von Lebewesen - auch des Menschen - zu immer höheren Lebensformen im Lauf von Jahrmillionen. Für ihn läuft diese Entwicklung auf das Bild Christi hinaus. Denn "Alles ist durch IHN und auf IHN hin erschaffen" (Kol. 1,15). - Wenn der letzte Mensch im jüngsten Gericht vor Christus tritt, ist die Zeit in die Ewigkeit übergegangen, und der Raum der Schöpfung weitet sich in Gottes unfaßbare unbegreifliche Unendlichkeit hinein. Dann ist die Menschheit und die von ihr (miß)gestaltete Welt aufgehoben in doppeltem Sinn:

1. So wie bisher existiert sie nicht mehr. Jesus spricht von einer kosmischen Katastrophe (Mk 13,1-39). Die alte Welt geht unter durch Feuer (2. Petr 3,7). Die Gestalt dieser Welt vergeht (1 Ko 7,31).

2. Unsere bisherige Welt wird (hin)auf-gehoben in die Verwandlung der Menschheit, wenn Paulus schreibt: " Ich bin überzeugt, daß die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes. Auch sie soll von der Sklaverei (an den Menschen) befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes." (Rom 8,18-22). Menschheit und Schöpfung stehen nach der Verwandlung des Jüngsten Tages nicht mehr unter der versklavenden Macht des Egoismus - der Sünde: wodurch der Mensch an der Natur und seinesgleichen frevelte und die Natur durch Katastrophen zurückschlug.

"Das sichtbare Universum ist somit ebenfalls bestimmt, umgewandelt zu werden, damit die Welt nunmehr unbehindert im Dienst der Gerechten stehe und so teilhabe an ihrer Verherrlichung in Jesus Christus." (Katechismus Nr. 1047).

Dann teilt sich GOTT den Auserwählten mit - unerschöpflich in seinen Gedanken und in den Taten seiner schenkenden Liebe - im Bild einer nie versiegenden Quelle von Leben, die alle Tränen aus den Augen wischt (Offenb. 7,17): eine Quelle von Glück, Frieden und Gemeinschaft.

Die Wirklichkeit des neuen Himmels und der neuen Erde bleibt unseren Sinnen jetzt noch verborgen. Doch der Seher von Patmos schaut in einer Vision das neue Miteinander von Menschheit und Schöpfung: "Dann sah ich den neuen Himmel und die neue Erde. Ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem von Gott her aus dem Himmel herabkommen. Dann hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen. ER wird in ihrer Mitte wohnen. Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der HERR ist ihr Tempel und das Lamm (Christus). Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm." (Offenb. 21,1-4; 22).

Im Bild der himmlischen Stadt Gottes leuchtet auf ein angstfreier Raum der Sicherheit, wie von Mauern geschützt und doch wieder offen durch die Tore als Zeichen für Kontakte miteinander und mit der Schöpfung draußen. Und GOTT lebt mitten unter ihnen wie im Paradies - in der neuen Schöpfung. Deshalb brauchen sie keinen Tempel mehr. Von IHM strahlt es aus wie von einer Sonne: Geborgenheit, Friede, Wärme und Wachstum von innen. Von SEINEM Lichtglanz wird das Leben der Auserwählten verklärt, durchsichtig: man durchschaut sich selber auf seine erlösten positiven Seiten hin. Man durchschaut auch einander. Diese Verbundenheit mit Gott in der Person Christi (des Lammes) können wir mit unserer Vorstellungskraft nicht beschreiben, weil sie jenseits unserer Erfahrungsgrenze liegt. Jesus selber gebraucht in seinen Gleichnissen vom Reich Gottes das Bild vom himmlischen Hochzeitsmahl (Mt 22,8), wenn ER Hochzeit hält mit der erlösten Menschheit.

Dort ist unser Leben wirklich ein Fest. Wir erleben die Menschheit aller Zeiten und Rassen als Welt-Familie wie an einem Tisch ohne trennende Gegensätze. Die fast unendliche Zahl der Miterlösten und der persönliche Kontakt mit ihnen ermüdet nicht mehr. Schon auf Erden können wir erleben: Menschen entfalten sich am besten, wenn sie für möglichst viele offen sind zum Gespräch und sich für sie einsetzen können. Das gilt erst recht in der Ewigkeit. Dann werden wir ein Miteinander in der Gerechtigkeit erleben, die von Gott kommt, der Quelle des Lebens und aller Ordnung -eine Gerechtigkeit, die auf Erden nicht zu erreichen war wegen der Ungleichheit, Unfähigkeit und Unwilligkeit der Menschen.

Dann bringt die Sonne des Heiles Jesus Christus, der alle Gegensätze aufdeckt und klärt, Licht in das einstige Dunkel menschlicher Unheilsverflochtenheit und verklärt es im Glanz seiner Herrlichkeit, in der er sich als Herr erweist. Dann ist uns die Freiheit der für immer Versöhnten geschenkt. Gesetze sind dann überflüssig, denn dankbare Liebe wird das Maß menschlichen Tuns sein. - Dann ist uns ein Heil geschenkt, das wir hier im Glauben geahnt haben. Seine Bruchstückhaftigkeit wird aufgehoben in ein Leben ohne Leid: "Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen." (Offenb. 21,4).

Dann ist uns ein Leben geschenkt in der Fülle eines ewigen "jetzt" - keine Grenzen mehr von Rassen und Jahrhunderten: ein Miteinander in der Harmonie, die aus der erlebten Verbundenheit mit Christus stammt. In der Ewigkeit setzt sich das Nacheinander der Zeit nicht mehr fort in die Zukunft. - Ewigkeit, das ist auch nicht so, als ob alles so bleibt, wie es im Augenblick der Weltverwandlung ist, wie etwa ein zum Foto erstarrtes Bild aus einem Film. In der Ewigkeit ist die ganze abgelaufene Zeit der Welt und unseres Lebens mit all seinen Hintergründen aufgehoben in die Endgültigkeit und durchsichtig dann auch für uns, - und das nicht in einem Augenblick, sondern immer tiefer, befreiender, umfassender, beglückender. Hier versagen einfach die Worte! - Eine mittelalterliche Legende erzählt von einem Mönch, der es nicht fassen konnte, sondern meinte: im Himmel müßte es doch langweilig sein: immer bloß Halleluja singen und Palmen schwingen! Von ihm heißt es: Tief versunken geht er durch einen Wald. Da hört er eine Nachtigall singen. Während erlauscht, hatte er die Zeit nicht mehr gespürt. Auch wir können Ähnliches erleben: wenn ich intensiv, sensibel hingebend, ganz dabei bin, wenn ich bewundere und liebe, zählen die Stunden nicht mehr. Die Zeit vergeht wie im Flug. Da gibt's schon einen Vorgeschmack der Ewigkeit: Friede ohne Abend. Gerade die verschiedenen Bilder in der Offenbarung des Johannes für das ewige Leben, die hier schon erwähnt wurden, legen eine abwechslungsreiche Fülle dar. Jedes Bild kann einen Aspekt der neuen Wirklichkeit andeuten.

Unser irdisches Leben und Schaffen prägt unsere ewige Zukunft mit. Denn die Ernte unseres einstigen Lebens wird dann in die Scheunen der Ewigkeit eingefahren (Mt 13,30) - z. B. daß ich früher neben jemand wohnte, den ich betreute -jemandem einmal geholfen habe mit einem Becher Wasser (Mt 25,35). Da gibt es viele Gefälligkeiten, die wir anderen erwiesen haben oder sie uns - da haben wir uns engagiert für ein gutes Betriebsklima, doch ohne Gegenliebe. Dann gilt das Wort des Richters und Retters Christus: "Was du einem meiner geringsten Brüder (und Schwestern) einst getan hast, hast du mir getan" (Mt 25,40) - mir jetzt hier in der Ewigkeit. Was du auf Erden spontan in sorgender Liebe hergegeben hast, geht mit ins ewige neue Leben. - Denn: "Selig die Toten, die im Herrn sterben, ihre Taten gehen mit ihnen." (Offenb. 14,13). Was Menschen einst einander getan oder empfangen haben, wird in der neuen Welt bleibende Gegenwart, -doch nicht in der Weise, daß die Mühen und Strapazen oder die eigene Schwäche und das Versagen so in dieser menschlichen Getrochenheit bleiben. Bei der Verwandlung ins neue Leben werden meine Schmerzen und Enttäuschungen, die aus der Schuld kamen, verwandelt durch die reinigende Begegnung mit dem lebendigen Gott. Doch nicht nur mein Tun und Lassen im Diesseits bestimmen den Verlauf meines neuen Lebens, sondern erst recht die Beziehungen zur neuen Menschheit in der neuen Welt.

"Dennoch darf die Erwartung der neuen Erde die Sorge für die Gestaltung dieser Erde nicht abschwächen, wo die neue Menschheitsfamilie wächst, die schon eine umrißhafte Vorstellung von derneuen Welt bieten kann, sondern muß sie vielmehr ermutigen. Deshalb hat der irdische Fortschritt, obwohl er eindeutig vom Wachstum des Reiches Christi zu unterscheiden ist, dennoch große Bedeutung für das Reich Gottes, insofern er zu einer besseren Ordnung der menschlichen Gesellschft beitragen kann." (Katech. Nr. 1049).

"Wenn wir nämlich die Güter der menschlichen Würde, geschwisterlichen Gemeinschaft und Freiheit - dies alles sind ja Güter der Natur und Früchte unseres Bemühens - im Geiste des Herrn und gemäß seinem Gebot auf Erden gemehrt haben, werden wir sie später wiederfinden, jedoch gereinigt von jedem Makel, lichtvoll und verklärt, wenn Christus dem Vater ein ewiges und allumfassendes Reich übergeben wird. Dann im ewigen Leben wird Gott sein: ALLES IN ALLEN.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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