Ermlandbriefe (3/1994)
Katechismus-Ecke - Sommer 1994


Von den letzten Dingen (3)

Der Jüngste Tag

Von Pfarrer Dr. Claus Fischer

Vom Himmel wird Er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

So bekennen wir im Glaubensbekenntnis Sonntag für Sonntag in der Hl. Messe. Doch erwarten wir Christi Wiederkunft zum Jüngsten Gericht wirklich — und ein ewiges Leben als erfüllte Menschen? Wenn wir den Statistiken glauben, halten viele Christen, auch Kirchgänger, also auch Ermländer, diese Glaubensaussage für eine unsichere, unwichtige Sache. Die Erwartung des Weltendes mit der Wiederkunft des Herrn spielt keine praktische Rolle in unserem Leben. Wir überlassen sie gern den Sekten. Das hat etwas mit unserem Gottesbild zu tun und Seinem Verhältnis zur Welt. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, daß Gott wirklich in die Geschicke der Welt und des Menschen eingegriffen haben soll oder noch eingreifen wird, sei es in biologische oder physikalische Vorgänge. Wir meinen, außer uns Menschen handelt niemand in der Welt. Deshalb erwarten wir auch von niemandem etwas, außer von uns selbst. Dabei wissen wir uns abhängig von den Gesetzen der Natur und der Weltgeschichte. Wenn wir aber keine Hoffnung auf einen Sinn der Schöpfung und der Menschheit in ihr haben, ist das die Folge unseres Glaubensdefizites an einen lebendigen Gott. Hinzu kommen noch weitere Schwierigkeiten mit unserer Hoffnung auf eine endgültige Auferstehung: Wie soll ich mir eine ewige Gerechtigkeit und ein ewiges Miteinander der Menschheit vorstellen? Was ich mir aber nicht vorstellen kann, bleibt bedeutungslos. Schließlich ist unser Dahinleben mühsam genug. Dann erscheint schon der Gedanke an Endlosigkeit als Verdammnis zur Langeweile — eine Zumutung für Menschen unserer Tage.

Und doch können wir uns nicht einfach damit abfinden, daß die Starken immer recht haben und die Schwachen unterdrücken. Da regt sich in uns Unmut, wenn Unschuldige so entsetzlich leiden müssen und die Mächtigen sich heraushalten, daß aber den Bösewichtern alles Glück der Welt in den Schoß zu fallen scheint. Das innere Verlangen nach Gerechtigkeit kann uns nicht genommen werden. Wir erwarten weiter, daß die Wahrheit recht bekommt, daß sinnloses Geschwätz, Grausamkeit und Elend aufhören. Wir verlangen danach, daß das Dunkel der Mißverständnisse, die uns entfremden, aufhört — daß wirklich Liebe und Vertrauen möglich werden, die uns aus dem Kerker der Einsamkeit befreien, die uns öffnen für die Nöte und Sorgen der anderen. Wir könnten auch sagen: Wir verlangen nach Glück. Genau das ist gemeint, wenn wir Jüngstes Gericht und Auferstehung der Toten bekennen. Das ist nicht eine endlose Abfolge von Augenblicken nacheinander, und wir brauchen nicht Langeweile und Angst vor dem Unbeendbaren zu überwinden. Ewigkeit ist eine neue Dichte von Leben, wo alles Erlebte in das "Jetzt" einer erfüllenden Liebe zusammenfließt — das "Verweile doch — du bist so schön". In unserem normalen Alltag ist jeder Augenblick zu kurz, weil mit ihm das Leben selber entflieht, ehe wir es festhalten können. Zugleich aber ist jeder Augenblick zu lang, weil uns die stupiden Tätigkeiten zu eintönig werden. — Damit wird auch deutlich, daß ewiges Leben nicht einfach das ist, was nach dem Tod eintritt und wovon wir uns jetzt überhaupt keine Vorstellung machen können. Unser ewiges Leben kann schon jetzt mitten im Alltag mit seiner zerfließenden Zeitlichkeit als das überraschend Unerwartete, Neue, Andere und Größere gegenwärtig sein, wenn auch nur bruchstückhaft und unfertig. Das ewige Leben ist schon da, mitten im Jetzt und Hier, wenn uns das in stiller Zwiesprache mit Gott gelingt. Wie eine große Liebe kann es uns durch keine Krise entrissen werden. Es ist die unzerstörbare Mitte, aus der Mut und Zuversicht hervorgehen können, selbst wenn Unlust, Schmerz uns niederdrücken.

Mitten in der Zeit das ewige Leben, das ist der erste Anruf unseres Glaubensartikels vom Gericht und vom ewigen Leben. Denn Gott lebt schon hier mit uns in seinem Sohn Jesus Christus. — In seiner Person rückt der unnahbare Gott uns nahe, zeigt sein liebendes Gesicht. Seit Gottes Sohn in Jesus von Nazareth Mensch wurde, begegnet uns Gott in einem Menschen, tritt die Ewigkeit in unsere Zeit. Seither kann auch ich auf Gott zugehen in der Art, wie ich Menschen begegne. In Christus haben Schöpfung und Menschheit ihre tragende Mitte. (Kol 1,18). So bekennen wir: Er wird wiederkommen zu richten die Lebenden und die Toten. Unsere Welt wird vergehen: davon gehen die Naturwissenschaftler aus. Doch das Evangelium (Lk 22,26ff) offenbart uns im Weltuntergang die Wiederkunft Christi und lädt uns ein, vertrauensvoll aufzuschauen auf unseren Richter und Retter. Wie mein Tod, so birgt auch der Weltuntergang neues Leben.

Und der Grund unserer Hoffnung: Christus ist uns schon vorher begegnet. Daran erinnert er uns bei seiner Wiederkunft, wenn die Völker aller Länder und Zeiten vor Ihm versammelt werden zum Endgericht. Maßstab für mein Urteil wird sein: (Mt 25,31 ff) "Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Dann werden sie ganz erstaunt fragen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben? Dann wird Er antworten: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder (und Schwestern) getan, das habt ihr mir getan." — In den Menschen, die eine Not leiden und denen wir helfen, begegnen wir Christus selber, dem Richter und Retter. In den Taten meiner Liebe bin ich bereits hineingenommen in sein prüfendes und rettendes Gericht. In solchen Begegnungen aufrichtenden Miteinanders leuchtet schon die Ewigkeit in unsere Zeit.

Jetzt löst sich ein scheinbarer Widerspruch: Wie kann ich in meinem Tod vor meinen Richter und Retter treten und von ihm ins ewige Leben auferweckt werden, wenn doch das endgültige Gericht erst am letzten Tag dieser Welt geschieht? — Dann, wenn die Toten und die dann noch auf Erden Lebenden auferweckt werden zum ewigen Leben? — Die Antwort lautet: Der jüngste Tag und das letzte Gericht haben bereits begonnen mit dem Auftreten Jesu, seinem Evangelium von der Umkehr und der Nähe des Gottesreiches. In seiner Person, wie er auf Menschen zugeht, die keine Chance mehr haben, kommt das ewige Leben in die Welt. — Gerade im Johannesevangelium spricht Jesus vom Gericht und vom ewigen Leben. "Ich sage euch: wer mein Wort annimmt und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben. Er kommt nicht ins Gericht" (Jo 5,25) und weiter in V 29: "Die Stunde kommt, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und herauskommen werden. Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, zum Gericht." — Als Jesus am Palmsonntag in Jerusalem einzieht, spricht er: "Jetzt ist die Stunde gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht wird" (Jo 12,23) und weiter: "Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt. Jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde" (Jo 12,31-33). Auch im Matthäus-Evangelium werden schon im Zusammenhang von Tod und Auferstehung Jesu die Anzeichen seiner Wiederkunft geschildert: die Sonne verfinstert sich, die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden, das Zeichen des Menschensohnes erscheint (Mt 24,29-30). So umrahmt den Tod des Herrn eine fast gleiche Beschreibung: eine Finsternis herrscht im ganzen Land — die Erde bebt, Felsen spalten sich. Die Gräber öffnen sich, und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt. Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. — In der Erhöhung und Verherrlichung Jesu durch Tod in die Auferstehung geschieht schon "Jüngster Tag": Jesus zieht alle an sich, erweist sich als der Herr und erweckt die Toten zum neuen Auferstehungsleben, wenn es%von ihnen wie bei Jesus nach Seiner Auferstehung heißt: "und sie erschienen vielen" (Mt 27,52-53). - Und Petrus verkündet am Pfingsttag die Sendung des Hl. Geistes mit Worten aus dem Propheten Joel als den Tag des Gerichtes, an dem die Auferstehung Jesu vor aller Welt verkündet wird, wie dann einst am Jüngsten Tag vor allen Völkern aller Zeiten (Ap 2,2,17 ff). Nach der Verkündigung der Kirche in der Heiligen Schrift hat der Jüngste Tag mit der Verkündigung Jesu: "Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe", in seiner Erhöhung und Verherrlichung am Kreuz, in seiner Auferstehung und Geistsendung bereits begonnen. Durch die Taufe sind wir schon hineingenommen in das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung (Rom 6,3), haben wir schon die "Anzahlung auf die Herrlichkeit" (2 Ko 1,22) empfangen. Gott "hat uns mit Christus auferweckt (im Glauben) und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben — Gott hat es uns geschenkt" (Eph, 2,6).

Meine Entscheidung für Christus — das Gericht — wird für mich persönlich abgeschlossen im Tod. Der Jüngste Tag wird abgeschlossen sein für die Menschheit, wenn der letzte Mensch in seinem Tod vor Christus tritt. Dann ist die Menschheit um Ihn versammelt und Er erweist sich als Herr aller Völker, Menschen und Zeiten: das Finale der gesamten Menschheitsgeschichte. Diesen Tag der Wiederkunft des Herrn brauchen wir deshalb nicht zu wissen, wie einige Sekten es gerne möchten; denn der "Countdown" des Jüngsten Tages läuft schon. Auch brauchen wir uns nicht durch eine Wiedergeburt in ein anderes irdisches menschliches oder untermenschliches Leben verwirren zu lassen (New Age). Jesus spricht nur von der Wiedergeburt aus Gott in Taufe und persönlicher Bekehrung. Wir behalten in der Ewigkeit unsere persönliche Identität. Erwarten wir im Alltag die Wiederkunft des Herrn: von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Er kommt in den Menschen, in denen er unsere Hilfe, ja uns selber braucht. Er kommt in seinem (auflichtenden Wort, das uns bei unseren Entscheidungen begleiten und motivieren möge. Er kommt im eucharistischen Mahl, bei dem wir uns schon einüben für das himmlische Gastmahl ... bis du kommst in Herrlichkeit.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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