Ermlandbriefe (2/1994)
Katechismus-Ecke - Pfingsten 1994


Von den letzten Dingen (2)

Das Gericht

Von Pfarrer Dr. Claus Fischer

Dem Menschen ist es bestimmt, ein einziges Mal zu sterben. Dann folgt das Gericht (Hebr 27).


"Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er in seinem irdischen Leben getan hat" (2 Kor 5,10).

Wie stellen wir uns dieses Gericht vor, das jeden Menschen nach seinem Tod erwartet? Viele denken vielleicht an einen Richerstuhl, vor dem der Verstorbene erscheint, damit Gott über ihn das Urteil fällt. Andere sehen vielleicht ein aufgeschlagenes Buch, indem alle unsere Lebensdaten aufgezeichnet sind. — All das veranschaulicht uns nur, daß der Mensch Rechenschaft über sein Verhalten abzulegen hat. Anders ausgedrückt: Das Unrecht behält nicht das letzte Wort. Es gibt eine Instanz, vor der ich mich nach dem Tod zu verantworten habe.

Vor allem betont die Heilige Schrift, daß Gott den Menschen wirklich retten will und kein Interesse daran hat, ihn zu verurteilen. "So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3,16). Ob der Mensch also sein Lebensziel erreicht, hängt von ihm ab. Im Augenblick des Todes kommt der Mensch zu einer umfassenden Selbsterkenntnis, ohne sich selbst täuschen zu können. Jede Einzelheit und auch das aus all seinen Entscheidungen zusammengewobene Ganze des Lebens liegt offen vor ihm. In dieser Zusammenschau sieht der Mensch, was er Gutes und was er Böses getan hat. So ist dieses Gericht zunächst einmal ein Selbstgericht. Darin geschieht zugleich auch Gottes Gericht. Denn der Mensch erkennt ja dann viel klarer Gott und seinen Anspruch. Die Bibel erklärt übrigens, daß es nicht erst nach dem Tod zum Gericht kommt, sondern schon jetzt im Leben. Die guten bzw. schlechten Früchte am Baum unseres Lebens wachsen schon jetzt (Mt 12,33 ff.). Das Urteil, das ich durch mein alltägliches Verhalten fälle, wird jenseits des Todes bestätigt. Gottes Gericht ist nur seine Unterschrift unter meine Gewissensentscheidungen.


Gibt es ein Fegefeuer?

Die volkstümliche deutsche Übersetzung "Fegefeuer" (von fegen = reinigen) ist mißverständlich, da die Vorstellung von quälenden Flammen irreführend ist. Das lateinische Wort heißt "purgatorium", was so viel wie Läuterung bedeutet. Von Feuer ist da nicht die Rede, wenn wir uns auf die zutreffende Schriftstelle beziehen: "Eines jeden Lebenswerk wird offenbar werden. Jeder Tag wird es sichtbar machen, weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt. Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muß er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch" (1 Kor 3,13-15). Paulus spricht da also von einer Reinigung "wie durch Feuer hindurch". Er will seine Schilderung durchaus bildhaft verstanden wissen. Was hat das aber mit unserem Leben zu tun?

Viele wissen, wie schwer es fällt, das Rauchen oder andere Angewohnheiten aufzugeben. Selbst wenn ich davon losgekommen bin, bleibt der Hang dazu bestehen. Psychotherapeuten sprechen von der "unbewältigten Vergangenheit". Es gehört zu den harten Tatsachen unseres Daseins, daß wir unter den Folgen unseres Tuns leiden. — Das gilt auch für unser Verhältnis zu Gott. Ich stelle mich auf ihn ein, versuche, aus dem Glauben heraus mein Leben zu gestalten. Aber diese grundsätzliche Entscheidung hat dann noch lange nicht den ganzen Menschen mit seinen spontanen Reaktionen erfaßt. Zwar begehe ich keinen Mord oder Raub, doch eine kleine Lüge oder ein verletzendes Wort nehme ich nicht so ernst: So bleiben mein Glaube und meine Liebe allemal hinter dem zurück, was ich sein könnte. Diese Unfertigkeit muß mir zu schaffen machen, wenn ich sterbe und dem "durchdringenden Blick" Gottes begegne. Wie in einem Spiegel erkenne ich dann meine Schwächen — und erfahre das als schmerzhafte Läuterung. Ich habe mich zwar grundsätzlich für Gott entschieden, doch der Schutt meines Lebens muß noch abgetragen werden. So macht jeder einzelne beim Tod seinen persönlichen Läuterungsprozeß durch. Fegfeuer ist also kein Ort, sondern ein Vorgang, der beginnt, sobald ich endgültig auf Gott treffe, doch dafür noch nicht ganz vorbereitet bin. Ob dieser Vorgang mehr oder weniger lange dauert, mag dahingestellt bleiben — von der Zeit oder Dauer zu sprechen hat hier ohnehin keinen Sinn mehr. Befinde ich mich dann doch schon in der Ewigkeit. Jedenfalls scheint die Bemerkung Jesu: "Wer etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der künftigen Welt", den Gedanken zu stützen, daß auch in der zukünftigen noch Vergebung und Läuterung möglich sind. Von da her ist es verständlich, warum wir für die Verstorbenen und für deren "Seelenruhe" beten, besonders um Allerseelen. Dahinter steht der Gedanke von der Gemeinschaft aller Glaubenden, die wir durch unsere Verbindung mit Christus in der heiligmachenden Gnade über diesen unseren gemeinsamen Bruder auch untereinander verbunden sind als Kirche und deshalb auch füreinander bei IHM eintreten können. Deshalb kommt meine gute Tat in der Nachfolge Christi (Nächstenliebe, geduldiges Ertragen eines Leidens) oder mein Gebet für die Verstorbenen, besonders, wenn wir das Opfer Christi in der heiligen Messe feiern, ihnen zugute. Daß etwas Derartiges möglich ist, hat schon im 2. Jh. v. Chr. im alttestamentlichen 2. Makkabäerbuch (12,38) der Freiheitsheld Judas der Makkabäer geahnt. War er doch der Überzeugung: Wir können Verstorbenen durch unser Gebet und Opfer helfen. Darum war es von den Anfängen des Christentums an ein fester Brauch, der Verstorbenen zu gedenken, wie viele Grabinschriften in den römischen Katakomben zeigen. Aus dieser Zeit wird uns ebenfalls überliefert, daß am Jahrestag des Todes der Verstorbenen bei der heiligen Messe gedacht wurde.


Wo und wie leben die Geretteten nach dem Gericht?

Darüber wissen wir kaum etwas. "Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet, die ihn lieben" (1. Kor 2,9). - Die Heilige Schrift sagt nur, daß wir leben werden, daß Gott uns zu sich ruft und daß wir bei ihm leben werden (2 Kor 5,8). Was die Bibel über das "Wie" dieses Lebens aussagt, das wir auch den "Himmel" nennen, sind nur Umschreibungen. Sie spricht vom "ewigen Leben", vom "immerwährenden Heil", von "Licht" und "Ruhe" — oder "ewigem Hochzeitsmahl" — "lebendigem Wasser". Das alles sind Versuche, das Unsagbare zu sagen.

Menschen, "die in der Gnade und Freundschaft Gottes sterben und völlig geläutert sind (von Resten und Schuld), leben für immer mit Christus. Sie sind für immer Gott ähnlich, denn sie sehen ihn, wie er ist: von Angesicht zu Angesicht" (Weltkatechismus Nr. 1023).

Die Hoffnung auf ein erfülltes Leben treibt uns schon hier ständig über unsere alltäglichen Erwartungen hinaus. Diese Hoffnung ist keine Illusion. Es gibt also für uns eine ungeahnte Bereicherung und Erfüllung, ein wirkliches und endgültiges Ziel. Das aber ist erst erreicht, wenn alle Erwartungen erfüllt sind, wenn alles Unzulängliche und Verkümmerte aufgehört hat, wenn wir zum endgültigen Sinn unseres Lebens durchgestoßen sind. Das geschieht, wenn Mensch und Gott zusammentreten, einander berühren. Das ist der "Himmel, wo der Mensch unmittelbar Gott schaut" (Mt 5,8). Dann kommt er ganz und gar zu sich selber, erfährt in vollen Zügen, was es heißt, Mensch zu sein. In jedem Leben gibt es Augenblicke inneren Glücks: Erlebnisse von Harmonie und Geborgenheit, von Freiheit und tiefer Erkenntnis, von Sicherheit und Kraft, von Friede und beglückender Freude, von Liebe und Geliebtwerden usw. Das kann eine Vorahnung dessen sein, was das heißt: im Himmel sein. Die Dunkelheit des eigenen Lebenslaufes lichtet sich für Momente, und wir ahnen schon etwas von dem Geheimnis, auf das wir zugehen.

Die Frage: "Wo ist der Himmel?", ist eigentlich nicht sinnvoll. Himmel ist ein Zustand, kein Ort. Er ist eine neue vollkommene Art, mit Gott zu leben, nicht außerhalb unserer Welt oder jenseits der Wolken oder im Milchstraßensystem. Der Himmel ist vielmehr die vollendete erlöste Welt, durchstrahlt von der bergenden Nähe Gottes und Jesu Christi: "Ihre Leuchte ist das Lamm" (Offb 21,23). Wenn die Bibel Raumvorstellungen verwendet, wenn sie sagt, daß Gott "oben" und "im Himmel" sei, so bringt sie damit die Andersartigkeit Gottes zum Ausdruck. — Manchmal kann man den Einwand hören: Die Christen erwarten ein Paradies im Jenseits, weil sie vor den Schwierigkeiten unserer konkreten Welt kapitulieren. Für den einen oder anderen Gläubigen mag das vielleicht zutreffen. Wirklich christlich wäre eine solche Haltung jedenfalls nicht. Paulus sagt vielmehr: "Jeder wird seinen Lohn empfangen gemäß seiner Arbeit" (1. Kor 3,8). Mit anderen Worten: Unser Schicksal entscheidet sich schon jetzt durch das, was wir Tag für Tag tun. Unser irdisches Leben ist also nicht bedeutungslos für den Himmel. Alles Gute hier auf Erden, das ich getan habe — oder schlimmes Leid, das ich erfahren habe, ist vielmehr "aufgehoben" und geht in den Himmel ein — ist schon jetzt Anfang vom Himmel bei uns.

Dieser "Himmel" hat schon begonnen mit der Erhöhung Christi durch Kreuz und Auferstehung. Häufig betont die Bibel, daß wir in Gemeinschaft mit Christus (bei Gebet, Mitfeier der Liturgie, Taten der Liebe, geduldig ertragenem Leid) bereits Gott sehen (Jo 12,45) - ja, daß wir durch ihn schon zum neuen Leben (in der Taufe) auferweckt und in den Himmel versetzt wurden (Eph 2,4-7). Das Entscheidende für unsere endgültige Zukunft ist also bereits geschehen. Der Himmel (= Leben mit Gott) hat bereits angefangen. Nur können wir diese Wirklichkeit noch nicht mit unseren Sinnen und unserem Verstand erfassen und in unserem Herzen erleben. — Doch "was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an, er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann" (Gotteslob Nr. 546,2).

Wir müssen eben noch heranreifen und uns bewähren — noch können wir scheitern —, bis zu unserem Tod bleibt alles noch offen, was wir aus der Chance der Frohen Botschaft und unseres Glaubens machen — offen aber immer noch bis zu unserem Gericht im Tod — auf die Erfüllung unseres Lebens bei Gott.


Hölle — die unaufhörliche Sinnlosigkeit, Leere und Einsamkeit

"Wir können nicht mit Gott zusammen leben, wenn wir uns nicht freiwillig dazu entscheiden, ihn zu lieben. Wir können aber Gott nicht lieben, wenn wir uns gegen ihn, gegen unseren Nächsten oder gegen uns selbst schwer versündigen: ,Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Mörder. Und ihr wißt: Kein Mörder hat ewiges Leben, das in ihm bleibt' (1 Joh 3,14-15). Unser Herr macht uns darauf aufmerksam, daß wir von ihm getrennt werden, wenn wir es unterlassen, uns der schweren Nöte der Armen und Geringen, die seine Brüder und Schwestern sind, anzunehmen. Wer in der Todsünde stirbt, ohne diese bereut zu haben und ohne die barmherzige Liebe Gottes anzunehmen, bleibt durch eigenen freien Entschluß für immer von ihm getrennt. Diesen Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen nennt man Hölle" (Weltkatechismus Nr. 1033)

Jesus nennt mehrfach zwei Lebensformen nach dem Tod: Freude und Erfüllung sowie Leere und Trostlosigkeit. Der Mensch wird aber nicht in diese düstere Ausweglosigkeit hineingestoßen. Er kann sich nur selber hineinbegeben, verschließt sich dann in sich selber, versucht auf eigene Faust selig zu werden. Verlangt nicht mehr als sich allein, und der bleibt dann auch für alle Ewigkeit auf sich allein zurückgeworfen. Und das bedeutet die Hölle. Denn der Mensch ist vor allem auf Gott ausgerichtet. Seinen persönlichen Widerspruch dazu erfährt er darum als Leere, Überdruß, Verzweiflung und Zerrissenheit. Paulus meint deshalb, ein solcher Mensch sei schon jetzt mehr tot als lebendig (Rom 6,16-23; 8,6-13). Erist dem Untergang preisgegeben (Phil 3,19). Stirbt er, dann ist er buchstäblich doppelt tot. Die Heilige Schrift nennt diesen Zustand nach dem Tod den "zweiten Tod" (Offb 20,14). Wir sagen ja auch, wenn ein Leben völlig gescheitert ist: "Das ist kein Leben mehr." Das "Feuer", das in der Hölle brennt, ist nichts anderes als das Grauen vor dieser völligen Sinnlosigkeit. Das Knirschen mit den Zähnen, wie es die Bibel nennt. Von einer "Hölle auf Erden" sprechen wir auch, wenn Menschen nur auf sich selber fixiert sind, daß sie nicht anders können, als ihrem Gegenüber ständig Leid zuzufügen.

Wo der Mensch auch im Tod diese Haltung radikal beibehält, schließt er sich selbst von der erlösenden Welt aus. Hölle ist also im Grunde nichts anderes als die Folgen der ständigen Ablehnung Gottes und des Nächsten. Auch hier wird deutlich: Nicht Gott straft den Menschen, sondern der Mensch verurteilt sich selbst.

Ob es Menschen gibt, die völlig das Ziel ihres Lebens verfehlen, und wie viele es sind, darüber bringt die Bibel keine Statistik. Nicht einmal von Judas, dem Verräter Jesu, wissen wir es. Jedenfalls ist kein Mensch für die Hölle geschaffen. Die Liebe Gottes wird aber ohnmächtig, wenn sie abgelehnt wird.

"Niemand wird von Gott dazu vorherbestimmt, in die Hölle zu kommen. Nur die freiwillige Abkehr von Gott, in der man bis zum Ende verharrt, führt dazu. Bei der Eucharistiefeier und in den täglichen Gebeten erfleht die Kirche das Erbarmen Gottes, der ,nicht will, daß jemand zugrunde geht, sondern alle sich bekehren' (2 Petr 3,9)" (Weltkatechismus Nr. 1037).




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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