Ermlandbriefe (1/1994)
Katechismus-Ecke - Ostern 1994


Von den letzten Dingen (1)

Tod - und dann?

Von Pfarrer Dr. Claus Fischer

Was geschieht, wenn ein Mensch stirbt?


Den letzten Schritt tut jeder allein für sich: wenn der Atem aussetzt, das Herz stillsteht, die Gehirntätigkeit endet. Ist damit schon alles über den Tod ausgesagt?

Warum muß der Mensch sterben?

Einmal, weil sich der Körper in seinen Kräften verbraucht. Sterben ist also etwas Natürliches. Aber — gibt es uns nicht zu denken, daß es körperlich kranke und alte Menschen gibt, die geistig sehr jung, hellwach und unverbraucht geblieben sind? Der Tod eines Menschen ist also nicht bloß ein chemisch-physikalischer Vorgang.

In der Heiligen Schrift wird der Tod in Zusammenhang gebracht mit der Sünde, die von Anfang an das Menschenleben stört. "Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod" (Römerbrief 5,12). Das soll nicht heißen, daß ohne die Sünde der Mensch nicht sterben würde. Aber er hätte dann den Tod nicht als sinnlose Katastrophe erfahren, sondern als Umwandlung und Höhepunkt des eigenen Lebens. Nur in Verbindung mit Gott kann sich der Mensch der zerstörerischen Macht des Todes entziehen. Im Weltentwurf Gottes ist der Tod tatsächlich ein Feind des Menschen. Auch unser Verlangen nach Leben, gerade wenn wir unmittelbar vom Tod bedroht sind, bringt uns zum Bewußtsein, daß menschliches Leben über den Tod hinausdrängt.

Viele sehen im Tod eine Wand, an der das Leben unwiderruflich scheitert. Sie meinen: Die Vertröstung auf einen Himmel lenke bloß vom eigenen Mißbefinden und sozialem Elend hier auf Erden ab. — Kurzum: Mit dem Tod ist alles aus. — Wenn das so wäre, dann handelt richtig, wer sein Leben nur noch genießt und seine Ellbogen gebraucht. Doch wer sein Geld und seine Kraft in den Dienst der Kranken und Armen stellt, wäre bloß der Dumme. Und doch drängt in uns etwas über die vollständige Vernichtung hinaus. Viele Menschen haben das Verlangen, in ihren Werken oder in ihren Kindern weiterzuleben. Andere "machen Geschichte" und gehen im Gedächtnis der Menschen nicht unter, wie etwa die Pharaonen mit ihren Pyramiden! Das alles ist doch nur ein Schatten, weil darin der Mensch nicht selber weiter lebt, sondern nur sein Nach-Hall.

Wir glauben: "Der Tod ist durch Christus umgewandelt worden. Auch Jesus, der Sohn Gottes, hat den Tod erlitten, der zum menschlichen Dasein gehört. Obwohl er vor ihm zurückschreckte (am Ölberg), nahm er ihn auf sich in völliger und freier Unterwerfung unter den Willen seines Vaters. Der Gehorsam Jesu hat den Fluch, der auf dem Tod lag, in Segen verwandelt" (Weltkatechismus Nr. 1009).

Jesus hat uns also von der Sinnlosigkeit eines Lebens ohne Ziel erlöst, nicht am Tod vorbei, sondern mitten durch den Tod hindurch geht er zu Gott, seinem Vater. Wer sich im Glauben an ihm festhält, folgt ihm auf seinem Weg. Durch das Sakrament der Taufe ist der Christ schon mit Christus gestorben, um aus dem neuen Leben seiner Auferstehung sich aufzurichten. Auch Paulus hat es erlebt, wie hart der Tod in unser Leben eingreift und Hoffnungen, Planungen und Gemeinschaften zerreißt. Dennoch bedeutet Sterben für ihn nicht bloß einen schmerzlichen Abschied, sondern Heimkehr: "Denn für mich ist Christus das Leben, und Sterben Gewinn. (...) Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein (. . .)" (Philipperbrief 1,21 + 23). Für einen an Christus glaubenden Menschen bringt der Tod nicht ein sinnloses Ende, sondern Durchgang zu neuem Leben — wie bei Christus — und zusammen mit ihm.

Was geschieht im Tod?

Besonders tief erschüttert uns, wenn ein Kind stirbt, das noch sein ganzes Leben vor sich hätte. Dann wird uns klar: Der Tod trifft einen Menschen keineswegs in dem Augenblick, wenn jemand von sich aus sein Leben vollendet hat. Im Tod geschieht meine Vollendung, wenn ich mein Leben überschaue mit Schwächen und Höhepunkten und dann die entscheidende Tat meiner endgültigen Entscheidung fälle. Sterben geschieht nicht nur in einem Augenblick. Immer dann, wenn ich eigene Wünsche und Vorstellungen vom Leben aufgeben muß, aber auch bisherige Möglichkeiten und Tätigkeiten oder auch liebe Menschen, stirbt in mir schon etwas. Im Tod löse ich mich von meiner bisherigen Art zu empfinden, zu denken, zu entscheiden und zu wirken. Dann kann ich überschauen, was durch mich und in mir geschehen ist: das Unfertige, Unausgeglichene in meiner Persönlichkeit. Dann kann ich klar über alle bisherige irdische Begrenztheit hinaus den Sinn meiner eigenen Geschichte begreifen. — Ob etwas davon Menschen erlebt haben, die klinisch tot waren, wenn sie "darüber schwebten"? — Wenn ich mich löse von meiner bisherigen hinfälligen Lebensweise, löse ich mich aber nicht auf ins Nichts, sondern ermögliche eine letzte irdische Tat meiner Persönlichkeit: Ich ziehe Bilanz und entdecke spätestens dann das Wirken der Gnade Gottes in meinem Lebenslauf. Auch wird mir spätestens dann bewußt, daß ich hinüber gehe zu GOTT. So wird mir der Sinn meines Lebens klar und die Erkenntnis, wie ich darauf hingelebt habe. So werde ich im Tod reif für die Ernte meines Lebens.

Auch wer nie eine Beziehung zu Gott hatte, weil er ihm als Tyrann oder Märchen vorgestellt wurde, hat die Möglichkeit, ihm persönlich zu begegnen. Auch der geistig Behinderte oder psychisch Kranke, ja selbst das ungeborene Kind, können ihr Menschsein zur Reifung bringen.

Dennoch ist es leichtsinnig, sich ein Leben lang nicht um Gott zu kümmern, in der Hoffnung, daß dafür noch Zeit sein wird. Wer weiß, ob ich dann die Kraft aufbringe, plötzlich die eigene Vergangenheit zu verleugnen und gegen meine bisherige Gewohnheit mich neu zu orientieren? Was wir in der Zukunft sein möchten, haben wir schon jetzt anzufangen. Denn unsere letzte Entscheidung ist entweder eine Bestätigung unseres früheren Verhaltens oder eine Korrektur, vielleicht auch ein Widerruf des ganzen bisherigen Lebenslaufes. Alle Unwissenheit und alles Hin- und Herschwanken hört mit dem Tod auf.

,"Wenn unser einmaliger Lebenslauf erfüllt ist' (LG 48) — unsere Pilgerschaft auf Erden — kehren wir nicht mehr auf diese Erde zurück, um noch weitere Male hier zu leben. ,Es ist dem Menschen bestimmt', ,ein einziges Mal zu sterben' (Hebräerbrief 9,27). Nach dem Tod gibt es keine ,Reinkarnation'" (Weltkatechismus Nr. 1013). - Der Christ, der sein Sterben in der Haltung der Hingabe Jesu auf sich nimmt, versteht seinen Tod als Durchgang mit Jesus ins ewige Leben.

"Um mit Christus aufzuerstehen, muß man mit Christus sterben. Dazu ist es notwendig, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein' (2. Korintherbrief 5,8). Bei diesem Aufbrechen wird die Seele vom Leib getrennt" (Weltkatechismus Nr. 1005). Nach der Bibel ist Leib mehr als nur Körper. Leib meint den ganzen Menschen in seiner Hinfälligkeit, während Seele den ganzen Menschen meint, insofern er Bild Gottes ist. Nicht etwas vom Menschen, nicht sein Körper wird auferweckt, sondern jeder einzelne als Persönlichkeit mit seiner ganzen Geschichte, mit dem, was er getan und erlitten hat. — So heißt es von den Verstorbenen "sie werden auferweckt werden" (1. Korintherbrief 15,22). Und dem reumütigen Schacher am Kreuz sichert Jesus zu: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein" (Lukasevangelium 23,43). — Wie das geschieht, wissen wir nicht. Aber wie sollen wir davon sprechen? Halten wir uns an die Sprache der Heiligen Schrift: Sie sind "entschlafen"; sie werden neu leben; sie sind in die Wohnung des Herrn eingezogen; sie warten; sie sind dabei, auferweckt zu werden; sie fangen an, bei Gott zu leben. Solche Worte geben Gottes Botschaft wieder. Ich hoffe, daß auch ich bei ihm geborgen sein werde.




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Zuletzt geändert: 8. Januar 2016
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